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demselben starken Gefühl zu umfangen, und wer es kann, der ist an Herzensgefühl arm geworden.

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Die Comtesse Blainville an Rosa

Paris.

Seit meinem neulichen Briefe hat sich manche sehr wichtige Begebenheit ereignet, und gestern hielt mich Lovell so belagert, dass ich Ihnen unmöglich etwas davon sagen konnte, ich muss daher wieder zum Schreiben meine Zuflucht nehmen.

Mit meinem teuersten Onkel bin ich so gut wie versprochen, endlich ist das Geständnis über seine Lippen gekommen.

Der Graf besuchte mich neulich, so wie er oft tut. Ich war gerade mit einer Stickerei beschäftigt. natürlich bewunderte er, was gar nicht zu bewundern war, und lobte, wo nur irgendein Faden lag; man wird an so etwas gewöhnt und ich gab daher gar nicht besonders darauf acht. Das Kammermädchen ging von ungefähr hinaus und nun nahm das Gespräch eine andere Wendung.

"Sie sind so oft allein, liebe Nichte, wird Ihnen denn nicht zuweilen die Zeit lang?"

"Nieda Sie mir überdies den Gebrauch Ihrer Bibliotek erlaubt haben." dem Tische lagen, und sah sie ganz gleichgültig durch. –

"Rosa?" fing er an – "wie kommt's, dass ich ihn so lange nicht gesehen habe?"

"Ich weiss nicht, welche Geschäfte ihn abhalten müssen –"

"Wenn er seine Unart nicht wieder gutmacht, so wird er sich Ihren Unwillen zuziehn."

"Er hat über seine Zeit zu gebieten."

"Ich glaube gar, Sie sind schon jetzt böse auf ihn", fuhr er lachend fort. –

"Wie kommen Sie zu dieser Meinung?"

"Je nun" – er legte die Karten wieder auf den Tisch und tat, als betrachtete er die Stickerei, indem er mich verstohlen aufmerksam und fest beobachtete. – "Sie haben ihn von je ausgezeichnet, und er erwidert Ihre Höflichkeit mit Undank –"

"Ausgezeichnet?" indem ich mit der grössten Kälte etwas ausbesserte. "Sie wollen sagen, dass er mich auszuzeichnen schien, und oft zu meinem grössten Verdruss."

"Verdruss?"

"Bin ich denn nicht seitdem auf einem hohen Tone mit meiner kleinen Freundin Cäcilie? hat denn der närrische Belfort nicht seitdem gänzlich mit mir gebrochen, der mich so oft zu lachen machte? – Ich bin froh, dass dieser Rosa mir nicht mehr soviel Langeweile macht. –"

"Wenn Rosa Ihnen Langeweile macht, so muss dies mit Ihren übrigen Gesellschaftern noch mehr der Fall sein."

"Leider!"

"Und Sie nehmen gar keinen aus?" – Er sah mich mit einem leichten Lächeln an.

"Ein Besuch ist mir jederzeit angenehm."

Ein plötzlicher Schreck zuckte wie ein Blitz durch seine lächelnden Lippen, er sah mit einem Male sehr ernstaft aus. – "Und dieser eine?" fragte er, indem er sich in ein lachen aufs Geratewohl hineinwarf, das noch so ziemlich natürlich ward – "darf ich ihn nicht wissen?" –

"O ja", antwortete ich ihm munter. "Sollten Sie im Ernste nicht gemerkt haben, dass ich Sie meine?"

"Mich? auf dieses Kompliment war ich freilich nicht vorbereitet."

"Es soll auch kein Kompliment sein." –

"Also Ernst?"

"Was sonst?"

"Sie würden diese Versicherung vielleicht bald bereuen, wenn ich in Versuchung käme, Sie öfter zu sehen?"

"Sie werden sehen, wie gross mein Vergnügen sein wird."

"Wenn ich Ihnen ganz glauben dürfte?"

"Und warum wollen Sie zweifeln?"

"Louise, liegt Ihnen wirklich nichts an jenen jungen, witzigen, artigen Gesellschaftern?"

"Sie sind mir lästig."

"Sie lieben überhaupt nicht die grosse Welt und ihre Freuden." –

"Sie macht mir Langeweile."

"Sie sind für ein stilles, häusliches Glück geboren."

"Ich wünsche mir kein andres und werde nichts darin entbehren."

"Glücklich ist der Mann, den Sie einst Ihren Gatten nennen." – Er stand auf und ging schweigend auf und ab; ich war stumm und arbeitete an der Stickerei weiter.

"Man gewinnt nichts in jener sogenannten grossen Welt", fuhr er endlich ernstaft fort, "man verliert sein Leben in einem langweiligen Spiele, man lernt keine Freude des Herzens kennen, man findet im Entbehren seinen Stolz und ein eingebildetes konventionelles Glück. Ich habe nun lange in dieser Welt gelebt, Louise, und kein Glück gekannt."

"Weil Sie es vielleicht nicht suchten."

"Eine elende Eitelkeit hintergeht uns mit betrügerischen Versprechungen, wir schämen uns täglich, besser als andre zu sein; wir vergehn alle in einer Langenweile, weil es die strenge Mode so fordertaber ich will mich jetzt von diesem Vorurteile losmachen. – Wenn ich ein Herz fände, das so wie das meinige fühlte, das eine Ahndung vom wahren Glücke hätte und an einem langweiligen Traume nichts verlöre –"

"Sollten diese Herzen so selten sein?"

"Sie sind es, Louise. Man wagt es nicht, der natur und ihrer Lockung zu folgenwenn ich eine Seele fände, die mich liebte, der es nicht schwer würde, fade Vorurteile von sich zurückzuweisen – o Louise, wenn Sie diese wären!"

Ich konnte nicht antworten.

"Wenn Sie diese wären!" fuhr er feuriger, aber immer sehr ernstaft fort. – "Antworten Sie mir."

"Und wenn