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mir bald zu antworten, denn ich weiss, dass Sie stets mit meinem Sohne korrespondiert haben; er hat vielleicht den Freund weniger als den Vater vernachlässigt.

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Amalie Wilmont an Emilie Burton

London.

Was ich mache, meine liebste Freundin? Ich weiss es selbst nicht genau, ich bin nicht krank, und doch auch nicht wohl. Wenn ich zu Ihnen nach Bondly kommen könnte, würde ich einmal wieder recht vergnügt sein, so vergnügt, wie damals, als Lovell bei Ihnen war. – Ich weiss nicht, wie der böse Mensch seinen Vater und uns alle so ängstigen kann, er hat seit langer Zeit nicht geschrieben, und man fürchtet nun, er sei tot. Sollte es blosse Nachlässigkeit sein, so wäre sie unverzeihlich. – Sagen Sie mir, was Sie denken, ich wollte lieber, wir könnten so freundschaftlich und vertraut wie ehemals darüber sprechen. – Sie waren stets so gütig gegen mich, wir waren immer so froh miteinander, vielleicht könnten Sie mich jetzt etwas erheitern; die Munterkeit ist mir wirklich nötig, ich fühle es, wie ein beständiger Schmerz an meinem Herzen nagt. Mortimer tut alles mögliche, um mich vergnügt zu machen, aber wenn ich auch zuweilen lache, so denke ich doch indes an Lovell, und weine innerlich, und LovellGott! wenn er tot wäreoder – o meine ten mir vom Schicksale so grosse Leiden zugedacht sein, da ich nichts verbrochen habe? oder war mein Glück, waren meine Hoffnungen Sünde? –

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William Lovell an Rosa

Tivoli.

Sie haben recht, Rosa, ich fange erst jetzt an, Sie zu verstehn. Was mir seit unsrer Bekanntschaft dunkel und rätselhaft war, tritt nun wie aus einem Nebel allgemach hervor; die Täler, die zwischen den Bergen liegen, werden sichtbar, mein blick umfängt die ganze Landschaft. – Ihr Geist zieht den meinigen zu sich hinüber; eben da, wo ich mich einst mit einer zu jugendlichen Voreiligkeit (ich darf es Ihnen nun wohl gestehn) über Ihnen erhaben fühlte, sehe ich mich jetzt um so mehr gedemütigt.

Was machen Sie und Balder in Neapel? Seit Ihrer Abreise fühl ich mich hier einsam und verlassen; es scheint, als wenn mir stets ein Freund zur Unterstützung notwendig wäre. Kommen Sie bald zurück!

Aber dennoch hab ich Ihnen, nur Ihnen allein jene Selbstständigkeit zu danken, die mir noch vor kurzem so fremd war. Sie haben mich aus jenen Wesen hervorgehoben, die in einer bejammernswürdigen Feigheit ihr Leben nicht zu geniessen wagen, die sich von unaufhörlichen Zweifeln tyrannisieren lassen und wie sich von den Schätzen der lebendigen natur mit Verachtung hinwegwenden, um eine dürre Klippe zu besteigen, wo sie sich dem Himmel näher dünken. Aber dort oben stehen sie verlassen; Felsenwände, die kein sterblicher Arm hinwegrücken wird, begrenzen ihre Aussicht; – um den Göttern ähnlich zu werden, sterben sie, ohne gelebt zu haben. – Nein, Rosa, hinweg mit diesem trostlosen Stolze! – Ich begnüge mich mit der Empfindung, ein Mensch zu sein; rasch entflieht das Leben, wehe dem, der vom irdischen Schlafe erwacht, ohne angenehm geträumt zu haben, denn wüste und dunkel ist die Zukunft.

Seit ich an diesem Glauben hange, lacht mir der Himmel freundlicher, jede Blume duftet mir süsser, jeder Ton klingt melodischer; die ganze Welt betrachte ich als mein Eigentum, jede Schönheit gehört mir, indem ich sie verstehe. So muss der freie Mensch durch die natur wandeln, ein König der Schöpfung, das edelste geschaffene Wesen, indem er am edelsten zu geniessen weiss. – Ich höre auf, nach Weisheit zu ringen, der sich kein Sterblicher nähern kannwarum lässt Sisyphus seinen boshaften Stein nicht endlich liegen? Warum werden die Danaiden ihrer unglückseligen Arbeit nicht überdrüssig? – Warum schaffen sich Tausende aus dieser schönen Welt freiwillig eine Hölle? –

Gönnen Sie mir diesen poetischen Entusiasmus, denn in einer schönen Stunde schreibe ich Ihnen, in dem Garten, der schon oft die Szene unsrer Freuden war. Die Luft ist durch ein Gewitter abgekühlt, und die schwarzen Wolken ziehen jetzt hinweg, ein schmaler Strahl bricht aus der Dunkelheit hervor und wirft einen roten Streif über die grüne Wiese, golden stehen die Spitzen der Hügel da, wie elysäische Inseln in einem trüben Ozean, in der Ferne wandelt ein Regenbogen durch den grünen Wald, die natur ist wieder frisch, die Wiesen duften; nur Ihre Freundschaft fehlt dem glücklichen Lovell.

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Rosa an William Lovell

Neapel.

Seitdem ich Ihren Brief erhalten habe, tut es mir mehr leid als je, dass ich mit dem melancholischen Balder hiehergereist bin; ich werde so schnell als möglich zurückkommen. Er wird mit jedem Tage finsterer und verschlossener, eine seltsame Art von Schwärmerei scheint seinen Geist in einer unaufhörlichen Spannung zu erhalten. Sie werden wissen, dass bei ihm die gewöhnlichen Zerstreuungen und Freuden des Lebens übel angebracht sind, sie dienen nur, seiner Laune einen noch finstrern Anstrich zu geben. – Ist es nicht kindisch, sich selbst und der ganzen natur deswegen zu fluchen, weil nicht alles so ist, wie wir es mit unsern beschränkten Sinnen fordern? – Aber ich kenne auch die Reize, die diese Schwärmerei uns anfangs gewährt, wir ahnden eine Vertraulichkeit mit Geistern, die uns entzückt, die Seele badet sich im reinsten Glanze des Äters und vergisst zur Erde zurückzukehren; aber die Kraft, die die Welt nach dem inneren Bilde der erhitzten Phantasie umwandelt, stirbt