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nachher kein Aufhalten mehr; sie fühlen sich nun über die aufgeklärten Menschen erhaben, sie glauben über den Verstand hinweggekommen zu sein, und jedes Kindermärchen, jede tolle Fiktion hat sie jetzt in der Gewalt.

Rosa

Schon früh suchte ich einen Schildknappen zu bekommen, der mir meine Waffen nachtrüge, damit ich es um so bequemer hätte. Jedermann wird, wenn er sich einige Mühe gibt, einen Menschen antreffen, der es über sich nimmt, auf die Worte seines Meisters zu schwören, ihm jeden Gedanken auf seine eigene Weise nachzudenken, diese dann wie Scheidemünze auszugeben, und so den Ruf seines Herrn mit seinem eigenen zugleich zu verherrlichen. Man trifft allentalben Menschen, die nichts so gern tun, als sich an einen andern hängen, den sie für klüger halten. – Ich fand bald einen jungen Menschen, der bei seinen armen Eltern in einer sehr drückenden Lage lebte; er schien nicht ohne Kopf, er konnte schnell etwas auffassen, dachte aber nie weiter, als es ihm vorgeschrieben war. Diese schnelle Langsamkeit schien mir gerade zu meinem Endzwecke am dienlichsten. Ich nahm ihn zu mir, und lehrte ihn den Genuss eines freieren Lebens kennen; er ward nach und nach meine hauptsächlichste Maschine, denn man darf solchen leichtsinnigen lebhaften Menschen nur die Aussicht auf ein angenehmes, untätiges Leben geben, so kann man sie zu allem bewegen. Rosa ist ein ganz erträglicher Mensch, sein grösster Fehler ist, dass er seinen Leichtsinn für Verstand hält; er hat gerade so viel Scharfsinn, um einzusehn, dass er eine Stütze bedarf, an der er sich festalten kann. Ich konnte ihn recht gut gebrauchen, nur war er töricht genug, dass er zuweilen seine Aufträge zu gut besorgen wollte. So hatte er den Gedanken, den jungen Valois in unsre Gesellschaft zu ziehen, um das Vermögen der Blainville hieherzubekommen; er hatte sich mit einem Narren eingelassen, der mit sich selbst nicht fertig werden konnte, noch weniger mit der Welt, und der sich am Ende erschiessen musste, um nur irgendeinen Schluss, eine Art von vollendeter Handlung in seinen Lebenslauf zu bringen.

Das Gefühl hat dieser Rosa nie gekannt, ebensowenig die eigentliche Denkkraft, er hat immer nur gesprochen, und sich dabei ganz wohl befunden. Für seine treuen Dienste habe ich ihm das Gut in Tivoli geschenkt. Ich hätte ihn leicht betrügen können, aber irgendeinem Menschen muss ich ja doch mein Vermögen hinterlassen; ich hoffe immer noch, er soll es sehr bald verschwenden.

Balder

Mit Dir kam dieses seltsame geschöpf nach Italien, an das Du anfangs sehr attachiert warst. Er war mir wegen seiner Originalität interessant. Es war eine schöne Anlage zur Verrückteit in ihm, um die es sehr schade gewesen wäre, wenn sie sich nicht entwickelt hätte. Da aber die meisten Menschen selber nicht wissen, was in ihnen steckt, so nahm ich mir vor, den Funken aus diesem seltsamen Steine herauszuschlagen. So unterhielt es mich denn, dass ich ein paarmal als ein Gespenst durch seine stube ging, und er nachher nicht begreifen konnte, wo ich geblieben sei. Ich habe ihn nachher fleissig beobachtet, und ich fand zugleich, dass diese Vorfälle meine künftige Bekanntschaft mit Dir sehr gut präparierten. nachher wurde mir dieser Mensch gleichgültig und langweilig, weil er sich immer zu ähnlich blieb, und er tat recht wohl daran, fortzulaufen.

Herr William Lovell

Ich muss fast lachen, indem ich Deinen Namen niederschreibe und nun von Dir die Rede sein soll. Soll ich weitläuftig von Dir sprechen, der Du fast nichts bist? Ich hatte Nachrichten von Dir und wusste um Deine Reise nach Italien. Rosa kam Dir bis Paris entgegen. Mein alter Hass gegen Deinen Vater, gegen Dich, eine Erinnerung an Marie, eine Wut, die sich immer gleichgeblieben, wachte jetzt gewaltig in mir auf, ich glaubte jetzt die beste gelegenheit gefunden zu haben, mich an ihm und an Dir zu rächen. Dich selbst wollt ich gegen den Vater empören; Du solltest von ihm und von Dir selber abfallen, dann wollt ich Dich zurückschicken. So liess ich Dich durch alle Grade gehen, um Dich zu einer seltsamen Missgeburt umzuschaffen. Du kränktest Deinen Vater, und er starb nun weit früher, als ich es geglaubt hatte. Ich fuhr indessen mit meinen Künsten fort, weil die Maschinen einmal in den gang gebracht waren und ich mich daran gewöhnt hatte, Dich als mein gehegtes wild zu betrachten. Du wirst hier nicht von mir verlangen, dass ich Dir weitläuftig auseinandersetze, auf welche plumpe Art Du Dich hintergehen liessest, es würde Deiner Eitelkeit nur zu wehe tun. Es gelang mir, Dich immer in Spannung zu erhalten; ein Zustand, der am leichtesten die Vernunft verdunkelt. Jetzt hörte ich, dass der alte Burton gestorben sei, und ich schickte Dich mit Aufträgen nach England, die Du so ungeschickt wie ein unwissender Knabe ausrichtetest. Wenn Eduard nicht mehr lebte, und seine Schwester auch aus dem Wege geschafft war, so hatte ich die nächsten Ansprüche auf das ansehnliche Vermögen dieser Familie, Du hättest dann Deine verlornen Güter wieder zurückbekommen, und alles wäre in einem ganz guten Zustande gewesen. Weil ich Dir aber damals noch nicht sagen mochte, dass ich Waterloo sei, so hast Du Dich wie ein wilder, unsinniger Mensch in Frankreich und England herumgetrieben, hast da manches fühlen und seltsame Dinge denken wollen, die für Dich gar nicht gehören. – Nun wirst Du zurückkommen und Dich selbst darüber wundern, dass es nicht