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) "drohst mir beständig über den Kopf zu wachsen. Aber lieben Freunde, alles dies erzeugt nichts als innerliche Zerrüttung und Verderben; bedenkt, dass ihr den sogenannten Menschen dadurch ins Unglück stürzt, der euch am Ende selbst deswegen verwünschen wird, wie man denn davon mehrere Beispiele hat. Um das innere Glück und die Ruhe zu erhalten, müsst ihr also notwendig meine Oberherrschaft anerkennen und euch willig unter meinem Szepter schmiegen, denn sonst scheine ich hier ganz entbehrlich zu sein. Wir wollen darum von nun an ein neues Regiment anfangen, und ich lebe der Zuversicht, dass ihr in Zukunft artiger und bescheidener sein werdet. – Nicht wahr?" – Dann neigen sich alle, und sagen ein demütiges "Ja", obgleich einige heimlich unter der Hand lachen, oder nur etwas in den Bart brummen, was ebensogut "Nein", als "Ja" heissen kann. Sie treten in aller Demut ab, und der Verstand fängt an in seinem Grossvaterstuhle zu überlegen, was er doch eigentlich für ein herrlicher Mann sei, der alles so hübsch unter dem Pantoffel halte; er macht Entwürfe, wie er künftig immer mehr seine herrschaft ausbreiten wolle, dass auch am Ende nicht die kleinste Neigung, der leiseste Wunsch, ohne seine Einwilligung aus ihren Schlupfwinkeln hervortreten sollten. Seine grossen Plane wiegen ihn nach und nach in einen süssen Mittagsschlummer, bis ihn ein taubes Gelärme, Getobe, Gekreische, gar unsanft wieder erwecken. "Was ist denn schon wieder vorgefallen?" fährt er auf. – "Ach! da hat die verdammte Liebe wieder tausend Streiche gemachtda hat sich die Eifersucht den Kopf blutig gestossen und in drei andre Köpfe gar Löcher geschlagenda ist der Zorn mit einem durchgegangenach, es lässt sich nicht erzählen, wie viele Unglücksfälle sich indes ereignet haben." – Der Verstand schlägt die hände über den Kopf zusammen und muss nun mühsam wieder alles ins Geleise bringen; oft aber legt er, wie ein Regent, der kein Mittel sich zu helfen sieht, plötzlich die Regierung nieder, entwischt aus seinem eigenen land- und dann ist alles verloren, in einer ewigen Anarchie zerrüttet sich der Staat selbst. – Der letzte Fall wird hoffentlich nie bei mir eintreten, aber der erste wahrscheinlich noch oft.

So hatte ich mir gestern fest vorgenommen, gegen Emilien kälter und zurückgezogener zu sein, ich hatte mir alle Gründe dazu so dicht vor die Augen gestellt, dass es mir nicht anders möglich war, sie nicht zu sehen, als gradezu die Augen zuzudrücken. Ich hatte mir ein ordentliches Schema gemacht, wonach ich handeln wollte, und mir bestimmt alle Linien vorgezeichnet, um in keinem Umstande zu fehlen. – Aber mir geht es oft wie einem ungeschickten Billardspieler, der der Kugel seines Gegners eine ganz andre Richtung gibt, als er wollte, oder sich gar selber verläuft. Denn kaum hatte ich meinem festen, unwandelbaren Vorsatze noch die letzte Kraft gegeben, als mir Emilie im Garten, als geschähe es mir zum Possen, begegnete. – Nun hast du ja die schönste gelegenheit, dachte ich bei mir, zu zeigen, wieviel deine Vernunft über dich vermag, widerstehe der Versuchung wie ein Mann. Ich wich ihr daher nicht aus, sondern wir gingen unter gleichgültigen Gesprächen auf und ab. Meine Kälte schien Emilien selbst zu befremden, sie äusserte dies einigemal im gespräche; aber ich hielt mich standhaft und freute mich innerlich über meine wundergrosse Seelenstärke. Wir gingen an einem Strauche vorbei und Emilie brach mit der unnachahmlichen liebenswürdigen Unschuld eine verspätete Rose ab, und reichte sie mir mit jener zärtlichen Unbefangenheit, die sich durch keine Worte ausdrücken lässt. Ich kam mir in diesem Augenblicke mit meinen Vorsätzen so albern und abgeschmackt vor, so nüchtern und armselig, dassdass ich ihr hätte zu Füssen sinken und Abbitte tun mögen. Ich weiss nicht, wie es geschah, aber plötzlich kam der Geist Lovells über michich drückte mit Entzücken die Rose an meine Lippen. – Unser Gespräch nahm jetzt eine andre und empfindsamere Wendung, ich hatte Abreise und alles vergessen, und sprach mich mit der grössten Unbesonnenheit in eine Wärme und Vertraulichkeit hinein, die sich nachher mit einer völligen Erklärung meiner Liebe endigte.

Emilie stand verwirrt, erfreut und betrübt zugleich, wie mir es schien; sie wagte es nicht, mir zu antworten, sie hatte meine Hand gefasst und drückte sie schweigend, aber herzlich; o lieber Mortimer, ich hätte einige Jahre meines Lebens darum gegeben, wenn ich diesen Moment der Seligkeit hätte fesseln, und nur auf einige Stunden festalten können. Der Vater traf uns in dieser Stellung; wir waren beide etwas verlegen und Burton warf einen blick auf mich – o könnt ich Dir doch diese tötende Kälte, diesen Argwohn, Menschenhass und diese Bitterkeit beschreiben, die in diesem einzigen streifenden Blicke lagen. – Dies hat mich vollends bestimmt; ich reise, ich komme zu Dir.

Emilie ist indes in meiner Gegenwart in einer beständigen liebenswürdigen Verwirrung gewesen, so heimlich vertraulich und dann wieder so plötzlich zurückgezogen, so entgegenkommend und freundlichaber ich reise dennoch, ich reise eben deswegen. arme Emilie! und armer Karl!

Doch, was helfen alle Klagen? die Welt wird darum doch nicht anders, unsre Verhältnisse werden von dem Wehen unsrer Seufzer nicht umgeworfen. So wenig Laune mir auch übriggeblieben sein mag, so wollen wir doch beide versuchen, uns gegenseitig zu trösten; die Freundschaft hat über das Gemüt eine sehr grosse