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ist mir auch diese Hoffnung genommen.

Ich darf wohl kaum noch fragen, wie es denn eigentlich mit der Erscheinung zusammenhängt, von der Sie mir einmal schrieben? –

Bianca wird heute begraben. Ich habe sie gesehen. Laura hat sie mit Blumen aufgeputzt, und die Leiche sieht wieder Rosalinen so ähnlich, dass mir ein Schauder durch alle Gebeine ging. Ich habe schon oft in den Kirchen vor den mit Gold, Blumen und Bändern geschmückten Reliquien gezittert: die Skelette mit den Kränzen und ihren entblössten Schädeln, das flimmernde Gold und die einzelnen Blumen, die um die leeren Augenhöhlen wanken, der gläserne Schrank, alles schien mir dann so seltsam und rätselhaft zusammengestellt, mich erschreckte hernach auch in den vollen blonden Locken der Blumenkranz. Und so lag Bianca vor mir.

Laura sass daneben und weinte. Sie nennt die Gestorbene unaufhörlich ein gutes, liebes Mädchen, und putzt sich so ihren Schmerz auf, und idealisiert sich selbst und ihren Zustand. Es ist gut, wenn es die Menschen noch können, denn es ist nötig, sich selber etwas vorzulügen; in mir ist die Kraft und der Wille dazu erloschen.

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Rosa an William Lovell

Tivoli.

Lieber Freund, Andreas Papiere haben mich vielleicht ebenso gedemütigt, wie Sie dadurch niedergeschlagen sind. Ich kann mir Ihren Zustand denken, ich fühle mit Ihnen.

Sie sollten mich nicht an jenen Brief erinnern, in dem ich Ihnen von Andreas wunderbaren Doppelheit sagte; ich schäme mich, sooft ich daran denke. Nicht, dass die ganze Sache eine zu Andreas Besten erfundene Lüge gewesen wäre, sondern weil ich mich damals von diesem Menschen ganz wie ein Kind behandeln liess, so dass ich mir gleichsam auf seinen Befehl tausend Dinge einbildete und sie fest glaubte. Er fand es für gut, mich noch früher als Sie zu verblenden, weil er allen Menschen nur bis auf einen gewissen Punkt traute; er wollte mich nicht ganz zu seinem eigentlichen Vertrauten machen, weil es denn doch immer in meiner Willkür stand, ihn zu verraten: dies machte er mir unmöglich, denn es war ihm nicht genug, dass ich ihm verbunden war. Ich war zwar über seinen Charakter ungewiss, er kam mir aber doch nie hätte bekommen können: seine Klugheit bestand hauptsächlich darin, dass er alle Gelegenheiten vermied, um näher gekannt zu werden, er verlor sich darum so gern in allgemeine Gedanken und grosse Tiraden, um die Aufmerksamkeit zuweilen von sich selber abzulenken.

Er erhielt mich hier in Tivoli, als er mich besuchte, in einer steten Spannung, alle unsre gespräche drehten sich um die wunderbare Welt, und es kostete ihm wenig, meine Phantasie zu erhitzen, denn Sie wissen es selbst, in welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besass. Ich konnte den Wunsch in mir nicht unterdrücken, recht wunderbare Erfahrungen zu machen, und wenn man diesen Wunsch lebhaft hat, so kommt man in Gefahr, diese seltsamen Erfahrungen auch wirklich anzutreffen. Die Phantasie ist für jeden Eindruck empfänglicher, und der Verstand ist bereit, sich unterdrücken zu lassen. Das Schlimmste dabei aber ist eine gewisse dunkle, gefährliche Eitelkeit, die uns mit der Phantasie im Bunde leicht für das Gewöhnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt, damit wir nur nicht vergebens hoffen dürfen. So erging es mir in jener Nacht. Andrea ging zur Stadt zurück, und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten und Gedanken, die er mir mitgeteilt hatte, ich verirrte mich, und meine Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu. Endlich traf ich auf jene Menschen. Der eine, der mich bis ans Tor brachte, hatte ein etwas seltsames Gesicht, allein erst nachher, als ich Andrea schon wiedergefunden hatte, fiel es mir ein, dass jener ihm entfernt ähnlich sehe, ja vielleicht dachte ich nur, dass es interessant wäre, wenn er ihm ähnlich gesehen hätte. So stellte meine Phantasie das Bild zusammen, und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst, und entsetzte mich davor. Auf die Art entstand jener Brief, und ich war dabei selbst von allem überzeugt, was ich niederschrieb. – Die Phantasie hintergeht uns im gewöhnlichen Leben oft auf eine ähnliche Art, indem sie uns ihre Gedichte für Wahrheit unterschiebt, am ersten aber dann, wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben. Die Lügen, die wir uns selbst vorsagen, sind ebenso unverzeihlich, als die, womit wir andre hintergehen.

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William Lovell an Rosa

Rom.

Wie wahr ist Ihr Brief, und wie schlimm ist's, dass es mit dem Menschen so bestellt ist, dass er wahr ist! – O wenn ich doch meine verlornen Jahre von der Zeit zurückkaufen könnte! Ich sehe jetzt erst ein, was ich bin und was ich sein könnte. Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt, das Fremdartige, Fernliegende zu meinem Eigentume zu machen, und über dieser Bemühung habe ich mich selbst verloren. Es war nicht meine Bestimmung, die Menschen kennenzulernen und sie zu meistern, ich ging über ein Studium zugrunde, das die höheren Geister nur noch mehr erhebt. Ich hätte mich daran gewöhnen sollen, auch in Torheiten und Albernheiten das Gute zu finden, nicht scharf zu tadeln und zu verachten, sondern mich selbst zu bessern.

War es mir wohl in meiner Verworfenheit vergönnt, so über die Menschen zu sprechen? – O Amalie! dein heiliger Name macht, dass ich Tränen vergiesse. Hätte mich Dein schützender Genius nie verlassen! – Wie glücklich hätt ich werden können!

Was