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mich denkt? – Ich hoffe wohl. – Wie lebst Du in London, und fährst Du noch immer mehr fort, Dich in meine Schwester zu verlieben? – Ich möchte oft herzlich über uns beide lachen, ich fange auch wohl zuweilen an, aber es will nicht recht gelingen. – Bald komm ich zu Dir zurück, dann wollen wir wechselseitig unseren kranken Herzen Erleichterung schaffen.

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Mortimer an Karl Wilmont

London.

Mich freut es, dass der Ton in Deinem Briefe noch so ziemlich munter klingt; dies beweist, dass Deine Lage noch nicht so gefährlich ist, als Du sie gerne machen möchtest. Ich bin heute in grosser Versuchung, sehr ernstaft mit Dir zu sprechen; solltest Du also vielleicht bei gar zu fröhlicher Laune sein, so lege meinen Brief so lange beiseite, bis sie vorüber ist. Doch ich weiss, dass bei Dir lachen und Ernst seine Zeit hat, dass Du nicht zu jenen Humoristen gehörst, die nichts lieber, als den Ton ihrer eigenen Zunge hören und sich mit ihrem eigenen Geschwätze betäuben. – Das Wetter wird sehr stürmisch, mir scheint es daher am vernünftigsten, Du kömmst bald nach London zurück, denn welches Vergnügen kannst Du jetzt bei Deinem Herumstreifen haben?

Lovell fängt an ein nachlässiger Briefschreiber zu werden, er hat sehr lange nicht an Amalien geschrieben. Sie hat mir ihren Kummer darüber mit ihrer liebenswürdigen Offenherzigkeit geklagt, und ist es Leichtsinn, der Lovell abhält, so verdient er wirklich

Karl, ich mache mir unendlich oft Vorwürfe, dass ich sie so oft sehe, ich mache mir einen Vorwurf daraus, dass ich durch meine Zuneigung Lovell beleidige, und dann wiederdarf er je die Einwilligung seines Vaters zu dieser Verbindung hoffen? und liebt er sie auch wirklich? Hat er sie nicht vielleicht schon vergessen? – Wenn dies der Fall wäre, vielleicht dass sie dann ihre Liebe nach und nach zu mir übertrüge. – Dann, Karl, hab ich mir einen schönen Plan ausgedacht: glaube mir, dass man erst als Hausvater ein eigentlicher Bürger dieser Erde wird. Sie würde dann mein Weib; ich habe mir schon einen stillen reizenden Ort ausgesucht, wo ich mich anbauen will. Ich habe mir keinen poetischen und empfindsamen Plan entworfen, ich habe alles genau gegeneinander berechnet, ich weiss so ziemlich, welche Freuden man von dieser Welt zu erwarten hat, und meine Foderungen sind also nicht zu hoch gespannt; ich habe mir das Vergnügen gemacht, mir meine Einrichtung bis auf die kleinsten Umstände auszudenken, nur schade, dass ich noch auf die Hauptsache so wenig rechnen darf. Die Freuden des Herzens sind gewiss die reinsten und edelsten in dieser Welt, und jeder kann sie geniessen, wenn er sie nur nicht selbst verachtet. – Ich erwarte Dich also nächstens wieder in London. Lebe wohl.

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Der Graf Melun an Mortimer

Paris.

Sie verliessen, lieber Freund, Paris, als ich eben Anstalten zur Hochzeit mit der Comtesse Blainville traf; da Sie sich stets für mein Schicksal interessiert haben, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen einige nähere Nachrichten von dem Erfolge dieser Narrheit zu geben.

Sie würden jetzt mein Haus in Paris nicht wiederkennen, so sehr ist alles durcheinandergeworfen und verändert und modernisiert; ich bin so eingeschränkt, dass ich weniger Freiheiten habe, als meine Bedienten; alle meine vormaligen Freunde fliehen mein Haus und eine Schar von Zugvögeln gewöhnt sich nach und nach herein, die von der Freigebigkeit, oder vielmehr von der Verschwendung meiner Gebieterin leben; – ach Mortimer, ich sehe noch in meinem Alter einer drückenden Armut entgegen. So hart ist die Torheit eines alten Mannes bestraft, der nach so vielen Jahren von Erfahrung noch die närrische Foderung machte, ein Herz zu finden, das ihn um sein selbstwillen liebte. Ich wollte die letzte Periode meines Lebens recht ches verlorne Jahr zurückerkaufen, und ich habe eine Hölle um mich her versammelt. Die Comtesse hat mich durch ihre Verstellung betrogen, ich traute ihr ein Herz zu, aber sie lacht über diesen altfränkischen Galimatias, sie freut sich meines Kummers und wünscht meinen Untergang. Schon nach einigen Wochen meiner Heirat resignierte ich auf eine eigentlich glückliche Ehe, aber ich glaubte doch nicht so vielen Kummer erdulden zu müssen. Es gibt keine Kränkung, die ich nicht erleide, ja man macht sich ein Vergnügen daraus, recht öffentlich zu verfahren; mein Vermögen wird auf die unsinnigste Art verschwendet, sie hat ihren erklärten Liebhaber, einen Elenden, den sie bereichert, und der weder Witz noch Verstand hat, um andern zu gefallen. Eine Auszehrung scheint meinem Leiden ein Ende machen zu wollen, denn mit jedem Tage fühle ich mich matter. Dies ist nun der trübe Beschluss eines meist langweiligen Lebens, das ich fast ganz einer albernen Konvenienz zum Opfer brachte. – Bedauern Sie ihren Freund und geraten Sie nie in ein Unglück, das dem meinigen ähnlich ist.

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Walter Lovell an Eduard Burton

London.

Ich schreibe Ihnen in einer grossen Verlegenheit, selbst Traurigkeit, in welche mich das lange Stillschweigen meines Sohnes versetzt. Ich kann mir die Ursache nicht erklären, wenn er nicht gefährlich krank ist, und diese Erklärung vermehrt nur meinen Kummer. Sollte er Ihnen etwa in dieser Zeit Nachrichten von sich gegeben haben, so ersuche ich Sie um die gefälligkeit, mir diese mitzuteilen; Sie werden dadurch den Kummer eines Vaters lindern, dem tausend Bilder, eins trüber und schrecklicher als das vorige, vor der Seele schweben. Ich bitte Sie also,