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endlich; aber Marie hasste ihn beständig, sie hatte niemals seinen Worten geglaubt. Unsre Aussöhnung von allen Seiten war bald gemacht, die Verlobung mit Marien nach einigen Tagen gefeiert; ich forderte Waterloo, der aber nicht erschien, sondern dafür ein sicheres Mittel fand, sich an mir zu rächen. –

Ich ward bald nachher krank, ein anhaltender Schwindel mit Krämpfen und Ohnmachten verbunden, peinigte mich; der Arzt entdeckte noch zur rechten Zeit, dass ich Gift bekommen hatte, und nur die grösste Aufmerksamkeit konnte mein Leben retten; ich entging aber darum nicht einer langen und qualvollen Krankheit, die auch die Ursache aller meiner nachherigen Unfälle gewesen ist. Alles dies tat ein Mensch, der mein Freund war, den ich mit der grössten Zärtlichkeit liebte, um mit Marien eine ansehnliche Aussteuer zu erhalten. –

Waterloo hatte sich schon vorher entfernt, man wusste nicht, wo er geblieben war; nach einigen Monaten kam die Nachricht seines Todes. Ich ward, als ich genas, mit Marien verbunden, die mir aber nach einem kurzen Jahre wieder entrissen ward, indem Du mir geschenkt wurdest. – Ich weinte meinen Schmerz am Busen meines Freundes Burton aus, der über meinen Kummer Tränen vergoss; – bald nachher fiel mir ein Brief in die hände, woraus ich sah, dass Burton mit Waterloo einverstanden gewesen war, dass eine ansehnliche Belohnung, die man ihm aus Mariens Vermögen hatte zusichern wollen, ihn verführt hatte, ebenfalls Teilnehmer an diesem Komplott zu werden. –

Seit der Zeit hat mich Burton unablässig verfolgt. So wurde mein offnes Herz hintergangen, auf diese Art meine zärtliche Freundschaft belohnt!

Dies ist aber nur eine Szene meines Lebens, ich habe mehrere Stürme ausgehalten, wo meine Liebe auf eine ähnliche Art verraten wardich suchte Dich darum schon früh mit Menschen bekannt zu machen, und jenen jugendlichen Entusiasmus zu mildern; bis jetzt ist diese Bemühung vergebens gewesen, aber Du siehst wenigstens aus meiner geschichte, wie notwendig es ist. Lebe wohl, ich hoffe, dass Du die Anwendung auf Dich selbst am besten daraus wirst machen können. –

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William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Der italienische Winter kündigt sich schon durch häufige Regenschauer an. Ich verspare auf unser Wiedersehn alle meine Bemerkungen über die Kunstschätze und verweise Dich auf mein Tagebuch hierüber. Wie will ich mich freuen, wenn ich alle meine Papiere vor Dir in dem geliebten Bondly ausbreiten kann, und Du mich belehrst, und ich mit Dir streite. Ich will Dir lieber dafür von meinem Umgange und meinen Freunden erzählen. Rosa interessiert mich mit jedem Tage mehr; ohne dass er es selbst will, macht er mich auf manche Lücken in meinem Wesen aufmerksam, auf so viele Dinge, über die ich bisher nie nachgedacht habe und die doch vielleicht des Denkens am würdigsten sind, aber mein Verstand hatte sich bis jetzt nie über eine gewisse Grenze hinausgewagt. Rosa ermuntert mich, meine Schüchternheit fahrenzulassen, und er selber ist mein Steuermann in manchen dunkeln Regionen. Balder zieht sich oft ganz von uns zurück, er träumt gern für sich in der Einsamkeit, meine Besorgnis für ihn nimmt mit jedem Tage zu, denn er ist schöner, als es gewöhnlich um diese Jahrszeit zu sein pflegt, wir gingen im feld spazieren und ich suchte ihn auf die Schönheiten der natur aufmerksam zu machen, aber er brütete düster in sich selber gekehrt. – "Worüber denkst du", fragte ich ihn dringend; "du bist seit einiger Zeit verschlossen, du hast Geheimnisse vor deinem Freunde, gegen den du sonst immer so offenherzig warst. – Was fehlt dir?"

"Nichts", antwortete er kalt und ging in seinem Tiefsinne weiter.

"Sieh die reizende Schöpfung umher", redete ich ihn wieder an, "sieh wie sich die ganze natur freut und glücklich ist!" –

Balder: "Und alles stirbt und verwest; – vergissest du, dass wir über Leichen von Millionen mannigfaltiger Geschöpfe gehendass die Pracht der natur ihren Stoff aus dem Moder nimmtdass sie nichts als eine verkleidete Verwesung ist?"

"Du hast eine schreckliche Fähigkeit, allentalben unter den lachendsten Farben ein trübes Bild zu finden."

"Freude und lachen?" fuhr er auf, "was sind sie? Dies Grauen vor der Schönheit, ja vor mir selbst ist es, was mich verfolgt; vertilge dies in mir und ich werde dich und die übrigen Menschen nicht mehr abgeschmackt finden."

"Warum aber", fuhr ich fort, "willst du diese Art die Dinge zu sehen, die doch wahrlich nur eine Verwöhnung und kranke Willkür ist, nicht wieder fahrenlassen, und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen?"

"Um so zu sehen, wie du siehst", antwortete er, "ist aber dieser Anblick der wahre? Wer von uns hat recht? Oder werden wir alle getäuscht?"

"Mag es sein, aber so lass uns doch wenigstens den Betrug für wahr anerkennen, der uns glücklich macht."

Balder: "Deine Täuschung macht mich nicht glücklich, die Farben sind für mich verbleicht, das verhüllende Gewand von der natur abgefallen, ich sehe das weisse Gerippe in seiner fürchterlichen Nackteit. – Was nennst du Freude, was nennst du Genuss? – Könnten wir der natur ihre Verkleidung wieder abreissen – o wir würden weinen, wir würden ein Entsetzen finden, statt Freude und Lust."

"Und warum? – Mögen wir doch zwischen