, denn bis jetzt hab ich noch keine kennen lernen, bei der mir nicht jeder Gedanke an Verheiratung einen Schrecken verursacht hätte.
Suche es doch so zu veranstalten, dass ich Dich in London treffe, auch Deine Eltern würden sich sehr freuen, Dich wiederzusehn. Wenn Dich also nicht Burtons Schwester zurückhält, so eile nach London; bist Du aber verliebt, so will ich Dich nicht einladen, denn das hiesse einen Kirchenraub begehn.
William Lovell lasse ich nun in der Gesellschaft Rosas und Balders weiterreisen. Er ist weit munterer und menschlicher als ehedem, er fängt etwas mehr an, aus den unnatürlichen Regionen der Phantasie herauszutreten und sich zu den Menschen herabzulassen; ich hoffe ihn einst als einen recht gescheiten Mann in England wiederzusehn, und Rosa ist gerade der Gesellschafter, der ihn dazu machen kann.
Der alte Willy ist über meine Abreise am meisten betrübt, er ist überhaupt auf der Reise melancholisch geworden, und hat mir aus einem Traume beweisen wollen, dass für mich und Lovell ein Unglück daraus entstehn würde, dass ich ihn jetzt verlasse. Lebe wohl, entweder ich sehe Dich in London, oder Du erhältst von dort einen Brief von mir.
29
William Lovell an Eduard Burton
Chambery.
Ich gehe jetzt schon den Örtern entgegen, wo mich so hohe Entzückungen erwarten. – Mortimer hat mich in Lyon verlassen und ist nach England zurückgegangen, sein Onkel ruft ihn dahin, Rosa und Balder sind meine gefährten. So ungleich sich auch ihre Charaktere sind, so liebe ich sie doch jetzt beide fast gleich stark; ich fange an, mich mit Empfindungen und ihren Äusserungen zu versöhnen, die ich sonst hasste, ich schätze am Menschen die Talente, ohne seine Fehler zu übersehn, es überrascht mich nur selten mein ehemaliges Vorurteil, dass ein einziger Fehler mir einen Menschen durchaus verhasst macht.
Die Reise bis hieher hat mir ausserordentlich viel Vergnügen gemacht, so viele frohe Gesichter, so viele Feste in den Dörfern, ich habe mit Innigkeit an die Jahre meiner Kindheit bei manchen ländlichen Spielen der Dorfjugend zurückgedacht. – Allentalben die schönste natur, die keine trübe oder menschenfeindliche Empfindung duldet; schönes Klima, Sonnenschein – alles hatte mich in eine wollüstige Trunkenein Kind der natur bloss die frohe Empfindung eines erquickenden
Wie oft hab ich Dich an meine Seite gewünscht! Allein zu geniessen und einsam zu trauern ist gleich lästig; Balder ist zu melancholisch, zu stumpf für den Eindruck der Freude, Rosas Empfindung zu flüchtig und keiner eigentlichen Begeisterung fähig; – o Eduard, Du fehlst mir sehr oft, diese brüderliche Seele hat mich noch nirgends wieder begrüsst, ich werde sie vergebens suchen. – Könnt ich doch Dich und Amalien an mein schlagendes Herz drücken; in einer unaufhörlichen Erinnerung an eure Liebe habe ich mein Verbrechen gegen Amalien abgebüsst, ich bin jetzt wieder ihrer würdig.
Dein nächster Brief wird mich in Genua treffen. Lebe wohl.
Drittes Buch
1
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Ich habe Dich nicht in London getroffen, ich schliesse daraus, dass Du noch in Bondly bist.
Ich bin so schnell hiehergereist, als es nur möglich war, aber dennoch vergebens – er war schon tot, schon begraben, als ich in das Haus trat. Ich habe nur sein Grab besuchen können. – Bis jetzt hat mich noch kein Vorfall in meinem Leben so tief geschmerzt, als dass ich dem guten mann nicht seine letzte Freude, seine letzte Hoffnung habe erfüllen können; er hat vielleicht in seinem Bette so oft nach mir geseufzt, so oft nach der tür gesehen, in die ich hereintreten sollte, und immer ist sein Erwarten umsonst gewesen. – Karl, wir fühlen es nie so lebhaft, wie viel uns ein Mensch ist, als von dem Augenblicke seines Todes an. Wenn wir auch ein Wesen nicht ganz mit unsrer innigsten Liebe umfangen, so erregt doch der Gedanke, er war – und ist nicht mehr, einen bangen Schauder in unsrer Seele, eine seltsame trübe Empfindung, die unser Herz zusammenzieht.
Doch, genug davon, so viel ich Dir auch noch über auf einige Wochen alle Freuden verbittert. Ich hätte gegen diesen Oheim von Jugend auf dankbarer sein können; erst jetzt fallen mir die mannigfaltigen Beweise seiner Liebe gegen mich ein, ich nahm seine mürrische Laune stets von einer zu ernstaften Seite, mit einer kindischen Empfindlichkeit sucht ich oft mühsam manchen seiner Äusserungen die schlimmste Bedeutung zu geben: – Ach Karl! der Mensch ist ein schwaches geschöpf, wie manche Streiche spielt ihm seine Eitelkeit und seine Selbstliebe trotz allen philosophischen Vorsätzen! –
Meine und seine Verwandten scheinen durch meine Ankunft in eine Art von Schrecken versetzt, wir stehen auf einem fast freundschaftlichen fuss miteinander, und da er ihnen gewiss Legate ausgesetzt hat, so hoff ich, dass sich bei der Eröffnung des Testaments alles ohne Prozess entwickeln werde.
Wenn meine Bitten etwas über Dich vermögen, so komm nach London und leiste mir wenigstens einige Wochen hindurch Gesellschaft. Ich bin so trübsinnig, dass Du mich kaum wiedererkennen wirst; meine gute Laune kann nur durch einen Freund wieder geweckt werden, der mich so genau kennt, wie Du. Verlass einmal Bondly und erbarme Dich einer armen, verlassenen Seele, die Deiner so sehr bedarf; ich möchte oft zu Lovell zurückreisen, um mich in Italien zu zerstreuen: aber ich bin auch des Herumwanderns so müde, dass es mir ordentlich wohltut, die Türme und Häuser meiner Geburtsstadt einmal wieder so dicht vor mir zu haben.
Der alte Lovell, den ich