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Liebe, die den Menschen froher, glücklicher machen, die seinen Ellenbogen einen Zentner Kraft zusetzen sollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu stossen: – die Liebe – o Himmel! was hat die Liebe nicht schon in der Welt Böses getan?

Wenn noch irgendein Stück von dem ehemaligen Mortimer an Dir ist, so wett ich, Du wirst wissen wollen, wer denn die allmächtige Sonne sei, die mit ihren brennenden Strahlen das Herz des armen Williamniemand anders, als meine Schwester. – Sie hat gewiss seine Liebe bemerkt, aber er scheint es nicht bemerkt zu haben, dass ihr diese Bemerkung nicht missfallen hat, denn es fehlt nur wenig, so liebt sie ihn wieder. Es gibt die lächerlichsten Szenen, wie er ihr oft im Garten ausweicht und sie emsig in der nächsten Allee wieder sucht, wie sie Stunden lang miteinander zubringen, ohne fast nur eine Silbe zu sprechen; wie er seufzt und sich wunder wie unglücklich fühlt, dass sie sich ihm nicht freiwillig in die arme wirft; um kurz zu sein: er ist unglücklich, weil er glücklich istaber auch wieder glücklich, weil er an Unglück Überfluss hat, denn glaube mir nur, er würde seine poetischen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.

Plötzlich kam die Nachricht: meine Schwester solle von hier abreisen. Ihr Besuch bei mir und beim alten Burton war so immer schon von einer Woche zur andern verlängert; – der Barometer stieg um viele Grade und immer mehr, je näher es dem Tage der Abreise kam. Fast jedermann bemerkte seine Schwermut, er behauptete aber jedem mit einer kecken, verdrossenen Traurigkeit ins Gesicht: er wäre noch nie so aufgeräumt gewesen. Er machte sich jetzt zuweilen an mich, und ging auf den Spaziergängen lange neben mir auf und ab; ich fürchtete immer, plötzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden, und unter Bedrohung des Totschlages, des Untergangs der Welt, oder einer ähnlichen Kleinigkeit, ein öffentliches Geheimnis zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu hätt ich wenigstens vorher mein Probestück in Seufzen und Weinen ablegen müssen. – Mit einer so erzwungenen Kälte, dass ihm fast die Tränen in den Augen standen, fragte er mich: ob ich meine Schwester nicht zu Pferde begleiten würde? – nun merkte ich, wo er hinauswollte. – Er wünschte, ich möchte meine Schwester einige Meilen begleiten, damit er einen Vorwand haben könnte, mitzureiten. Es hat mich wirklich gerührt, dass ihm an dieser Kleinigkeit so viel lag, er ist ein sehr guter Jungeich sagte sogleich ja, und bat ihn selbst um seine Gesellschaft. – Morgen reiten wir also. –

Sind die Menschen nicht närrische Geschöpfe? Wie manches Unglück in der Welt würde sich nicht ganz aus dem Staube machen und sein Monument bis auf die letzte Spur vertilgt werdenwenn nicht jeder sorgsam selbst ein Steinchen oder einen Stein auf die grosse Felsenmasse würfebloss um sagen zu können: er sei doch auch nicht müssig gewesen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen wir stets mit uns selbst gerade und ehrlich zu Werke, liessen wir uns nicht so gern von kränklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt wäre viel glücklicher und ihre Bewohner viel besser. – Aber denkst Du, dass ich es wage, ihm so etwas zu sagen? – Nie. – sonderbar, dass ein Mensch vorsätzlich einschlafen kann, und sich nachher nicht aus seinen Träumen will wekken lassen, weil er sich schon wachend glaubtund ihn mit kaltem wasser zu begiessen, halt ich für grausam.

Du siehst, wie mir die Landluft bekömmt, ich, ich fange an zu moralisierendoch, auch das gehört unter die menschlichen Schwächen, und irgend eine Abgabe zur allgemeinen Kasse der Menschlichkeit muss doch jeder brave Erdenbürger einreichen.

Gott schenke Dir ein recht langes Leben, damit ich mir keinen Vorwurf daraus zu machen brauche, dass ich Dir durch einen langen Brief so viel von Deiner Zeit genommen habe; doch willst Du mein Freund bleiben, so soll es mich eben nicht sehr gereuen, noch hinzuzusetzen, dass ich bin

Der Deinige.

Nachschrift. Soeben lese ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit Schrecken, dass ich Dir einen Bündel Stroh schicke, in welchem Du, mit Shakespeare zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirst. Ich setzte mich nämlich nieder, Dir zu schreiben, dass meine Schwester nach London zurückgeht und dass Du sie nun also kannst kennenlernen; dass ich nicht nach London reise, weil es der alte Burton ebenso ungern als sein Sohn sehen würdeder alte Mann scheint an meiner Gesellschaft Geschmack zu findenund wer weiss, ob ich es auch ausserdem getan haben würde.

Wieso? hör ich Dich fragen. – Könnt ich nun den Brief nicht schliessen, und Dich mit Deiner Frage im offnen mund stehnlassen und das Petschaft besehn? – Hättest Du nicht gelegenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharfsinn zu zeigen und mir tausend Erklärungen zu schicken, ohne auch nur der wahren mit einer Silbe zu erwähnen? – –

Der junge Burton – (der wirklich ein vortrefflicher Jüngling ist; schade, dass ich zeitlebens nicht so sein die zugleich die Tochter des Alten ist

Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die sich Lovell gegraben hat!

Ich habe mir ernstaft vorgenommen, dass es keine Liebe werden solldennsieh, wie