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unterdrücken konnte, mich selbst zu einem ähnlichen Oberhaupte aufzuwerfen. Die Menschen erschienen mir in einem so verächtlichen Lichte, dass ich es für die leichteste Sache von der Welt hielt, sie zu beherrschen, kurz, ich nahm mir vor, den Versuch anzustellen, möchte er gleich ausfallen, wie er wollte.

Ich hielt mich in Rom auf, und man hielt mich für einen eingebornen Italiener. Mein seltsames, eingezogenes Wesen hatte schon die Aufmerksamkeit mancher Leute auf sich gezogen, man konnte aus mir nicht recht klug werden, und es geschah daher sehr bald, dass ich für einen interessanten, ja für einen äusserst interessanten Menschen ausgeschrien wurde, im grund nur, weil man nicht ausfindig machen konnte, in welcher Gegend ich geboren war und wovon ich lebte. Ich ward nach und nach mit manchen jüngern und ältern Leuten bekannter, und es ward mir nicht schwer, sie um mich zu versammeln. Ich sah jetzt erst ein, wie leicht man die Menschen in einer gewissen Ehrfurcht erhalten könne, alles was sie nicht recht verstehen, halten sie für etwas ganz Ausserordentliches, eben deswegen, weil selbst sie es nicht begreifen können.

Ich liess nur einige, die ich für die Klügeren hielt, mit mir vertrauter werden, die übrigen blieben stets in einer demütigen Abhängigkeit. Unsere Gesellschaft breitete sich bald in mehrern Städten aus, und bekam entfernte Mitglieder, und jetzt war es die Zeit, etwas durchzusetzen, denn sonst wäre sie immer nur ein albernes Possenspiel geblieben. Es war mein Zweck, das Vermögen andrer Leute auf ein oder die andre Art in den Schatz der Gesellschaft zu leiten, und es glückte mir mit manchem. Derjenige, der mehrere Grade bekommen und viel zum Vorteile der Gesellschaft gewirkt hatte, konnte dann auf die Teilnahme an dieser allgemeinen Kasse Ansprüche machen. So wurden alle mit Hoffnungen hingehalten, und jeder einzelne war zufrieden; nur wenige wussten um den Zweck des Meisters, und selbst diese durften nur mehr ahnden, als sie überzeugt sein konnten.

Ich fürchtete anfangs, dass klügere Menschen meinem Plane auf den Grund sehen möchten, allein diese Besorgnis fand ich in der Folge sehr ungegründet. Sobald man sich nur selbst für gescheiter hält, als die übrigen Menschen, sind diese auch derselben Meinung. Man muss sich nur nicht hingeben, sondern sich kostbar machen, nie ganz vertraut werden, sondern immer noch mit tausend Gedanken zurückzuhalten scheinen, so gerät jeder Beobachter in eine gewisse Verwirrung, sein Urteil ist wenigstens nicht sicher, und damit ist schon alles gewonnen. Jeder wird suchen, einem solchen wunderbaren Menschen näherzukommen, und um ihn zu studieren wird man es unterlassen, ihn zu beobachten: selbst der scharfsinnigste Kopf wird besorgt sein, dass jener schon alle seine Ideen habe, und jede Widerlegung bei ihm in Bereitschaft stehe. Alle werden auf die Art die Eigenschaften zu besitzen streben, die sie jenem zutrauen, und so werden sie am Ende selbst die Fähigkeiten verlieren, eine vernünftige Beobachtung anzustellen. – Den meisten Menschen tut es ordentlich wohl, wenn man ihnen imponiert, und sie kommen selbst auf dem halben Wege entgegen. Es waren auch gar nicht die scharfsinnigen Köpfe, die mir auf die Spur kamen, sie bemerkten die Blössen gar nicht, die ich gab, als ich mich etwas zu sehr gehnliess, als mich Dein einfältiges Benehmen in England aufbrachte und eine Krankheit mich verdrüsslich machte; sondern die Einfältigsten reichten mit ihrem kurzen Sinne gerade so weit, um auf meine Schwäche zu treffen.

Hang zum Wunderbaren

Dieser war es vorzüglich, der die Menschen an mich fesselte, weil alle etwas Ausserordentliches von mir erwarteten. Die meisten Leute glauben über den Aberglauben erhaben zu sein, und doch ist nichts leichter, als sie von neuem darein zu verwickeln. Es liegt etwas Dunkles in jeder Brust, eine Ahndung, die das Herz nach fremden unbekannten Regionen hinzieht. Diesen Instinkt darf man nur benutzen, um den Menschen aus sich selbst und über diese Erde zu entrükken. Ich fand, dass ich gar nicht nötig hatte, feine Sophistereien, oder seltsam schwärmerische und doch vernünftig scheinende Ideen zu gebrauchen, die den gesunderen Verstand nach und nach untergrüben: der Sprung, den diese Menschen immer zu tun scheinen, ist wirklich nur scheinbar. Deswegen, weil nichts die Unmöglichkeit der Wunder beweisen kann, glaubt jedes Herz in manchen Stunden fest an diese Wunder.

So ist dieses seltsame Gefühl eine Handhabe, bei der man bequem die Menschen ergreifen kann. Ich habe dadurch mehr wirken können, als durch das klügste Betragen. Es war mein Grundsatz, dass wenn man die Menschen betrügen wolle, man ja nicht darauf ausgehn müsse, sie recht fein zu betrügen. Viel Feinheit würde voraussetzen, dass die andern auch einen feinen Sinn haben, dann wäre sie angewandt: aber eben darum verderben recht viele gute Plane, weil sie viel zu sehr kalkuliert waren; die nahe, unbeholfene Einfalt tritt dazwischen und zerreisst alle Fäden, die zum leisen Gefangennehmen dienen sollten. Wer recht vorsichtig und vernünftig ist, dem wird auch bei der feinsten Machination der Gedanke naheliegen, dass man wohl darauf ausgehn könne, ihn zu täuschen, und so ist diese Feinheit in jedem Falle verlorne Mühe. Das Unwahrscheinliche und Grobe glauben die Menschen eben darum am ersten, weil es unwahrscheinlich ist, sie meinen, es müsse denn doch wohl irgend etwas Wahres dahinterstecken, weil sich ja sonst kein Kind dadurch würde hintergehn lassen.

Haben die Menschen in die Wissenschaft des Glaubens erst einen Schritt hineingetan, so ist