jetzt mehrmals besucht habe, gehört zu den schätzbarsten Leuten, die ich je habe kennen lernen. Ohne die Prätension, die bei vielen Gelehrten von Profession ebenso lästig als lächerlich ist, verbindet er eine grosse Menge von Kenntnissen mit ebenso vielen Erfahrungen und einem sehr ausgebildeten verstand. Er empfindet ebenso fein als tief und steht von den kalten Menschen ebenso weit als von denen mit glühenden Gefühlen entfernt! aber vorzüglich wert ist er mir durch diese innige Menschenliebe geworden, mit der er jedem Unglücklichen entgegenkommt, durch diese Bereitwilligkeit, mit der sein Mitleid so schnell als seine hülfe dem Elenden zugesichert wird. Für sich selbst empfindet er weniger, als für andre, denn er verbirgt gänzlich den Gram, den ihm der Prozess mit Burton notwendig machen muss, besonders da die Umstände für ihn nichts weniger als günstig sein sollen. Ich nehme, seit ich ihn mehr kenne, den wärmsten Anteil an allem, was ihn betrifft: so wie ich, sind alle seine Bekannte seine Freunde. –
Auch Deine Schwester habe ich mehrmals gesehen, sie grämt sich über Lovells Abwesenheit, der sie wahrscheinlich öfter vergisst, als sie ihn, wie es denn überhaupt wohl gewiss ist, dass das Herz eines zarten weiblichen Geschöpfs fester und inniger an dem gegenstand seiner Liebe hängt, ihm mit weit schönern und bleibendern Gefühlen entgegenkömmt, als ihr der Mann jemals zurückgeben kann. Es ist mir hundertmal, ihr gegenüber eingefallen, dass ich glücklich sein würde, wenn sie diese anhänglichkeit und Liebe zu mir herübertragen könnte; ich habe oft lange und aufmerksam die zarte und geistreiche Bildung ihres Gesichtes studiert. Die Physiognomie Deiner Schwester gehört zu den interessantesten, zu denen, die im flüchtigen Vorüberstreifen das Auge nicht fesseln, die aber im stillen den blick auf sich locken, unvermerkt das Herz in Bewegung setzen und ein bleibendes Bild in der Phantasie zurücklassen. Ich habe hundertmal geträumt – doch, lebe wohl, wer wird alle seine Träume erzählen? Ich bin jedesmal aufgewacht- und wenn ich auch niemals Dein Schwager sein werde, so sei doch überzeugt, dass ich unaufhörlich bleibe
Dein Freund Mortimer.
2
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Ja, Freund, bald, vielleicht in wenigen Tagen, sehe ich Dich wieder, es ist endlich Zeit, dass ich Bondly verlasse. Oder ich hätte es vielmehr früher verlassen sollen, denn um meine ganze Ruhe wieder mitzubringen, ist es jetzt zu spät. Wie viele Lächerlichkeiten und Widersprüche im menschlichen Leben! Seit Monaten trag ich mich nun mit einer Wunde, deren Verschlimmerung ich recht gut wahrnahm, die ich aber nicht zu heilen suchte, ausser jetzt, wo sie vielleicht unheilbar ist. Manche Moralisten mögen dagegen sagen, was sie wollen, ich wenigstens finde gerade darin einen Trost, dass ich an meinem Schaden selber schuld bin; ich weiss, wie er nach und nach durch meine eigne Nachlässigkeit entstanden ist, und indem ich der geschichte dieser Entstehung nachgehe, und für jede wirkung eine hinreichende Ursache entdecke, falle ich unvermerkt in eine Art von Philosophie, und gebe mich so über das Unabänderliche zufrieden. Ein Unglück würde mich im Gegenteil toll machen können, das so mit einem Male, wie aus den Wolken auf mich die Ursache davon aufzufinden – ein Rippenstoss, den mir eine unsichtbare Hand beibringt: – nein, diese Ergebung in das Schicksal, Vorsehung, Zufall, oder notwendigkeit, wie man es nennen mag, ist mir völlig undenkbar. Ich fühle gar keine Anlage in mir zu dieser Art von christlicher Geduld. Der Himmel gebe daher nur, dass ich so, wie bis jetzt geschehn ist, an allem, was ich leide, selber schuld sein möge, weil ich sonst wahrscheinlich ein grosses Lärmen und Geschrei anfangen würde, um mich wenigstens selbst zu betäuben.
Ich weiss nicht, ob ich es ein Glück oder Unglück nennen soll, dass Emilie gegen meine Liebe nicht gleichgültig ist. Mich wundert, dass noch kein Franzose diese idee zum Sujet einer Tragödie gewählt hat, denn sie ist wirklich so tragisch, als nur irgendeine im französischen Trauerspiele sein kann. Es ist eine Tantalusqual, die zu den ausgesuchtesten und raffiniertesten gehört, etwas recht lebhaft zu wünschen, und doch die Erfüllung seines Wunsches nicht gern sehen zu dürfen. Denn wenn Emilie mich liebt, muss sie sich notwendig unglücklich fühlen; ich reise nun bald fort, ihr Vater projektiert wahrscheinlich eine reiche Heirat – ach, was weiss ich alles, wie viele hundert Umstände sich miteinander verschwören können, um einem guten frohen Menschen die Freuden seines Lebens zu verbittern? –
Wenn man etwas mit sich selber vertraut ist, so muss man sehr oft über sich lächeln. Man nimmt sich manchmal sehr ernstaft zusammen; mit aller Gravität setzt sich der Verstand in seinen Grossvaterstuhl und versammelt alle Leidenschaften und Launen um sich her und hält ihnen eine gesetzte und ernstafte Rede, ungefähr folgendermassen: – "Hört, meine Kinder, ihr werdet es wahrscheinlich alle wissen, wie das Wesen, welches Mensch heisst, von uns in Gesellschaft bewohnt und abwechselnd regiert wird: ihr werdet es ebenfalls wissen, (oder wenn es nicht der Fall sein sollte, so bitte ich euch inständig, diesen Umstand wohl in Überlegung zu ziehen,) wie mir, als dem Gescheitesten unter euch allen, die Oberherrschaft unter euch anvertraut worden ist. Einige unter euch aber sind widerspenstig und ungehorsam, du zum Beispiele" (er wendet sich hier an einen von ihnen, an die Liebe, oder den Zorn, oder die Eifersucht, usw.