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hast, der immer gleich weiss, was man sagen will, sonst würde ich wahrhaftig mit meinem Briefschreiben übel ankommen; aber einem Gelehrten ist gut predigen. Was ich Dir in dem nächsten Briefe geschrieben hatte, ist hier immer noch wahr und ich kann Dir keine andern besonderen Neuigkeiten schreiben, ausser dass wir nun bald von Paris abreisen werden. Der Italiener, von dem ich Dir neulich ein paar Worte schrieb, reist mit uns, und das ist mir gar nicht ganz lieb; der Mann ist mir sehr fatal, aber ich weiss selber nicht, warum. Du wirst es auch wohl wissen, Tomas, dass einem manchmal Menschen zuwider sind, aber man kann es nicht herauskriegen, wie es in aller Welt zugeht; so bürtig ist. Wir haben noch eine neue Gesellschaft an dem Herrn Balder, der aus der Gegend von Deutschland ist, den mag ich viel lieber leiden: wenn er auch oft etwas verdrüsslich aussieht, so ist ihm doch immer recht freundschaftlich zumute; er ist ein sehr guter Freund von meinem Herrn William, der Dich auch bei der gelegenheit herzlich wieder grüssen lässt. Wir bedauern beide die gute Tante, die in Waterhall gestorben ist, aus allen Kräften, aber es kann ihr doch nichts mehr helfen; allein es ist unsre Schuldigkeit und Deine auch, Tomas, und ich traue Dir auch so viel christliche Nächstenliebe zu, dass Du im stillen dies Bedauern für Dich treibst, wenn Du mir auch in Deinem Briefe nichts davon geschrieben hast.

Was mich wundern soll, ist, wie das Italien aussehen wird, die Landkarte davon kommt mir närrisch genug vor, an einigen Orten ist es so enge, dass sich schwerlich zwei Wagen ausweichen können; ich will Dir doch manches darüber schreiben, so weisst Du es doch von einem mann, der alles mit Augen gesehen hat, und noch dazu von einem Bruder, der Dir also nichts vorlügen wird. Viel Künste sollen sie in Italien können, aber ich glaube doch, dass nichts über das englische Wettrennen geht, wenigstens hab ich bis jetzt gar nichts Schöneres gefunden.

Mir ist hier in Paris die Zeit oft herzlich lang geworden; die Leute, die Pariser, und die Franzosen überhaupt, wollen mir nicht ganz gefallen, sie könnten besser sein. In England sehen die Leute viel gesunder und stärker aus; wir haben auch Krüppel, die sich gewiss gegen jeden französischen dürfen sehen lassen, aber sie sind nicht so ausgehungert und demütig. –

Antworte mir, wenn Du Zeit hast; wenigstens bleibe mein treuer Bruder.

Willy

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Die Comtesse Blainville an Rosa

Paris.

Sie zweifelten neulich an meinem Siege, ich schreibe Ihnen, nachdem er errungen ist.

Ich hatte Lovell gestern abends zu einem Tête-àtête zu mir bestellt. Er stellte sich pünktlich ein, der Graf ist auf mehrere Tage verreist, mein Kammermädchen hatte ihre gemessene Ordre. Sein Gesicht hatte sehr etwas anziehend Schwermütiges, worunter eine sanfte Freude hervorleuchtete; er hatte mir so viel zu sagen, aber wir sprachen nur wenig, Küsse, Umarmungen, zärtliche Seufzer ersetzten die Sprache. Ich musste ihm mehrere Sachen auf dem Fortepiano spielen, der Mond goss durch die roten Vorhänge ein romantisches Licht um uns her, die Töne zerschmolzen im Zimmer in leisen Akzenten. – Sie kennen ja das Gefühl, wenn die hochgespannte Empfindung uns in äterische und Überirdische Entzückungen versetzt, die doch so nahe mit der Sinnlichkeit verwandt sind; der erhabenste Mensch glaubt sich zu veredeln, indem er sinkt, und kniet wonnetrunken vor dem Altare der irdischen Venus nieder. – Durch alle jene geheimen in meinen Armen seine Kälte und Unempfindlichkeit ab; ich freue mich, ihn bekehrt zu haben.

Leben Sie wohl, ich bin müde und schläfrig. –

Louise Blainville.

Nachschrift. Apropos! Was macht die kleine Blondine, von der Sie mir neulich erzählten? Sind Sie noch gesonnen, sie als Jockei mit auf die Reise zu nehmen?

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William Lovell an Balder

Paris.

Balder, ich schreibe Dir noch einmal, ich darf Dir schreiben, denn Du selber wirst meinen Gefühlen recht geben. O Freund, ich bin aus einer düstern Grabnacht entstanden, ein flammendes Morgenrot zieht am Himmel herauf und spiegelt mir feurig ins Angesicht. Louise ist mein, ewig mein, sie hat sich mir mit dem heissesten Kusse der Liebe versichert. Ich trotze Deiner Verachtung, der Verachtung einer Welt; unauflöslich mit glänzenden Fesseln an die Liebe gekettet, wagt sich kein kleinliches Gefühl der Sterblichkeit in den Umkreis meines Paradieses, mit einem flammenden Schwerte steht mein Schutzgeist an der Grenze und geisselt jede unheilige Empfindung hinweg, der siegjauchzende Gesang der Liebe übertönt im hohen Rauschen des Triumphs jeden Klang des irdischen Getümmels.

Ich fürchte, dass ich Dir Wahnsinn spreche, aber ich muss mein Gefühl mitteilen; sei blosser Freund, wenn Du mir zuhörstnachher magst Du mich tadeln; aber ich bedaure den, der mich tadelt, ohne mich zu beneilichkeit der Sinnlichkeit schwatzen, in einer kläglichen Blindheit opfern sie einer ohnmächtigen Gotteit, deren Gaben kein Herz befriedigen; sie klettern mühsam über dürre Felsen, um Blumen zu suchen, und gehen betört der blühenden Wiese vorüber. Nein, ich habe zum Dienste jener höheren Gotteit geschworen, vor der sich ehrerbietig die ganze lebende natur neigt, die in sich jede abgesonderte Empfindung des Herzens vereinigt, die alles ist, Wollust, Liebe, für die die Sprache keine Worte, die Zunge keine Töne findet. – – Erst in Louisens Armen hab ich