mit so vielem Unwillen bemerkt, dass sie sich zuweilen recht kluge Regeln aus ihren Lebenserfahrungen abstrahiert hatten, dass diese ihnen aber immer nur dazu dienten, in Gesellschaften angenehm und sinnreich zu sprechen; sie dachten alle nur, um über ihr Denken zu reden, nicht aber um ihre Resultate in Ausübung zu bringen. Daher kommt es denn auch, dass sie im Denken, so wie in einem Hasardspiele, wagen, dass sie oft ohne alle Überzeugung überzeugt tun, damit sie nur gelegenheit finden, scharfsinnig zu sein. Diese kläglichste von allen Schwächen hatte ich schon seit lange verachtet; ich nahm mir vor, jeden Gedanken über die Welt und den Menschen recht genau zu nehmen, ihn treu aufzubewahren, damit er mir nützen könne. So legte ich es freilich wenig darauf an, über Menschen gut zu sprechen, aber desto mehr, sie von ihrer wahren Seite zu begreifen.
Jeder Mensch sucht aus seinem Leben etwas recht Bedeutendes zu machen, und jeder glaubt, er sei der Mittelpunkt des grossen Zirkels. Keiner lebt im Allgemeinen, keiner kümmert sich um das grosse Intresse des Ganzen, sondern jeder weiss in diesem unendlichen Stücke nur seine kleine armselige Rolle auswendig, die oft nur so wenig zum Ganzen beiträgt. Man kann sich daher nicht besser gegen die verächtlichen Schwächen der Menschen, gegen blinde Eitelkeit und kurzsichtigen Stolz waffnen, als wenn man sich das bunte Leben immer unter dem Bilde eines Schauspiels vorstellt; es ist ein wirkliches Drama, weil jedermann es dazu zu machen strebt, denn keiner kommt auf den Gedanken, so in den Tag, oder ins Blaue hineinzuleben, sondern selbst zum kürzesten Auftritte bürstet ein unbemerkter Bediente seinen Hut ab, und will durch die Tressen auf dem Rocke blenden. Nie muss man sich ganz in einzelne Menschen verlieren, sondern immer daran denken, dass diese von andern wieder anders betrachtet werden, als wir sie betrachten; denn sobald jemand Einfluss auf uns hat, so ist unser blick auch schon bestochen.
Vorsätze
Wie jedermann Vorsätze fasst, wär es auch nur am Geburts- oder Neujahrstage, so fasste ich auch die meinigen. Wer nicht konsequent handeln kann, sollte lieber gleich unbesehen alle Handlungen aufgeben, weil er sich sonst beständig selber etwas in den Weg legen wird, und zwar eben durch den Versuch, sich manches aus dem Wege zu räumen. Ich hatte nun einmal eine gewisse Art zu leben und zu denken angenommen, und ich musste so fortfahren, oder von neuem ins Hospital oder Narrenhaus geschickt werden. Ich überlegte aber, was man mir entgegensetzen könne, und fand es alles abgeschmackt. Dass die Welt nicht bestehen könne, wenn alle Menschen so dächten und handelten, dieser Gedanke ist es ja eben, der einzelne Köpfe aufrufen muss, von der gewöhnlichen Art abzuweichen, weil sie durch die Gewöhnlichkeit der andern Menschen imstande sind, ihr falsches Geld für echtes auszugeben. Sie sind in dem wilden Kampfe des menschlichen Lebens die Heerführer, die es wissen, wovon die Rede ist, die übrigen sind ihre Untergebenen, und die echt Tugendhaften die ewige schöne Ursache, dass dieser Krieg nie zu Ende kommt, sie giessen die Kugeln und teilen sie gratis beiden Parteien aus. – Der wichtigste Einwurf ist nun, dass etwas in uns wohne, das in uns schlägt und zittert, wenn wir von dem Wege abweichen, von dem man sagt, dass ihn die natur vorgezeichnet habe. Aber eben von diesem unsichtbaren Dinge, oder sogenanntem Gewissen konnte ich mich nie überzeugen. Es gibt mehrere dergleichen fabelhafte Traditionen beim Menschengeschlechte, wodurch der grösste teil desselben wirklich in einer gewissen Furcht gehalten wird, die manchen in müssigen Stunden, wenn er nicht zu sehr gedrängt und getrieben wird, tugendhaft machen; es sind die philosophischen Nebenstunden, auf Schreibpapier gedruckt und mit Vignetten verziert. Ich beschloss, es mit dieser unsichtbaren Gewalt aufzunehmen, und ihr nicht minder, als dem gewöhnlichen Gerede, das man unter dem Namen Grundsätze so oft ablesen hört, Trotz zu bieten, und bis jetzt habe ich keinen Anstoss, keinen inneren Ruf bemerkt, ob ich gleich jeden Fehler, der mir im Wege lag, mitnahm; es sind mannigfaltige Sünden von mir begangen worden, aber bis jetzt bin ich immer noch ruhig geblieben. – So hatte sich nach und nach das Ideal eines Menschen verändert, das ich mit ungeübtem Finger in der Kindheit entworfen hatte. Ich habe oft jene bekannten tugendhaften Bücher gelesen, um mir die Sache recht nahezubringen, aber weder Poesie noch Prosa haben in mir etwas angeschlagen, ob ich mir gleich jene armseligen gequälten Menschen ziemlich deutlich vorstellen kann. Doch ich werde zu weitläuftig, und Du verstehst mich doch nicht ganz; ich will daher hier mehrere Jahre übergehen, um mich dem Schlusse meiner Erzählung zu nähern.
Geheime Gesellschaft
Als ich etwas älter geworden war, fand ich mich damit nicht beruhigt, dass mich die Menschen nicht betrügen konnten. Jeder Mensch hat irgendein Spielwerk, ein Steckenpferd, dem er sich mit ganzer Seele hingibt, und da jetzt bei mir der Trieb zur Tätigkeit erwachte, so wünschte ich mir auch irgend etwas einzurichten, worin ich mit Vergnügen arbeiten könnte. Ich hatte von je einen grossen Hang zu Seltsamkeiten in mir verspürt, und so war es auch jetzt die idee eines geheimen Ordens, die mich vorzüglich anlockte. Man hatte mir so viel davon erzählt, ich hatte so oft behaupten hören, dass es ein ausserordentlicher Mann sein müsse, der an der Spitze einer solchen Gesellschaft stehe, dass ich den Wunsch nicht