1795_Tieck_095_24.txt

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"Ich will Sie nicht übereilen, ich will Sie nicht überreden, fragen Sie Ihr Herz und antworten Sie mir nach einigen Tagen. – Ich bin der bisherigen Art zu leben überdrüssig. Ich habe Sie erzogen, ich kenne Sie, Sie haben mir schon viele Freuden gewährt, meine Vorsorge hat die schönsten Früchte hervorgebracht, ich gefalle mir in Ihnen, wie in einem verschönernden Spiegel." – –

So weit schreibe ich Ihnen ungescheut alle diese Lobeserhebungen, weil mehr als die Hälfte auf ihn selber zurückfiel, aber die übrigen verschweig ich, weil sie mich nur allein trafen. – Er verliess mich endlich.

Soll ich Ihnen gestehn, Rosa, dass ich in einer Art von sonderbaren Stimmung war, als er mich verlassen hatte? Er war so ernstaft gewesen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, er hatte mit Rührung gesprochen. – Sein itziges ganzes Leben ist ihm flach und uninteressant erschienen, ein Herbstwind hat die Blätter von den Bäumen geschüttelt, die Gegend ist dürr und öde geworden, und er übersieht mit einem Durchblicke die lichten Stellen des Gartens, wo einst die versteckten Partieen den höchsten Reiz ausmachten. – Er will ein genussreicheres Dasein suchen, er appelliert an mein Herz und will sich von mir eine neue, freudenreichere Existenz erkaufenund soll ich ihn hintergehn? –

Ich war wirklich weichherzig geworden, meine Schwäche hatte mich so sehr überrascht, dass ich mir vornahm, (Rosa, ich schäme mich, es niederzuschreiben,) zu jenen kindischen Gefühlen und Ideen meiner frühesten Jahre meine Zuflucht zu nehmen, mir selbst alle meine Erfahrungen und reiferen Gedanken abzuleugnen und sie Lügner zu schelten. – Kurz, ich war auf dem Wege, eine vortreffliche Matrone aus der Provinz zu werden, die ihren Töchtern einen gründlichen Unterricht im Katechismus gibt oder über eine Stelle in der Bibel ihre frommen Tränen vergiesst; – oh, die Schwachheit ist der weiblichen natur so eigen, dass wir ohne diese vielleicht aufhören würden, Weiber zu sein: – der eine Liebhaber rührt uns durch seine Schönheit, der andre durch Geschenke, der dritte durch Zärtlichkeit, ein vierter durch Aufwand von moralischen Maximen und beweglichen Bitten, und sollt er selbst unser Onkel sein. –

Ich kam wieder aus meiner Zerstreuung zurück, meine Eitelkeit, mein Stolz erwachte; ich schämte mich vor mir selber. So leicht, sagt ich zu mir, bin ich also zu bewegen, dem angenehmsten Liebhaber den unangenehmern vorzuziehn? Wie wenig Wert muss mein Verstand haben, da es so wenig kostet, mich dahin zu bringen, die Gedanken eines glänzenden Lebens so leicht aufzuopfern? – Es fiel mir ein, wie es vielleicht mehr Eitelkeit als Liebe sei, die den Grafen zu diesem Schritte treibe.

Der letzte Gedanke tat meiner eigenen Eitelkeit wehe, es schien mir am Ende doch, dass er mich wirklich liebe. Ich würde vielleicht noch einmal den Kampf mit mir selber angefangen haben, als sich Mortimer und Lovell melden liessen: da ich also jetzt keine Zeit hatte, schob ich mein Nachdenken und alle Empfindungen darüber bis zu einer bequemern Zeit auf.

Lovell war sehr ernstaft und zurückhaltend, ich weiss nicht welche Gedanken ihn mit ganz neuer Kraft überrascht haben mussten, er war still und selbst kalt. Wir waren auf einige Augenblicke allein, und diese benutzte ich so, dass ich ihn aus allen seinen Verschanzungen trieb. Er wurde verwirrt, wollte sprechen und konnte nicht; bald nachher verliess er mich sehr unruhig.

Schon gestern am Morgen liess er sich anmelden: gleich beim Eintritte bemerkt ich, dass er heute einen grossen Coup machen wollte, und ich hatte mich nicht geirrt. Er war in einer beständigen Verlegenheit, er hatte mir immer etwas zu sagen und wagte es doch nicht, er ward rot und blass.

Endlich als er mich verliess, fasste er den grossen Entschluss, er küsste mir ausserordentlich feurig die Hand, gab mir ein Papier und eilte aus dem Zimmer. – Dieses Blatt will ich Ihnen beilegen.

Zwei solche aufeinanderfolgende Triumphe müssen meiner Eitelkeit schmeicheln, nicht wahr? – –

Ich sehe, dass mein Brief sehr lang geworden ist, das Schreiben fängt an mich zu ennuyieren, leben Sie wohl.

19

William Lovell an die Comtesse Blainville (Einlage)

Paris.

Nicht länger will ich, kann ich schweigen. Überraschen Sie diese Worte, so bin ich verloren; aber nein, auch ohne Worte müssen Sie längst gefühlt haben, was Sie mir sind, und warum soll ich nicht gestehn, was ich nicht Kraft zu verschweigen habe: erfahren Sie es also durch einen irdischen laut, dass ich Sie liebe und unaussprechlich liebe. Zürnen Sie mir, so habe ich Sie zum letzten Male gesehen.

20

Andrea Cosimo an Rosa

Rom.

Wie kommt es, dass Du uns gar keine Nachrichten von Dir und Deinem Auftrage gibst? – Hast Du mich und Deine übrigen Freunde vergessen? – Lege unsern Entwürfen nicht selbst durch Verzögerung Hindernisse in den Weg und vergiss nie, dass bei uns vom Argwohne zur Verfolgung und Strafe nur ein Schritt ist. –

21

Willy an seinen Bruder Tomas

Paris.

Ich glaube Dir darin, lieber Bruder, was Du mir von wegen meiner Briefe sagst, ich weiss es auch, dass sie bei weitem nicht die schönsten sind, die einem der Briefträger bringen kann; aber das kannst Du mir doch auf mein Wort glauben, dass sie aus dem allerbesten Herzen kommen. Und dann weiss ich ja auch, dass Du Deinen guten redlichen Verstand