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Rosine habhaft werden kann: mischt sich aber die liebe Langeweile ins Spiel und ein gewisses nüchternes Gefühl, das einem im Leben so oft zur Last fällt, kann man keine Hoffnung und keinen Wunsch in seinem Gedächtnisse auftreiben; ist das Steckenpferd lahm, oder gar zu tod geritten – o wehe dir dann, armer Sterblicher! entweder musst du dann ein Philosoph werden, oder dich aufhängen. Diese Langeweile hat schon mehr Unglück in die Welt gebracht, als alle Leidenschaften zusammengenommen. Die Seele schrumpft dabei wie eine gedörrte Pflaume zusammen, der Verstand wächst nach und nach zu, und ist so unbrauchbar wie eine vernagelte Kanone; alles Spirituöse verfliegtda sitzt man denn nun hinter dem Ofen und zählt an den Fingern ab, wann das Abendessen erscheinen wird; die Stunden sind einem solchen mann länger, als dem, den man am Pranger mir Äpfeln wirft; man mag nichts denken, denn man weiss vorher, dass nur dummes Zeug daraus wird; man mag nicht aufstehn, man weiss, dass man sich gleich wieder niedersetzt, das drückende Gefühl geht mit, wie das Haus mit der Schnecke. – O Mortimer, Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen, ist dagegen eine geistreiche Beschäftigungund wie viele Menschen vergähnen auf dieser Erde nicht so ihr Leben? – Die magnetische Anziehungskraft erlahmt ohne Übung, ungeschlagen springt kein Funke aus dem Stahle, ungerieben zeigt sich keine Elektrizität an der Glasscheibekein Verstand, kein Gefühl am Menschen ohne Tätigkeit, Mitteilung und Freunde. Diese sind der Konduktor, welche einen Funken nach dem andern in die Flasche leiten, bis dann endlich ein grosser leuchtender Funken schreiend herausspringtdann kommt Don Quixote oder ein verlornes Paradies zum Vorschein, u.s.w. ad libitum.

Weil ich aber in so kläglichen Tönen wimmre, so glaube darum von mir noch nicht, dass ich schmachtend und hungernd in einer solchen Löwengrube sitze, oder dass ich ganz und gar an Freuden bankerott gemacht habedass ich zu jenen dumm unbefangenen Menschen gehöre, die es selber nicht ergründen können, wie ihnen zumute ist, oder die so über und über mit einer bleiernen Unbehaglichkeit behangen sind, dass man sie auf den ersten blick nicht vom Elefanten mit dem Turm unterscheiden kann; die sich mit dem kältesten Blute ersäufen könnten, weil es gerade Donnerstag ist: – nein, lieber Mortimer, halt mich meines Geschwätzes ungeachtet immer noch für einen Menschen, der seine fünf Sinne, im ganzen genommen, behalten hat; der zur Not, wenn ihn die Langeweile plagt, auf die Jagd geht, oder nach der nächsten Stadt reitet, oder Whist spielt, oder Romane liest, oder Dir einen Brief schreibt, wie das zum Beispiel jetzt eben der Fall ist; dann freilich bin ich etwas verdrüsslich und übelgelaunt.

Ach, lieber Freund, was für herrliche Sachen liessen sich nicht über die Allmacht der Liebe sagen, über jenen kleinen Jungen, der mit verbundenen Augen durch die Welt stolpert und mit seinen goldenen Pfeilen alle Leute wie Hasen zusammenschiesst. – Ja Freund, hier oder nirgends in meinem Leben ist es angebracht, Dir zu zeigen, dass ich meinen Ovid und Horaz mit Nutzen gelesen habe; hier wäre es die schönste gelegenheit, mich durch ein hoch lyrisches Gedicht bei Dir in eine Art von achtung zu setzen. – Aber, Mortimer, genau betrachtet würde nichts weiter herauskommen, als dass ich ein Narr bin, und da ich Dir das in Prosa fast ebenso deutlich machen kann, so wollen wir's auch dabei nur bewenden lassen.

Du lachst schon im voraus. Du freust Dich, dass Deine neuliche Prophezeiung so genau eingetroffen ist; – aber doch nicht so sehr, als Du nun vielleicht glaubst. Ja, die Einsamkeit, der Mangel an Beschäftigung, o hundert Ursachen, nach denen man gar nicht fragen sollte, denn die Erscheinung ist so natürlich, als der Tag wenn die Sonne am Himmel stehtalle diese machen es, dass ich jetzt nach und nach verliebt werde. – Ich bemerke es recht gut, und das eben kränkt michund doch kann ich's nicht ändern. Meine Lustigkeit hat abgenommen und steht jetzt sogar im letzten Viertel; ich fange an so gesetzt zu werden, wie ein Mann, der zum Parlamentsgliede gewählt ist; ich werde so empfindsam, wie ein Mädchen, das den ersten Roman mit Verstand liest. – Wenn man nun alle diese herrlichen Progressen an sich selber bemerkt, sollen einem da nicht die Haare zu Berge stehen? Doch, man muss sich in den Willen des Schicksals ergeben, und ich bin jetzt überzeugt, dass man das Verlieben mit vollem Rechte inevitabile fatum nennen kann.

Ich muss ihr oft vorlesen, nämlich der Emilie Burton (das ist unter uns Liebhabern nun einmal Sprachgebrauch, dass wir die Namen weglassen) und das Vorlesen, besonders empfindsamer und rührender Sachen, ist gewiss die gefährlichste Angel, die nach einem Menschen ausgeworfen werden kann. – Ich habe dabei einigemal mit einem Patos deklamiert, dass ich nachher selber erschrocken bin. – Dass ich aber zur Fahne jener seufzeraushauchenden und träneneintrinkenden Toren schwören werde, die nur zu leben scheinen, um über ihr Leben zu klagendas wirst Du nicht von mir glauben. – Ich werde mich nie auf lange aus dem gemässigten Klima entfernen. – Emilie selbst ist ein liebes sanftes geschöpf, die mit ungekünsteltem Gefühle sich freut und trauert, so wie es gerade die Umstände fordern; ich mag weder eine Arria,