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seine Sitten verfeinert. Er war höflich und zuvorkommend, ohne fade, und gegen jedermann freundschaftlich, ohne abgeschmackt zu sein; sein Gesicht und vorzüglich sein blick hatten etwas Imponierendes, das anfangs zurückschreckte, bei einer nähern Bekanntschaft sich aber in Liebenswürdigkeit verwandelte, kurz, er schien mir das vollendete Ideal eines Mannes, der mich bald völlig bezauberte. Er interessierte sich vorzüglich für mich und ich übergab mich ihm gänzlich mit einer vollkommnen kindlichen Resignation; ich glaubte in ihm einen zweiten Vater gewonnen zu haben, er leitete alle meine Schritte, er war bald der Mitwisser aller meiner Geheimnisse, der Vertraute meiner Liebe, die ich ganz seiner Führung überliess.

Waterloos Witz, so wie seine übrigen Talente machten ihn nach kurzer Zeit zu einem gesuchten Gesellschafter in der Nachbarschaft umher, er ward allentalben eingeladen, und war nach dem ersten Besuche jedermanns Freund; so gewann er auch bald das nähere Vertrauen des alten Milford, den er vorzüglich oft besuchte. Er ward in wenigen Wochen dort der Freund des Hauses und er kam mir selbst mit dem Antrag entgegen, den Vater auf eine Verbindung zwischen mir und seiner Tochter vorzubereiten. Ich umarmte ihn tausendmal, ich dankte ihm für seine Freundschaft, ich sah dreister einer glücklichen Zukunft entgegen. – Als ich nach einiger Zeit Milford und seine Tochter besuchte, bemerkte ich mit Vergnügen, dass Waterloo schon sein Versprechen gehalten haben müsse; man empfing mich freundschaftlicher als je, Marie war weniger zurückgezogen, und als man uns im Garten einige Minuten allein liess, sagte sie mir, dass mein Freund zuerst ihren Vater auf mich aufmerksamer gemacht habe, und sehr oft von mir mit vielen Lobeserhebungen spreche. – Ich glaubte meines Glücks schon gewiss zu sein, ich machte hundert Entwürfe, ich dankte Waterloo wie ein entzückter Liebhaber, ich schwur, dass ich ihn mehr als meinen Vater, oder jeden andern Menschen liebe. – Meine Zuneigung für Marie Milford fing sich jetzt an öffentlicher zu zeigen, ich war weniger scheu und zurückhaltend, meine Liebe ward erwidert, ich war der glücklichste Mensch unter der Sonne.

Plötzlich ward meine Freude durch einen Schlag unterbrochen, der für mich desto schrecklicher war, je weniger ich ihn erwartet hatte. Ich erhielt an einem Morgen ein Billet vom Vater meiner Geliebten, worin er mich in wenigen Worten bat, ich möchte künftig aus Ursachen, die er mir jetzt nicht deutlich machen könne, sein Haus vermeiden. – Ich stand lange wie betäubt, ich konnte mich kaum von der Wirklichkeit dessen, was ich las, überzeugen. Ich suchte hundert Ursachen zu entdecken, die diesen empörenden Brief könnten veranlasst haben, aber ich fand keine, um dies Rätsel aufzulösen; ich ritt eiligst nach dem Landgute Milfords, um mit ihm selber zu sprechen und sein Betragen mir erklären zu lassen, aber ich ward nicht vorgelassen. – Zornig eilte ich nach haus und überliess mich meinen trübsinnigen Untersuchungen von neuem, aber meine Gedanken fanden keinen Ausweg aus diesem Labyrinte, ich entdeckte Waterloo meine seltsame Lage, der mich auf jede Art zu trösten suchte; er versprach mir zu ergründen, was diesen Vorfall veranlasst habe. Er hatte es durch die Kunst seiner Überredung und durch die freundschaftliche Art, mit der er mich zu zerstreuen suchte, dahin gebracht, dass ich etwas zufriedener von ihm ging. – Meine peinliche Lage dauerte einige Wochen hindurch, in welcher Zeit mir Waterloo bald tröstende, bald niederschlagende Nachrichten brachte; ich ritt einigemal an Milfords haus vorbei und sah Marien weinend am Fenster stehen. Waterloo tat alles, meinen Schmerz zu erleichtern, er war jetzt mein einziger Freund, denn Burton war schon seit einigen Wochen nach London gereist. Wir machten mannigfaltige Pläne, die wir alle wieder verwarfen. Endlich schlug mir Waterloo eine Reise nach London vor, die mich zerstreuen sollte, er wollte indes als mein Anwalt meine Sache unermüdet beim alten Milford fortführen; einige Verleumdungen und Missverständnisse müssten mir bei diesem Schaden getan haben, die sich gewiss binnen kurzem von selbst widerlegen und aufklären würden. Nach langem Streiten hin und her liess ich mich endlich überreden. Wir nahmen zärtlich Abschied, das Herz blutete mir, mich auch von meinem Freunde zu trennen; doch tröstete mich der Gedanke, dass ich Burton in London antreffen würde.

Ich reiste zu Pferde und ohne Begleitung; niemand sollte mich in meinen Träumen stören. Meine Reise ging nur langsam fort. Ich kam daher erst spät in London an. Burton empfing mich mit grosser Freude, er zog mich wider meinen Willen zu tausend Ergötzlichkeiten: Briefe von Waterloo nährten mich indes mit Hoffnung und besänftigten oft meinen wieder aufwachenden Schmerz. So ging nach und nach eine längere Zeit vorüber, als ich anfangs für meine Abwesenheit bestimmt hatte, denn ich war jetzt schon seit zwei Monaten in London gewesen. –

Ich erschien mir wie ein Tor, der sein Unglück fast verdiene; und so quält ich mich schlaflos in einer stürmischen Nacht auf meinem Lager; mit neuem Glanz trat Mariens Bild vor meine Seele, das Benehmen ihres Vaters war mir noch immer unerklärbar. Was konnte er von mir wollen? Was hatte er mir vorzuwerfen? – Ich bereute es, dass ich entfernt von ihr die Zeit verträumte und kaum den gang meines Schicksals kannte. London war mir mit seinem lärmenden Getümmel verhasst, der Wunsch in mir lebendig, dass ich wieder in ihrer Nähe leben wollte, auf meinem einsamen Landsitze, dass es mir jetzt vielleicht gelänge, ihren Vater mit mir auszusöhnen.

Als ich aufstand, war ich wie berauscht,