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neue Vorzüge und Talente, die ich vorher nicht erwartet hatte. Er scheint mir ein Muster zu sein, nach dem man sich bilden kann; dieser allesumfangende Geist mit diesem zarten Gefühle und diesem richtigen verstand, verbunden mit einem grossen Reichtume von Kenntnissenalles dies kann gewiss nur das Eigentum einer grossen Seele werden. –

Die Sonne geht unter, ich eile die grosse Treppe hier am platz hinauf, um die Kuppel der Peterskirche, des Vatikan und die ganze Stadt unter mir in Gold und Purpur brennen zu sehen.

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Walter Lovell an seinen Sohn William

London.

Meine Zeit wird jetzt durch den unangenehmen Prozess mit Burton beschränkt, ich kann Dir daher nur selten schreiben. – Doch will ich ein Versprechen erfüllen, das ich Dir in einem neulichen Briefe tat, Dir nämlich kurz einige Szenen meines Lebens zu erzählen, wo meine Standhaftigkeit auf eine harte probe gesetzt ward und wo ich Misstrauen und Menschenkenntnis zu einem ziemlich hohen Preis einkaufen musste.

Mein Vater wohnte in Yorkshire; sein Landgut lag in der Nähe von Bondly. Ich war sein einziger Sohn, nachdem ihm zwei Töchter und ein Knabe gestorben waren, und er erzog mich daher mit der zärtlichsten Sorgfalt; er versäumte nichts in der Ausbildung meiner Fähigkeiten und suchte mir schon früh ein zartes und bleibendes Gefühl für alles Edle und Schöne einzupflanzen. Da er aber einen übertriebenen Hang für die ländliche Einsamkeit hatte, so waren wir beide selten in Gesellschaft andrer Menschen; Bondly ward von uns noch am häufigsten besucht. So wuchs ich gleichsam in seinen Armen auf und lernte nur aus eiMenschen kennen; ich war mehr in der kindlichen, unbefangenen Zeit Homers zu haus, als in der gegenwärtigen; alle Menschen mass ich nach meinen eigenen Empfindungen, alles was ausser mir lag, war mir ein unbekanntes Land. Auf diese Art war es natürlich, dass tausend Vorurteile in mir aufwuchsen und feste Wurzel schlugen, die ganze Welt umher war nur ein Spiegel, in dem ich meine eigne Gestalt wiederfand. Unter allen meinen Bekannten zog mich keiner so an, als der junge Burton, der damals zwanzig Jahr alt war, nur wenig älter als ich selbst; unsre Bekanntschaft ward bald die vertrauteste Freundschaft: eine Freundschaft, wie gewöhnlich die erste unter fühlenden Jünglingen geknüpft zu werden pflegt, nach meiner Meinung für die Ewigkeit. Damon und Pylades waren mir noch zu geringe Ideale, meine erhitzte Phantasie versprach für den Freund alles zu tun, so wie sie jedes Opfer von ihm verlangte. In diesen Jahren gibt man sich nicht die Mühe, den Charakter des Freundes zu beobachten, oder man hat vielmehr nicht die Fähigkeit, dies zu tun; man glaubt sich selbst zu kennen und folglich auch den Freund, man trägt alles aus sich in ihn hinüber und das geblendete Auge findet auch in den beiden Charakteren die täuschendste Ähnlichkeit. – Eine solche Freundschaft dauert selten über die ersten Jünglingsjahre hinaus; es kommt bei den meisten Menschen doch bald eine Zeit, wo sie durch tausend Umstände gezwungen werden, aus ihrem poetischen Traume zu erwachen, dann finden sich beide, wenigstens einer von ihnen, getäuscht; dieser Moment, wo die rosichte Dämmerung der betrogenen Phantasie nach und nach verschwindet, gehört zu den unglücklichsten des Lebens.

Mein Vater, so wie jeder andere Unbefangene sah auf den ersten Augenblick, dass Burton mir völlig unähnlich sei; er war kalt und verschlossen, verschlagen und listig: ich kam ihm offenherzig, mit einer erhitzten Phantasie, mit einer übertriebenen Empfindsamkeit entgegen. – Aber ich glaubte, Burton besser zu kennen, als ihn jeder andre kannte, ich war überzeugt, dass die Augen der übrigen Menschen für seine Vorzüge blind wären, und so hielt ich meine Menschenkenntnis für richtiger und über der meines Vaters erhaben. So wie der Barbar einen sinnlich dargestellten Gott braucht, und sich irgendeinen Klotz dazu behaut, so braucht der schwärmende Jüngling ein Wesen, dem er sich mitteilt; er drückt das erste, das ihm begegnet, an seine Brust, unbekümmert, ob ihn jener willkommen heisse, oder nicht.

So lebte ich manches Jahr hindurch, ohne dass mein Geist eine andere Wendung nahm; die fast ununterbrochene Einsamkeit mochte wohl die vorzüglichste Ursache davon sein. Als ich kaum mündig geworden war, starb mein Vater und ich war mir nun ganz selber überlassen. Mein Schmerz über meines Vaters Verlust war heftig und anhaltend, aber Burtons Liebe tröstete mich. – Doch bald lernt ich in der Nachbarschaft ein schönes weibliches Wesen kennen, die nach wenigen Wochen so mein ganzes Herz gewann, dass ich wie im Zustande einer Bezauberung mein ganzes voriges Leben vergass und endlich innewurde, dass ich liebte, da ich bis dahin die Liebe nur Torheit gescholten, und das höchste Glück in der Freundschaft hatte finden wollen. Maria Milford war aus der reichsten Familie in der Nachbarschaft, und obgleich mein Vermögen selbst ansehnlich war, so war ich doch zu furchtsam, ihrem rauhen Vater einen Antrag zu tun; meine Erziehung hatte mir eine Menschenscheu eingeflösst, die ich nur erst sehr spät abgelegt habe, auch wollte ich überdies erst ihre persönliche Neigung zu gewinnen suchen; ein Wunsch, der auch in kurzer Zeit erfüllt wurde. Burton ward der Vertraute meiner Liebe, er war mein Ratgeber und zuweilen auch der Teilnehmer meines Kummers. Ich zögerte noch immer, mich dem Vater meiner Geliebten zu entdekken, als ein Oheim meines Freundes, Waterloo, von seinen Reisen aus Italien zurückkam. Er war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren; seine Reisen hatten seinen Verstand ausgebildet und