1795_Tieck_095_38.txt

es war als wenn mich mein Genius aus London forttriebe. Ich liess mir nicht Zeit einzupacken, nicht einmal Burton meine Reise zu melden; ich nahm mit dem Anbruche des Tages die Post, und fuhr im schnellsten Trabe meiner Heimat zu. Ich verweilte nirgend, die grösste Eile war mir noch zu langsam, ich fuhr auch in der Nacht, um desto früher mein Landhaus wiederzusehn. – Ich mochte etwa nur noch wenige Meilen von dem schloss Milfords entfernt sein, als mir ein Zug geputzter und fröhlicher Bäuerinnen in die Augen fiel. Ich erschrak, ich fragte sie, welches fest sie heute feierten. Die Älteste unter ihnen trat hervor, und sagte mir mit einem naiven Lächeln, sie wollten dort nach dem schloss, (indem sie auf den Landsitz Milfords in der Ferne zeigte) um die Verlobung des Fräuleins und des Herrn Waterloo feiern zu helfen. – Ich verstummte, ich war wie vom Blitze getroffen, ich liess mir diese Nachricht wohl zehnmal wiederholen, ohne sie zu hören; ich glaubte, alles dies sei ein Traum, der mich noch in London ängstige, ich verlor alle Besinnung und liess endlich mit der grössten Geschwindigkeit vor das Schloss Milfords fahren.

Schon in einiger Entfernung weckten mich Trompeten und lärmende Musik aus meiner Betäubung. Ich sprang aus dem Wagen, die beschäftigten Bedienten bemerkten mich kaum; ich stürze wie wahnsinnig die Treppen hinauf, reisse die Tür auf und stehe im saal, unter einer Menge von bekannten und unbekannten Menschen; Marie stösst einen Schrei aus, und fliegt unwillkürlich in meine arme.

Alle waren erstaunt, Waterloo und der alte Milford werfen sich zwischen uns, sie trennen uns mit Gewalt. Marie wird fast ohnmächtig auf ihr Zimmer geführt, Waterloo folgt ihr, endlich bin ich mit dem Vater allein.

"Sie wagen es", fährt er auf, "hier zu erscheinen? So zu erscheinen? Haben Sie mein strenges Verbot vergessen?"

"Ja, ich wage es", rief ich aus, "ich wage dies und noch mehr. Waterloo ist ein Verräter, er soll mir seine Niederträchtigkeit mit seinem Leben büssen!"

Ich weiss nicht mehr, was ich alles sagte, aber eine heftige Wut hatte sich meiner bemeistert, ich fühlte Konvulsionen durch meinen Körper zucken, mein Blut siedete und meine Zähne knirschten. Milford war gelassen genug, mich austoben zu lassen; dann nahm er das Wort:

"Sie sehen", sagte er kalt, "wie ich Ihren wahnsinnigen Ungestüm erdulde, und meine Nachgiebigkeit macht Sie vielleicht so frech. – Sie sind mir überhaupt ein Rätsel. – Welches Recht haben Sie auf meine Tochter? – Sie lieben sie, wie Sie sagen, aber dieses Wort reicht nicht hin, meine Einwilligung zu erzwingen: und dennoch kommen Sie mit der Wildheit eines Verrückten zurück, ob Sie gleich recht gut wissen, dass Sie sich durch hundert Niederträchtigkeiten einer Verbindung mit meiner Familie unwürdig gemacht haben."

"Niederträchtigkeiten?" schrie ich auf und riss den Degen aus der Scheide.

"Nicht also!" rief Milford mit einem kalten Grimme, "lassen wir diese Spiegelfechterei; ich kann Ihnen Beweise geben."

Und nun fing er an, mir ein Register von Bosheiten, die ich verübt haben sollte, vorzulegen. Das meiste war gänzlich erdichtet, oder einige ganz unbedeutende Kleinigkeiten und Zufälle in ein verhasstes Licht gestellt; alles zeugte von der schändlichsten Erfindungsgabe, ich errötete oft über die Frevel, die man mir zur Last legen wollte. – "Und diesem", schloss Milford endlich, "soll ich mein Kind, die einzige Freude meines Lebens, überantworten? – Sie lieber hinrichten!"

Ich zwang mich gemässigt zu sein. – "Wer", fragt ich kalt, "ist der Erfinder dieser, wenigstens sinnreichen Lüge?"

"Einer, den Ihr Charakter am meisten kränktIhr Freund Waterloo! Ihr ehemaliger Lobredner."

Jetzt wunderte ich mich, dass ich nicht längst das ganze Gewebe der Bosheit durchgesehn hatte; der Schleier fiel jetzt ganz von meinen Augen. Grosse Tränen stürzten über meine Wangen herab, ich verlor in diesem Augenblicke einen Freund, den ich unaussprechlich geliebt hatte; mein Herz wollte zerspringen. Ich warf mich in einen Sessel, um die mannigfaltigen Empfindungen, die in meinem inneren wühlten, erst austoben zu lassen; Milford sah kalt und gelassen auf mich herab, er war ungewiss, ob er diesen Schmerz für Reue, oder für tiefe Kränkung halten sollte. – Endlich gewann ich die Sprache wieder, und nachdem ich mich völlig gesammelt hatte, war es mir ein leichtes, den Vater vom Ungrunde aller Beschuldigungen zu überzeugen. Er wütete jetzt gegen Waterloo, der ihn auf die boshafteste und schändlichste Art hintergangen, der ihn durch alle Künste der Verstellung zu seinem warmen Freunde gemacht hatte. – Er hatte anfangs meinen Freund und Bewunderer gespielt, und auf eine Verbindung zwischen mir und Marien eingelenkt, nach und nach war er zurückhaltender, endlich kalt geworden. Man hatte um den Grund dieses Betragens in ihn gedrungen; nach langen Umschweifen, nach vielen Klagen war er endlich mit der Entdeckung vorgerückt, dass er sich gänzlich in mir geirrt habe, dass er auf diese schmerzliche Weise einen werten Freund in mir verliere, nebst andern Ausbeugungen und moralischen Gemeinsprüchen. Jetzt ward eine Erdichtung nach der andern ausgesponnen, und als er mich bei Milford verhasst genug gemacht, suchte er in eben dem Verhältnisse dessen Liebe auf sich zu lenken. Dies gelang ihm auch