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ein, dass achtung und Freundschaft nur so lange dauern können, als jeder der sogenannten Freunde ungefähr gleich viel Geld in der tasche hat; sie verhalten sich wie Waageschalen, die nur im Gleichgewichte stehen, wenn in jeder ein gleiches Gewicht liegt.

Eine Krankheit überfiel mich. Ich musste zum Schmählichsten meine Zuflucht nehmen; auf mein inständiges, wiederholtes Bitten nahm man mich in einem Hospitale auf. Ich kann nicht sagen, dass man für mich sorgte, denn selbst der trägste Gärtner behandelt die Blumen, die schon verwelken wollen, liebreicher und mit mehr Aufmerksamkeit, als hier die kranken, mit dem tod ringenden Menschen gehandhabt wurden. Manche werden dennoch wieder gesund, und zu diesen gehörte auch ich. Man entliess mich, ein Geistlicher gab mir sogar fromme Wünsche mit, und die Sonne schien mir nun wieder auf der freien Strasse entgegen. Ich war noch sehr schwach, abgefallen und bleich, aber dennoch ward niemand zum Mitleiden bewegt. Es gibt gar zu viele Elende! rief man mir von allen Seiten entgegen, weil selten ein Mensch so gewissenhaft ist, es aufrichtig zu gestehn, dass er sich nicht berufen fühle, die Not der Menschen zu erleichtern. Ich bettelte gleich dem Verworfensten, aber mein Anzug war noch zu gut, um das flüchtige Mitleid gefangenzunehmen: wer mir einen Sous gab, hielt sich zugleich für berufen, mir tausend Bitterkeiten zu sagen, die mich noch mehr schmerzten, als Hunger und Krankheit, ja manche taten es gewiss nur, um eine gelegenheit zu haben, ihre guten Lehren an den Mann zu bringen.

Ich ward meines Lebens überdrüssig, das wie eine Kette um mich lag. Ich sass auf Pont neuf, und hatte schon seit Sonnenaufgang das Mitleid der Vorübergehenden angefleht. Hunger und Durst zehrten mich auf, ich erinnerte mich der Märchen von wohltätigen Zauberern und Kobolden, und sah jedem Vorübergehenden ins Gesicht, aber alle sahen zu sehr den Menschen ähnlich, als dass ich etwas hätte hoffen können. Die Sonne ging unter, und die roten Wellen winkten mir, der Fluss schien mir ein goldenes Bette, in dem ich endlich alle Sorgen und allen Verdruss verschlafen könne. Immer gingen noch Menschen vorüber, und keiner von allen warf mir nur auch die kleinste Münze zu. Ich beschloss noch zwölf Vorübergehende abzuwarten, und mich dann, wenn mir von diesen keiner etwas mitteile, in den Strom zu stürzen.

Da es schon spät war, gingen die Leute schon seltner, ich verdoppelte mein Flehn, aber man hörte nun in der Dämmerung noch weniger auf mich. Schon waren elf Unbarmherzige vorübergegangen, und auch der zwölfte kam und sah sich nicht nach meinen Bitten um: schon war ich aufgestanden, um mich köpflings über das Geländer der brücke zu stürzen, als ich einen singenden Menschen hörte, der sich näherte. Ich hielt ein, um auch noch mit diesem einen Versuch zu machen, von dem ich schon im voraus überzeugt war, dass er vergeblich sein würde, denn der Spaziergänger war froh und guter Dinge. Er kam näher. Es war ein Trunkener, der sich kaum mehr aufrecht zu erhalten wusste, sein Bewusstsein hatte ihn fast gänzlich verlassen, und er brummte ein unverständliches Lied zwischen den Zähnen. Es kam mir vor wie eine Satire auf mich selbst und auf die Menschheit, als ich mit demütigen Bitten sein Wohlwollen und sein christliches Herz in Anspruch nahm. Er stand still, betrachtete mich und lachte dann über mein kümmerliches Aussehen aus vollem Halse. Ich hätte beinahe mit eingestimmt. Mit einem widrigen gesicht griff er jetzt in die tasche, und zog gähnend eine schwere Börse hervor, er machte sie auf und gab mir ein Goldstück: ich dankte und er ging fort. Kaum war er einige Schritte gegangen, als er aus Nachlässigkeit die Börse verlor und es nicht bemerkte. So schnell ich konnte, lief ich hinzu, und hob sie auf, neben ihr lag ein Taschenbuch, das er ebenfalls verloren hatte: er hatte mich nicht gesehen, und ich war schon jenseits der brücke, als er hinter mir drein keuchte und mich fragte, ob ich seine Börse nicht gesehen habe. Ich verneinte es fest, und er fing nun an zu suchen, er kroch die brücke auf und ab, und ich musste ihm helfen, wobei ich sein Unglück sehr beklagte. Er bog sich endlich über das Geländer, stieg hinüber, um auch dort nachzusehn, er kam aus dem Gleichgewichte und stürzte in das wasser. Da ich ihn nicht schreien hörte, ging auch ich stillschweigends fort. Ich weiss nicht, ob man ihn wieder ans Land gezogen hat.

Das Geld machte mich bald wieder angesehen; ausserdem fand ich noch bedeutende Banknoten und Wechsel in dem Taschenbuch; ich verliess die Stadt, und setzte bei der ersten günstigen gelegenheit alles in bares Geld um; mit einem nicht unbeträchtlichen Vermögen ging ich unter einem erborgten Namen nach Italien.

Verstand

Ich kam nun mit dem festen Vorsatze aus der Schule, besonnener zu leben. Ich verglich mich mit den übrigen Menschen, und fand, dass sie häufig, ja meistenteils einfältiger waren, als ich; es gereute mich doppelt, dass ich mich so von ihnen hatte beherrschen lassen. Ich sah ein, dass wenn ich versteckter und feiner handelte, als sie, ich sie alle um desto eher würde beherrschen können. Denn soviel ist gewiss, dass man die Gesellschaft entweder verlassen, oder sich zum Beherrscher aufwerfen, oder sich beherrschen lassen muss.

Ich hatte es an allen Menschen