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Witzes kennengelernt, sie behalten daher zeitlebens ihre kleinstädtischen, entfernten Begriffe von diesen Vortrefflichkeiten. Durch den allgemeinen Beifall, dessen ich genoss, liess ich mich verleiten, immer witziger zu werden, ich fand Behagen an mir selbst, und setzte am Ende in meine Armseligkeiten einen ebenso hohen Wert, als es die übrigen Menschen taten. Man wird meistenteils durch den Umgang einfältiger und eitler, selten klüger und besser. Ich hatte damals überhaupt gerade so viel Verstand und Erfahrung, um mich sehr dumm zu betragen, der ganz Einfältige geht einen weit bessern und sicherern Weg, als der Mensch, dessen Klugheit im Wachstume ist; die einzig schädliche Dummheit ist jene halbe Klugheit, die sich allentalben zurechtfinden will, alles zu ihrem Vorteile benutzen, das Widerspenstige auf eine sinnige Art verbinden und so durch einen feinen, unbemerkten Despotismus die ganze Welt regieren. Diese Klugheit war eben bei mir grün in die Höhe geschossen, so dass ich sie zwar bemerken, aber noch keine Früchte davon einernten konnte: diese unreife Klugheit kann höchstens einem Schriftsteller zugute kommen, der in seinen Büchern mit den Menschen machen kann, was er will, ohne dass sie sich eben zu sehr widersetzen; aber in der wirklichen Welt ist sie eben der Angelhaken, mit dem diese Goldfische von klügern Fischern gefangen werden. Man sollte daher entweder zeitlebens einfältig bleiben, oder schnell jene gefährliche Periode der entwicklung zu überstehen suchen.

Damals lernte ich einen jungen Menschen, Deinen Vater, kennen. Er stand noch in der empfindenden Periode, und ich war ihm mit meiner Ausbildung so sehr gewachsen, dass er mich bald für das Muster eines Mannes hielt. Er wünschte nichts so sehr, als meine Freundschaft, und es traf sich, dass wir in kurzer Zeit recht vertraut miteinander wurden. Er entdeckte mir seine Liebe zur Lady Milford, und bat mich um meine Vermittelung, weil ich in ihrem haus oft war, und viel beim Vater galt. Ich nahm mich seiner redlich an, und es kam so weit, dass die Verlobung in kurzem gefeiert werden sollte. Marie Milford war ein treffliches Mädchen, die mir mit jedem Tage mehr gefiel; ohne dass ich sagen könnte, wie es geschah, war ich selbst in sie verliebt, noch ehe ich glaubte, dass es möglich wäre. Ich dachte jetzt darauf, Lovell von ihr zu entfernen, ich tat vieles, ohne genau zu überlegen, was und wie es sei, und so gelang es mir am Ende wirklich, dass ihm der Vater das Haus verbot. Der junge Burton, der Lovells Freund war, ward jetzt heimlich mein Vertrauter, wir errichteten einen ordentlichen Vertrag. So jung dieser Mensch damals auch war, so war er mir dennoch überlegen; ob ich gleich sein Oheim war, so konnte ich es doch nicht unterlassen, im stillen eine grosse achtung vor ihm zu empfinden. Es zeigte sich auch in der Folge, dass ich hierin recht hatte, ob ich mich gleich im ganzen in ihm irrte.

Marie war unglücklich, und alle meine Bemühungen, ihr Wohlwollen auf mich zu lenken, waren vergebens. Je mehr sie mir widerstand, um so heftiger wurde meine Begierde. Ich glaubte daher, dass diese Liebe noch stärker sei, als meine erste jugendliche zu Antonien. Der Vater ward immer mehr für mich eingenommen, und er wünschte nichts so sehnlich, als mich zum Schwiegersohne zu bekommen.

Ich hatte Lovell nach und nach und mit einigem Scharfsinne beim Vater verleumdet, ich hatte allen meinen Aussagen den Anstrich der Wahrheit zu geben gewusst, aber doch war die ganze Intrige ohne einen eigentlichen Plan angelegt, ich verliess mich mehr auf den Zufall und auf die Leichtgläubigkeit der Menschen, als auf mich selbst. Ich dachte eigentlich nur selten an den Erfolg, sondern liess sich die Maschine selber umtreiben, so wie es die meisten Menschen machen, die wahrlich mehr ihre Plane ausbessern und den üblen Folgen derselben aus dem Wege treten, als dass sie diese Plane selbst durchsetzen. Diese Schläfrigkeit in der Bosheit macht, dass die Menschen noch so ziemlich miteinander fertig werden, dass es dem einen nicht sauer wird, den andern zu überlisten, und dass dieser sich wieder nicht sehr widerspenstig erzeigt, überlistet zu werden.

Die Tochter schien mir immer abgeneigter zu werden, aber sie war bei Tage und in der Nacht mein einziger Gedanke. Ich gab mein ganzes voriges Leben verloren, und beschloss, durch ihren Besitz gleichsam von neuem geboren zu werden, mich und mein Glück in jeder Stunde recht bedächtlich zu geniessen und mit mir selber ernstafter umzugehen. Es schien mir jetzt, als habe ich alle meine Jahre in einem wilden, drükkenden Rausche verschleudert, ich erschrak vor dem Gedanken, leer durch das Leben zu gehen und dann so hinzusterben. Und doch überfiel mich oft die Überzeugung, dass es so kommen würde und müsse, denn ich fühlte es in allen Stunden innig, dass sich Mariens Seele gänzlich von mir zurückneigte, wie eine Blume von dem kalten Schatten. Ich war verzweifelt. Ich gewann mir selber die Überzeugung ab, dass jetzt die Täuschungen aller Art im Begriff seien, von mir abzufallen, mein Herz erwachte aus seinem Taumel, was in meiner Jugend Traum war, wollte sich jetzt zur Wahrheit emporarbeiten, und ich fühlte durch mein ganzes Wesen den Glanz der Liebe schlagen, die sich mir jetzt in allen ihren Kräften offenbaren wollte. O welche selige Wirklichkeit konnte die Stelle früherer glänzender Phantome einnehmen! Marie ward in einer Stunde offenherzig und gestand mir