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richten, kehre zur Welt und zu den Menschen zurück, vereinige Dich mit dem brüderlichen Kreise und nimm die Blumen, die Dir die mütterliche natur mit freundlichem Lächeln hinreicht. – O könnt ich den bösen Geist beschwören, der in Dir wohnt, damit nach wenigen Wochen der glückliche Lovell den glücklichen Balder wieder in seine arme schliessen könnte.

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Balder an William Lovell

Neapel.

Meine Lage hat sich seit meinem neulichen Briefe sehr geändert. Mein Fieber nimmt mit jedem Tage zu, so wie mein Widerwille gegen die ganze Welt. – Unter allen Menschen, die ich bisher habe kennen lernen, hat noch keiner meine Erwartungen befriedigt; auch über Dich, William, kann ich mich mit Recht beklagen, aber doch entsprichst Du noch dem, was ich von einem Menschen und meinem Freunde fordre, am meisten: darum höre jetzt die Bitte Deines kranken Freundes, und erfülle Dein halb im Scherze gegebenes Versprechen, mich hier in Neapel zu besuchen. Auf eine wunderbare Weise fühl ich mich einsam, ein Schatten, ein laut kann mich erschrecken, die Fibern meines Körpers erzittern bei jedem Anstosse auf eine schmerzhafte Art; ich weiss nicht, welches seltsame Grausen mich umgibt, meine Brust ist beklemmt, wie von fremden unsichtbaren Wesen umgeben fühl ich mich fürchterlich beschränkt; komm, vielleicht kannst Du mich trösten. – Wenn ich nach und nach der Welt wie ein verdorrter Baum absterbe, so möchte ich gern der bist, so lass mich nicht zu lange nach Deiner Gegenwart schmachten.

Shakespeares Hamlet ist meine tägliche Lektüre; hier finde ich mich wieder, hier ist es gesagt, wie nüchtern, arm und unerspriesslich das Leben sei, wie Wahnsinn und Vernunft ineinandergehn und sich einander vernichten, wie der nackte Schädel endlich über sich selber grinset und hohnlacht, und von aller Schönheit und Lust, von allem Ernst und aller Affektation nichts mehr als diese weisse widerwärtige Kugel übrigbleibt. – O meine Phantasie sieht Gestalten! –

Oder war es mehr als Phantasie, was mich in der gestrigen Mitternacht so sehr erschreckte? – Wenn es etwas mehr wäre! – Und doch kann es nicht sein. – Doch welcher Sterbliche wagt es, die Grenze zu ziehen, wo die Wirklichkeit aufhören soll? Wir vertrauen unserm aus Staube gebildeten Gehirne zu viel, wenn wir nach eben den massen, die wir hier unten gebrauchen, auch eine Welt messen wollen, die mit der hiesigen keine Ähnlichkeit hatvoll Scham über seine Anmassung sinkt einst der Geist vielleicht zu Boden, wenn die körperliche Hülle von ihm genommen wird.

Es war gegen Mitternacht, mein Bedienter schlief und das Nachtlicht warf nur matte Strahlen durch das Zimmer; alles war still, eine Grille zirpte im Kamine ihre einförmige Melodie ununterbrochen fort. – Ein wunderbares Ideenspiel begann in meinem kopf als ich zu lesen anfing.

Ich sah die abenteuerliche Nacht, den Stern oben, der durch den Wipfel eines Baumes flimmerte, grosse Schatten vom Palaste her, und Lichter in der Ferne, Horatio in der Spannung, der der seltsamen Erzählung seines Freundes zuhörtund nun tritt plötzlich der Geist auf, langsam und leise schwebt er her, ein schwarzer Schatten, um den ein bleicher Schimmer fliesst, matt wie das blaue Licht einer auslöschenden Lampe. – Ich fühlte, wie mir ein Grauen mit kalter Hand über den Nacken hinab zum rücken fuhr, die Stille um mich her ward immer toter, ich selber ging immer weiter in meinem inneren zurück, und betrachtete in meiner innersten Phantasie mit grauendem Wohlbehagen die Erscheinung, aus der umgebenden Welt verloren.

Plötzlich hört ich einen langen, leise gezogenen Schritt durch das Zimmer, ich blickte wieder aufund ein Mann ging hinter mir, nach der Tür meines Schlafzimmers zu, sein Auge begegnete mir, als ich mich umsah; ein unwillkürlicher Ausruf entfuhr mirer ging unbefangen in mein Schlafzimmer, ich sah ganz deutlich die weissen Haare auf seinem kopf; der Schatten an der Wand folgte ihm nach, auf eine fürchterliche Art verzogen. –

Es ist mir selber unbegreiflich, warum ich im ganzen so kalt und fast ruhig blieb, da ich doch einen Schauder in meinen innersten Gebeinen fühlte; in dem Entsetzen lag eine Art von wütender Freude, ein Genuss, der vielleicht ausserhalb den Grenzen des Menschen liegt. – Ich kann mir nichts Fürchterlicheres denken, als diese Erscheinung zum zweiten Male zu sehen; und doch wiederhol ich mir vorsätzlich den Schreck, das starrende Grausen dieses Augenblicks. –

Ich rief meinen Bedienten; er hatte nichts gehört, in der kammer war keine Spur, ich hatte sogar den Schlüssel noch auf dem Tische liegen, und sie war verschlossen. Ich liess Rosa kommen, er kannte mich nicht wieder, er blieb bei mir, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, stets sah ich den fremden Mann mit dem leisen bedächtlichen Schritte durch das Zimmer schleichen.

Wenn es nicht Phantasie warund mein Bewusstsein kämpft gegen diese Meinungwas war es denn? – War dies keine Wirklichkeit, so steh ich im Begriffe, alle Erscheinungen der Dinge ausser mir für Täuschung meiner Sinne zu erklären; und fällt dann nicht alles zusammen? Wunder und Alltäglichkeit? – und wer bin ich dann?

Dann sitz ich hier in einer weiten milden ausgestorbenen Leere, bilde mir ein, einen Brief zu schreiben, an ein Wesen, das sich nur meine Phantasie erschaffen hat – o ich muss aufhören, auf diesem Wege kann man wahnsinnig werden; – und wenn ich es würde? Vielleicht wäre dann die