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, so weit wir sie erkennen konnten, vor uns, ein dichter Nebel hatte sich um die Berge gewickelt, und durch die Täler schlich ein finstrer Dampf; Wolken und Felsen, die das Auge nicht voneinander unterscheiden konnte, standen in verworrenen Haufen durcheinander; ein finstrer Himmel brütete über den grauen, ineinanderfliessenden Gestalten. Jetzt brach vom Morgen her durch die dämmernde Verwirrung ein schräger roter Strahl, hundertfarbige Scheine zuckten durch die Nebel und flimmerten in mannigfaltigen Regenbogen, die Berge erhielten Umrisse und wie Feuerkugeln standen ihre Gipfel über dem sinkenden Nebel. – Ich hielt, und betrachtete lange die wunderbaren Veränderungen der natur, die hier schnell aufeinander folgten; ich hatte es nicht bemerkt, dass der Wagen indes vorangefahren war: als ich wieder aufsahe, erblickte ich fünf Menschen, die aus dem nahen wald auf uns zueilten. Ferdinand machte mich zuerst auf ihr zweideutiges Äussere aufmerksam, und als wir noch darüber sprachen und eben im Begriffe waren, unsre Freunde wieder einzuholen, ergriff der eine von diesen Kerlen plötzlich den Zügel meines Pferdes, indem ein anderer in eben dem Augenblicke nach Ferdinand schoss, ihn aber glücklicherweise verfehlte. – Ich fühlte mich kalt und wenig verlegen, doch meine beiden Pistolen versagten; Ferdinand aber erschoss sogleich den einen dieser Räuber und stürzte auf die beiden andern mit einem Mute mit seinem Hirschfänger zu, den ich ihm nie zugetraut hätte. Ich verwundete jetzt einen zweiten, der sogleich die Flucht ergriff: kaum sahen die beiden übrigen, dass die Kämpfenden nun gleich und wir zu Pferde ihnen selbst überlegen waren, als sie sich schnell in den Wald zurückzogen. Rosa und Balder, die die Schüsse hatten fallen hören, kamen jetzt herbeigeeilt und bewunderten den Mut Ferdinands, vorzüglich Rosa; Ferdinand schien sich darin sehr glücklich zu fühlen, dass er mich gerettet habe; er sagte, für sich selbst sei er nicht besorgt gewesen, aber die Gefahr, in welcher er mich gesehen, habe ihn anfangs erschreckt. Auch der alte Willy keuchte jetzt den Berg wieder herauf und bedauerte nichts herzlicher, als dass die Spitzbuben schon davongelaufen wären, er hätte sich sonst mit ihnen herumschlagen wollen. – Der Tote ward in das Dorf geschafft, das wir erst kürzlich verlassen hatten; und so endigte sich dieser Unfall mit einer allgemeinen Freude über unsre Rettung.

Der fruchtbare und heitre Herbst gibt den Gegenden hier eine eigentümliche Schönheit; die üppige natur prangt mit allen ihren Schätzen; das frische Grün, der blaue Himmel, erquicken das Auge und die Seele. Ich habe schon Vall' ombrosa gesehen, die reizendste Einsamkeit, ich bin oft oben auf Fiesola, und gehe über die Gebirge hinweg und zur lachenden Stadt hernieder; ich besuche die anmutigen Haine, oder ich durchwandle die Tempel und ergötze mich an den Denkmalen alter Kunst. Täglich fühl ich mich entzückt, alles ist mir schon bekannt und der Reiz des Fremdartigen verbindet sich mit dem Gefühl des Heimischen.

Aber was ist es, (o könntest Du es mir erklären!) dass ein Genuss nie unser Herz ganz ausfüllt? – Welche unnennbare, wehmütige sehnsucht ist es, die mich zu neuen ungekannten Freuden drängt? – Im vollen Gefühle meines Glücks, auf der höchsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine Nüchternheit, eine dunkle Ahndungwie soll ich es Dir beschreiben? – wie ein feuchter nüchterner Morgenwind auf der Spitze des berges nach einer durchwachten Nacht, wie das Auffahren aus einem schönen Traume in einem engen trüben Zimmer. – Ehedem glaubt ich, dieses beklemmende Gefühl sei sehnsucht nach Liebe, Drang der Seele, sich in Gegenliebe zu verjüngenaber es ist nicht das, auch neben Amalien quälte mich diese tyrannische Empfindung, die, wenn sie Herrscherin in meiner Seele würde, mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen könnte. Ein solches Wesen müsste das elendeste unter Gottes Himmel sein: jede Freude flieht heimtückisch zurück, indem er darnach greift, er steht, wie ein vom Schicksale verhöhnter Tantalus in der natur da, wie Ixion wird er in einem unaufhörlichen martervollen Wirbel herumgejagt: auf einen solchen kann man den orientalischen Ausdruck anwenden, dass er vom bösen Feinde verfolgt wird. – Man fühlt sich gewissermassen in eine solche Lage versetzt, wenn man seiner Phantasie erlaubt, zu weit auszuschweifen, wenn man alle Regionen der schwärmenden Begeisterung durchfliegtwir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer Gefühleindem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen sind, und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschöpft hatdass die Seele endlich ermüdet zurückfällt: alles umher erscheint uns nun in einer schalen Trübheit, unsre schönsten Hoffnungen und Wünsche stehen da, von einem Nebel dunkel und verworren gemacht, wir suchen missvergnügt den Rückweg nach jenen Extremen, aber die Bahn ist zugefallen, und so befällt uns endlich jene Leerheit der Seele, jene dumpfe Trägheit, die alle Federn unsers Wesens lahm macht. Man hüte sich daher vor jener Trunkenheit des Geistes, die uns zu lange von der Erde entrückt; wir kommen endlich als Fremdlinge wieder herab, die sich in eine unbekannte Welt versetzt glauben, und die doch die Schwingkraft verloren haben, sich wieder über die Wolken hinauszuheben. Auch bei den poetischen Genüssen scheint mir eine gewisse Häuslichkeit notwendig; man muss nicht verschwenden, um nachher nicht zu darbensonderbar! dass ich alles dies vor wenigen Monaten von Mortimer schon hörte und es doch damals nicht glauben wollte! Seit ich es aber selbst erfunden zu haben glaube, bin ich vollkommen davon überzeugt. –