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Ist dies nicht ein ziemlich kleinlicher Eigensinn?

Doch ich vermeide jetzt jene hohen Spannungen der Einbildungskraft, und sie sind auch nicht immer die Ursache, die jenes niederschlagende Gefühl in mir erzeugen, das mich zuweilen wider meinen Willen verfolgt. Keiner, als Du Eduard, kennt so gut den seltsamen Hang meiner Seele, bei fröhlichen Gegenständen irgendeinen traurigen, melancholischen Zug aufzusuchen und ihn unvermerkt in das lachende Gemälde zu schieben; dies würzt die Wollust durch den Kontrast noch feiner, die Freude wird gemildert, aber ihre Wärme durchdringt uns um so inniger; es sind die Ruinen, die der Maler in seine muntre Landschaft wirft, um den Effekt zu erhöhen. Dieser Art von feinstem Epikureismus habe ich manche Stunden zu danken, die zu den schönsten meines Lebens gehörenaber jetzt gewinnen die traurigen Vorstellungen zuweilen so sehr die Übermacht in meiner Seele, dass sich ein düstrer Flor über alle andere Gegenstände verbreitet. Die Reise von Lyon durch Frankreich war die reizendste; allentalben frohe und singende Winzer, die ihre Schätze einsammeltenaber viele Meilen beschäftigte meine Phantasie ein weinender Bettler, den ich am Wege hatte sitzen sehen und dem ich im schnellen Vorüberfahren nichts hatte geben können. Mit welchen Gefühlen muss er den Frohsinn seiner glücklichen Brüder angesehn haben, da er gerade sein Elend so tief empfand! Mit welchem Herzen muss er dem schnell dahinrollenden Wagen nachgeseufzt haben! – Dann so manche kleine Szenen der Feindschaft und Verfolgung, einer kläglichen Eitelkeit, in der so viele Menschen den kleinen Winkel, in dem sie vegetieren, für den Mittelpunkt der Welt haltenach, hundert so unbedeutende Sachen, die den meisten Reisenden gar nicht in die Augen fallen, haben mir in sehr vielen Stunden meine frohe Laune geraubt.

Wohl mag dies übertriebne Reizbarkeit sein, die Abspannung notwendig macht und wohl in Hypochondrie ausarten kann. So quälte mich in manchen Stunden auf der Reise eine andre seltsame Vorstellung. Es war mir nämlich oft, als hätte ich eine Gegend oder eine Stadt schon einmal und zwar mit ganz anderen Empfindungen und unter ganz verschiedenen Umständen gesehen; ich überliess mich dann dieser wunderlichen Träumerei und suchte die Erinnerungen deutlicher und haltbarer zu machen und mir jene Gefühle zurückzurufen, die ich ehemals in denselben Gegenden gehabt hatte. – Oft wehte mich wohl auch aus einem stillen wald, oder aus einem Tale herauf das schreckliche Gefühl an: "dass ich eben hier wieder wandeln würde, aber elend und von der ganzen Welt verlassen, das Abendrot würde über die Berge ziehen, ohne dass ich auf die Umarmung eines Freundes hoffen dürftedas Morgenrot würde wieder aufdämmern, ohne dass meine Tränen getrocknet würden." Ich betrachtete dann die Gegend genauer, um sie in diesem unglücklichen Zustande wiederzuerkennen und oft trat mir unwillkürlich eine Zähre ins Auge. –

Aber wie komme ich zu diesen Vorstellungen? Du hast recht, die Melancholie ist ein ansteckendes Übel und ich glaube, dass sie bei mir nur eine fremdartige Krankheit sei, die mir Balder mitgeteilt hat. Er macht mich jetzt sehr besorgt, denn er ist verschlossener und trauriger als je; zuweilen begegne ich einem seiner verirrten Blicke und ich erschrecke vor ihm. Ich habe schon einigemal in ihn gedrungen, mir deutlicher von der Ursache seines tiefen Grams zu sprechen, aber vergebens. Sollte die Freundschaft keinen Trost für seine Leiden haben? –

Lebe wohl, Du erhältst meinen nächsten Brief aus Rom. –

8

William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Lieber Eduard, ich bin heute noch zu voll von den mannigfaltigen Eindrücken, die alles umher auf mich macht, um Dir einen langen Brief schreiben zu können. Die Asche eines Heldenalters liegt unter meinen Füssen, mit ernster Grösse sprechen mich die erhabenen Ruinen der Vorzeit an, die Kunstwerke der neuern Welt erzwingen meine Anbetung. Ich lebe hier wie in einem unendlich grossen Tempel, der heilige Schauer auf mich herabgiesst; bei jedem Schritte betret ich eine Stelle, wo einst ein verehrungswürdiger Römer ging, oder wo eine grosse Handlung vorfiel. Ein Drang zu Taten weht mich aus jeder Bildsäule an, begeisternde Schauder wohnen in den Trümmern aus der grossen Heroenzeit; in der Abenddämmerung denke ich oft, es müsse hinter dem Bogen des Janus, oder bei der Quelle der Egeria mir der Geist eines alten Römers erscheinen, und ich vertiefe mich dann so sehr in meinen Gedanken und den Erinnerungen der alten Zeit, dass es mir oft schwer wird, mich nachher wieder zurechtzufinden. den Vatikan und die Peterskirche gesehen hatte, war meine Empfindung so hoch gespannt, dass mir der erste Anblick des Platzes Popolo und der drei grossen Strassen, samt dem Obelisk nicht den Eindruck machten, den ich erwartet hatte. Ich stieg in meinem Quartiere auf dem Spanischen platz ab, und verirrte mich auf meinem Spaziergange in der unbekannten Stadt, indem die Sonne unterging. So geriet ich an das Panteon, ich ging hinein und ein heiliger Schauer umfing mich, ich wartete bis der volle Mond über der Öffnung der Kuppel stand und sah nun das herrliche Rund vom wunderbarsten Glanze erleuchtet.

Wie kann man sich in Rom allen seinen trüben und kränkelnden Empfindungen so überlassen, wie Balder tut? – Wie ist es möglich, dass nicht ein verzehrend Feuer durch alle Adern brennt und den Lebensgeistern zehnfache Kraft gibt? Rosa ist ein vortrefflicher Mensch, er ist ein geborner Römer und stolz auf seine Vaterstadt; erst seit wir hier sind, fängt sich an, seine Seele in ihrer ganzen Herrlichkeit zu entwickeln, er ist hier wie neubelebt, ich entdecke in ihm täglich