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noch eine Ninon, noch eine Clementine lieben. – Doch, damit ich Dir nicht ein Gemälde von ihr entwerfe, muss ich nur von etwas anderm sprechen, denn ich merke; dass ich eben in Versuchung war, Dir damit Langeweile zu machen.

Ich werde also vielleicht meine Liebe bald aufgeben müssen; hintergehn mag ich den Vater nicht; sie von ihm geschenkt haben, ebensowenigja, ich würde mich selbst bedenken, sie von ihm auf irgendeine Art zu verdienen. Er ist ein gemeiner Mensch. – Ich mache mir oft einen Vorwurf daraus, dass ich noch hier und noch so oft in seiner Gesellschaft bin. – Manche Menschen, die alles entweder aus einem guten oder schlechten Gesichtspunkte ansehn müssen, könnten es gar für die niedrigste, schleichendste Art von Schmeichelei halten; doch, diese Insekten müssen einen im Leben nie viel bekümmern, am wenigsten muss man sich ihretwegen genieren. Der Sohn, der der edelste junge Mann ist, kennt mich, er ist mein inniger Freund geworden und er ist jetzt die grösste von allen Ursachen, die mich noch hier in Bondly zurückhalten. Ich glaube, dass Emilie mich nicht hasst.

Du wirst vielleicht schon wissen, dass der alte Burton auch mit dem Vater Deines jungen Freundes einen Prozess angefangen hat; es tut mir weh, die Sachen scheinen nicht zum besten zu stehen. Sein Sohn ist selbst darüber sehr betrübt. –

Jetzt lebe wohl, denn in der Eil wüsst ich Dir nun nichts mehr zu sagen, so wenig ich Dir auch Überhaupt gesagt haben mag. –

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William Lovell an seinen Vater

Paris.

Ihr Brief hat mich sehr betrübt, zärtlichster Vater – o ich möchte zurückeilen, um Sie zu sehen, wenn ich nicht Ihr Verbot und Ihren Unwillen fürchtete. Sie sind krank, und ich soll Sie nicht verpflegen? Traurig, und ich soll Sie nicht trösten? Sie selbst verlangen, dass ich die Pflichten des Sohnes nicht erfüllen soll? Sie wünschen mir Glück, und ich kann mir jetzt kein anderes Glück denken. Sie in Gefahr und ich fern von Ihnen! Bis ich wieder einen Brief von Ihnen, mit der Nachricht Ihrer Besserung erhalte, gibt es keine Freude, ja keine andre Vorstellung für mich; ich sehe Sie nur schmachtend auf Ihrem Krankenlager, ich höre Ihre Seufzer, und ein Verbrecher würde ich mir scheinen, wenn ich jetzt fröhlich sein könnte. O ich beschwöre Sie; mir sogleich, mit jeder Post, wieder Nachrichten zukommen zu lassen. Mit zitternden Händen werde ich den nächsten Brief von Ihnen, noch eher als den meines Freundes, erbrechen.

Neuigkeiten werden Sie von mir nicht erwarten; ich bin wohl, soweit man es beim Bewusstsein sein kann, werde ich Paris verlassen; – ich habe hier einen Freund gefunden, einen Jüngling von vortrefflichem Herzen, Balder, einen Deutschen. Er wird mit mir die Reise nach Italien machen. Sein Sie unbesorgt, diesem darf ich trauen, auch Mortimer schätzt ihn. – Ein Italiener, Rosa, wird uns auch begleiten; seine Bekanntschaft wird mir in Italien manche Vorteile verschaffen, er hat viel Verstand und feine Welt, aber mein Freund wird er nicht leicht werden können. – Ich hoffe in Ihrem nächsten Briefe zu erfahren, dass Sie gänzlich wiederhergestellt sind; bis dahin werde ich in beständiger Furcht leben.

Nachschrift. Der alte Willy ist über Ihre Krankheit sehr traurig, er hat durchaus ein Blatt an Sie einlegen wollen, und ich habe es dem alten ehrlichen mann nicht abschlagen mögen.

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Willy an den Herrn Walter Lovell

Paris.

Dass Sie noch auf Ihre alten Tage Krankheiten auszustehen haben, hat mich wahrlich herzlich gejammert; doch freilich kommen sie dann am liebsten, denn dann hat der Mensch nicht mehr so viele Kräfte sich gesund zu machen. Ich möchte Sie gar gerne trösten und Ihnen noch viel lieber helfen; aber wenn Gott bei solchen Gelegenheiten nicht das Beste tut, so will die menschliche hülfe wenig sagen. Es ist aber schade, dass ein so guter christlicher Herr, wie Ihre Gnaden doch in dem vollsten Masse sind; was auch Ihre Feinde nicht von Ihnen ableugnen können, so viel Unglück und Leiden in dieser Welt erdulden soll; wenn das nicht nachher, wenn das Leben hier ausgegangen ist, wieder gutgemacht wird, so ist das nicht ganz recht und billig. Ich wollte, ich könnte Ihnen nur etwas von meiner überflüssigen Gesundheit abgeben, denn ich bin hier immer, seit ich auf die Reisen gehe, ganz frisch und gesund, und das ist mein Herr William, Ihren Sohn mein ich, auch immer. – trösten Sie sich aber nur, es wird gewiss bald besser werden; so don gehen, um Sie einmal wiederzusehn; nur sind mir die Füsse schwach, und es ist der See dazwischen, den die Franzosen aus Spass, (wie sie denn bei allen Sachen dummes Zeug machen) einen Kanal nennen; wenn viel solche Kanäle bei uns in England wären, so würde von dem land eben nicht ausserordentlich viel übrigbleiben. – Bleiben Sie ja gesund, mein liebster, gnädiger Herr, dass ich Sie mit meinen alten, schwachen Augen noch einmal wiedersehn kann. Ich würde viel weinen, wenn ich einmal wieder die Türme von London sähe und Sie wären dann in der ganzen weiten Gegend umher nicht zu finden, als auf dem Kirchhofe, und auch da nur totes wäre ein Jammer für mich und jeden andern ehrlichen Mann, besonders aber auch ausserdem für meinen Herrn