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Briefe zurückschicken; wenn Sie es verlangen, will ich mit den Ihrigen ebenso verfahren.

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Willy an seinen Bruder Tomas

Florenz.

Wir sind nun, lieber Bruder, schon mitten in dem sogenannten Italien, wo mir alles hier herum so ziemlich gut gefällt. Was mir immer närrisch vorkömmt, ist, dass in jedem land so eine eigne Sprache Mode ist, so dass mein gutes Englisch hier kein Mensch versteht, und ich verstehe wieder oft gar nicht, was die Leute von mir wollen. Wir sind über Savoyen und Genua gereist, aber allentalben wird Italienisch gesprochen, ob wohl gleich die närrischen Savoyarden nicht zu gut dazu wären, auch einmal Englisch zu reden; aber es ist, als wenn sich alle Leute hier meiner Muttersprache schämten.

Wir sind über hohe Gebirgsgegenden einigemal weggegangen. Wie einem doch von da Gottes Welt so gross und herrlich aussieht! Ich kann Dir nicht sagen, Tomas, wie sehr ich mich manchmal gefreut habe; aber die Tränen traten mir doch oft in die Augen, wie ich denn überhaupt manchmal etwas wie ein altes Weib bin, wie Du wohl auch ehemals zu sagen pflegtest. Aber ich kann's nicht ändern, wenn sich mir das ge so viele Meilen ins Land hineinsehe, Äcker, Wiesen und Flüsse und Berge gegenüber und die Sonne mit den roten Strahlen dazwischenund dabei gesund und froh! O Tomas, es ist ums Reisen eine herrliche Sache, ich wollt es Dir zeitlebens nicht abraten, wenn Du jemals zu einer Reise gelegenheit hast. Was mir ganz ein Rätsel werden könnte, ist, wie man unter Gottes schönem Himmel so betrübt und verdrüsslich sein könnte, als mir der Herr Balder zu sein scheint. Er tut wahrhaftig unrecht daran. Aber er sieht manchmal aus, wie ein armer Sünder, der am folgenden Morgen gehängt werden soll, so verloren und kümmerlich; dem guten mann muss doch irgend etwas fehlen, denn sonst, Tomas, würde ich ihn für eine Art von Narren halten, wie es wohl zuweilen etliche bei uns in England gibt, die sich freventlich und vorwissentlich totschiessen können, ohne dass sie selber eigentlich wissen, was sie wollen. – Beim Totschiessen fällt mir doch auch etwas ein, was ich Dir noch zu erzählen vergessen hatte, denn das Gedächtnis fängt bei mir an in Verfall zu geraten, und man sieht und erlebt so viele Dinge und mancherlei, Bruder, dass mir manchmal ist, als wenn ich in einem Traume läge und alle Sachen umher gar nicht da wären. – Wir fuhren einmal sehr langsam einen steilen Berg herunter, mein Herr William aber ritt zu Pferde, um die Gegend etwas genauer sehen zu können, und neben ihm ritt ein gewisser kleiner Bedienter des Herrn Rose, den er sich noch aus Frankreich mitgenommen hat, weil er ihn so gern leiden mag, wie es denn auch wirklich ein sehr artiger und flinker junger Bursche ist. Wir alle bekümmerten uns nicht viel um den Herrn William und er blieb eine gute Strecke hinter uns zurück; dieser Ferdinand, von dem ich eben geredet habe, ritt auch zu Pferde neben ihm her. Mit einem Male hörten wir hinter uns etliche Schüsseund nun, Tomas, hättest Du sehen sollen, wie alles so geschwind aus dem Wagen sprang und wie schnell ich von meinem Bocke herunter wares war, als hätten wir alle auf Pulver gesessen, das eben anbrennen wollte. – Wer geschossen hatte, das war niemand anders als mein Herr William, fünf Spitzbuben und der junge Ferdinand gewesen; einer lag schon davon tot auf dem Boden, das war aber zum Glücke nichts weiter, als einer von den Spitzbuben. Der Herr William sagte uns, er wäre in grosser Gefahr gewesen, aber Ferdinand hätte ihm meistenteils durch seine Courage sein Leben errettet, worüber wir uns denn alle gar gewaltig wunderten, besonders aber der Herr Rose, denn man sieht es wirklich dem jungen Burschen gar nicht an; aber so geht es oft in der Welt, Tomas, der Schein betrügt und aus einem Kalbe kann mit Gottes hülfe bald ein Ochs werden, und darauf hoffen wir auch alle jetzt bei dem jungen Ferdinand, aus dem gewiss noch mit der Zeit ein ganzer Kerl wird, da er schon so früh anfängt, sich tapfer zu halten. – Er eben hatte den einen Spitzbuben totgeschossen und war einem andern mit seinem Hirschfänger nachgejagt, als sich mein Herr indes mit den andern beiden herumbalgte. So waren sie endlich Sieger geworden. Mir tut es leid, dass ich dabei nichts weiter habe tun können, als zusehn, und auch das nicht einmal recht, denn wir kamen erst hin, als alles schon vorbei war. Ich hätte mich mit Herzenslust auf meine alten Tage noch gern einmal mit jemand durchgeschlagen und wär's auch nur ein Spitzbube gewesen, denn sie sind im grund doch auch Menschen, und wenn sie anfangen zu schiessen und stechen, so treffen ihre Kugeln oft besser, als die von ehrlichen Leuten: wie denn die ehrlichen Leute überhaupt selten so viel Glück haben, als die Spitzbuben; ich denke immer, dass es eine kleine Genugtuung für sie sein soll, dass sie nicht ehrlich sind; – doch, das weiss Gott allein am besten, und darum will ich mir den Kopf darüber nicht zerbrechen.

Wir sind jetzt in Florenz, aber schade, dass wir etwas zu spät angekommen sind. Da hab ich nämlich mit Wunder und Erstaunen gehört, wie hier mitten im Sommer viele Pferde