, genug, ich will Dir die Sache erzählen, wie sie ist, Du wirst über Deinen Freund lächeln – aber, was ist es denn mehr? der Fall wird noch oft vorkommen. – Damit Du mich aber ganz verstehst, muss ich etwas weit ausholen.
Mein Vater hat eine kleine Gemäldesammlung, die nur sehr wenige historische Stücke und Landschaften entält, sondern meistenteils aus Porträten seiner Verwandten, oder andern, ihm merkwürdigen Personen besteht. Ich ging als Knabe nie gern in dieses Zimmer, weil mir immer war, als wenn die Menge von fremden Gesichtern mit einem Male lebendig würde: vorzüglich aber fiel mir ein Bild darunter stets auf eine unangenehme Art auf. Der Kamin des Zimmers ist in einem Winkel angebracht, wo ein starker Schatten fiel und ein Gemälde, das darüber hing, fast ganz verdunkelte. Es war ein Kopf, Eduard, ich weiss nicht, wie ich ihn Dir beschreiben soll – ich möchte sagen, mit eisernen Zügen. Ein Mann von einigen vierzig Jahren, blass und hager, sein Auge vorwärts stierend, indem das eine in einer kleinen Richtung nach dem andern schielt, ein Mund, der zu lächeln scheint, der aber, wenn man ihn genauer betrachtet, soeben die Zähne fletschen will; – eine beständige Dämmerung schwebte um dieses Gemälde und ein heimliches Grauen befiel mich, sooft ich es betrachtete, und doch heftete sich mein blick jedesmal unwillkürlich darauf, sooft ich durch dies Zimmer ging, daher hat meine Phantasie bis jetzt dies Bild so treu und fest aufbewahrt. Ich habe auch nie jene kindische Furcht vor diesem kopf ganz ablegen können: mein Vater sagte mir, es wäre kein Porträt, sondern die idee eines sehr geschickten Malers.
Ich hatte den Brief an Dich geendigt; ich gehe durch die Stadt, die Sonne war schon untergegangen und ein roter Dämmerschein flimmerte nur noch um die Dächer und auf den freien Plätzen. So will ich mich nach haus wenden, eile vor den einsamen Weinbergen und dem alten Tempel des heiligen Teodor vorüber, gehe dann weiter nach dem Bogen des Janus, um in die belebte Stadt zurückzukehren, als ich hinter der Mauer ein Wesen auf mich zuwanken sehe; als es etwas mehr auf mich zukam, zweifelte ich, ob es ein Mensch sei, ich hielt es für einen Geist, so alt, zerfallen, bleich und unkenntlich schlich es einher – jetzt stand es mir gegenüber und – – Eduard, Du errätst es vielleicht – es war jenes grauenhafte Bild meines Vaters! – Alle Gefühle meiner frühesten Kindheit kamen mir plötzlich zurück, ich glaubte in Ohnmacht zu sinken. – Es war ganz derselbe, nur jetzt um dreissig Jahre älter, aber alle jene schrecklichen Grundlinien, jenes unerklärliche Furchtbare, jenes verdammnisvolle Schreckliche. – Er hatte mein Erschrecken bemerkt – er sah mich an – und lächelte – und ging fort! – Eduard, ich kann keine Worte finden, Dir diesen blick und dieses Lächeln zu beschreiben. Mir war's, als stände mein böser Engel in sichtbarlicher Gestalt vor mir, als hört ich in diesem Augenblicke alle glücklichen Blätter aus dem buch meines Lebens reissen, wie ein Prolog zu einem langen unglückseligen Lebenslauf fiel dieser blick, dieses Lächeln auf mich – o Eduard, es hat mich erschüttert, darum verzeih mir, wenn ich zu ernstaft davon spreche.
Wer mag es sein? frag ich mich jetzt unaufhörlich – und wie hat mein Vater ein ihm so ähnliches Bild erhalten? –
11
Karl Wilmont an Mortimer
Glasgow.
Ich bin nun ganz Schottland durchstrichen und ich glaube, ich könnte ebensogut noch nach Irland und Abyssinien reisen, ohne gescheiter zurückzukommen. – Alle meine Onkeln, Vettern, Basen, Muhmen, Tanten und Geschwisterkinder haben mich gar nicht wiedergekannt, sie hätten darauf geschworen, ich wäre ausgetauscht, so übel hat mir die Liebe mitgespielt; ich fange an in der ganzen Welt meinen Ruf als Lustigmacher zu verlieren, die Empfindsamkeit hat alle meine Spässe gar armselig zugerichtet. – Ach, Freund, jetzt bin ich in der niedlichsten Stadt, die ich bis jetzt auf dem weiten Erdboden habe kennen lernen, die Schotten sind so herrliche und gastfreie Leuteaber ihr Gast taugt wirklich gar zu wenig, und darum werde ich wohl mit der Zeit wieder zurückreisen müssen. Hast Du mir aber irgend etwas zu schreiben, so tue es ja, denn einige Wochen denke ich noch hierzubleiben.
Mortimer, mir ist eingefallen, dass wir uns beide den Spass machen können, einander Elegieen zu dedigen, in der Poesie soll ja überdies ein Trost für alle möglichen Leiden liegen; statt uns die Haare auszuraufen, wollen wir dann Federn zerkäuen, statt an unsre Brust zu schlagen und zu seufzen, Verse an den Fingern abzählen; ich habe schon einige herrliche Gedanken dazu im kopf, wenn mir nicht ein Hagelschlag daruntergerät, kann das eine vortreffliche Ernte werden.
Sonst bin ich gesund, aber das Wetter wird unangenehm, ich wollte es wäre Frühling, und ich sähe Emilien wieder. – Sieh doch! und wäre mit ihr verheiratet und Vater von zehn Kindern – und – und – ich versichere Dich, dass ich jeden Satz, den ich anfange, mit Emilien endigen möchte. – Das weiss Gott, wie das mit mir werden soll. – Mit dem neuen Jahre hoff ich, soll es besser werden, das haben wir ja nun bald, und ich wünsche Dir und mir und allen Menschen, die vom neuen Jahre etwas wissen, alles mögliche Gute.
Ob sie wohl zuweilen an