, als ich, und ich glaubte es am Ende selbst; ich verachtete mich jetzt ohne Grund, so wie ich mich vorher ohne alle Ursache verehrt hatte; ich hielt es am Ende nicht der Mühe wert, an mich selbst zu denken, es war mir lächerlich, dass ich mich verbessern wollte, die Welt und ich selber ward mir gleichgültig, und so schlief ich von einem Tage zum andern hinüber, ohne Wünsche und ohne Reue, in mir selber ausgestorben und ohne Lebenskraft, neue Blüten zu treiben.
Denn Blüten sind gewöhnlich nur das, was wir schon Früchte nennen, und die Früchte selbst sind für uns nur deswegen ein Bild der Vollendung, weil sie unsern Bedürfnissen zustatten kommen: in ihnen liegt der Stamm, der in der Zukunft wieder Blüten und Früchte bringen würde. –
Plötzlich erwachten in mir ganz alte und vergessene Träume. Bilder von Ländern, Landkarten, die ich in meiner Kindheit betrachtet hatte, gingen meiner Phantasie vorüber, ich hörte entfernte Ströme rauschen und sah einen fremden Himmel über mir. Eine unbeschreibliche Lust, die Menschen und die wohlbekannten Gegenden zu verlassen, ergriff mich, ich ahndete so viel Neues, und in dem Neuen so viel Mannigfaltigkeit, dass ich plötzlich mein Vermögen zusammenraffte, und in der grössten Eile England verliess.
Sinnlichkeit
Es war alles nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich traf allentalben dieselben Menschen wieder an, eben das flache, abgegriffene Gepräge, das mich in meiner Heimat innerlich so oft empört hatte. – Ich glaubte endlich, es sei Narrheit, anders sein zu wollen, ich zwang mich in diese Form hinein, und nun war ich allen lieb.
Schon vorher hatte ich von einigen sogenannten Vertrauten gehört, dass in meinem gesicht etwas liege, das die Menschen im Anfange von mir zurückstosse; eine verborgene Widrigkeit, die man nicht genau zu beschreiben wisse, die mich aber bald lächerlich, bald wieder zu einem gegenstand der Furcht mache. Nun wusst ich doch, warum die Menschen mich hassten und verfolgten; weil meine Nase etwas anders stand als sie es wünschten, fanden sie mich verwerflich.
Ich überliess mich jetzt dem frohern Genuss des Lebens, alle meine dunkeln Empfindungen lösten sich in Sinnlichkeit auf, ich glaubte, alles frühere sei nur ein Weg hierher gewesen, eine Vorbereitung zu dieser Vollkommenheit.
Ich verachtete jetzt alles in mir selbst, was mir als gross und erhaben erschienen war; mir selbst zum Trotz zeichnete ich mir meine Liebe als das Lächerlichste vor, ich machte mich mit den widrigsten Vorstellungen vertraut, und galt nun bald allentalben für einen witzigen Kopf, weil ich im grund den Verstand verloren hatte.
So durchschwärmte ich ohne Genuss Italien und Frankreich. Man sah mich allentalben gern, und allentalben war ich mir selbst zur Last: ich bemerkte endlich mit Schrecken, dass mein kleines Vermögen fast gänzlich verloren sei, ich war meinem vaterland ganz fremd geworden, weil ich schon sechszehn Jahre entfernt gewesen war; ein Zeitraum, der mich jetzt ausserordentlich kurz dünkte. – Mit dem Gelde, das mir übrigblieb, beschloss ich nach England zurückzukehren, weil mir indes das Alte etwas Neues geworden war. – Ich betrat das englische Ufer, um hier neue Erfahrungen zu machen.
Klugheit
Ich kam mit der festen Überzeugung zurück, die Menschen zu kennen. Ich hatte im Laufe meines wilden Lebens nicht unterlassen, sie zu beobachten, aber ich war mir dieser Beobachtungen viel zu sehr bewusst, als dass sie hätten richtig sein können. Es ist schwer, die Menschen in der Gegenwart zu kennen, weit richtiger beurteilt man sie in der Entfernung, wenn wir nach und nach die wahrgenommenen Merkmale sammeln. Über meine Freunde in Italien fing ich daher an, ganz richtig zu denken, und doch brachten mich die Menschen, die ich in England traf, von neuem in Verwirrung: ich suchte mich in jede Gestalt, die mir aufstiess, hineinzustudieren, und darüber geschah es denn unvermerkt, dass ich selbst manches von dem Menschen annahm, den ich mir nur verständlich machen wollte; es ist dieselbe Erfahrung, die jeder Übersetzer macht, der während der Arbeit sein Original zu hoch anschlägt.
Meine ehemalige Geliebte traf ich als eine zänkische, eigensinnige Hausfrau wieder, selbst in ihrer Gestalt waren nur wenige Spuren ihrer sonstigen Liebenswürdigkeit zurückgeblieben. Wir gingen miteinander um, wie alle übrigen Menschen miteinander sprachen, und alle meine jugendlichen Empfindungen für sie erschienen mir schal und abgestanden, alle Festtage waren für mich im menschlichen Leben ausgestrichen, und mein blick verlor sich in der unabsehlichen Folge der alltäglichen Stunden und Vorfälle, von keinem Gefühle aufgeputzt, von keiner Schwärmerei beglänzt. Wie albern erschien mir jetzt die Erinnerung meines ehemaligen Lebens und meiner jugendlichen Gefühle! Ich trat unter den Haufen der Menschen, und betrachtete jedes Gesicht mit einem kalten Blicke: keiner ging mein Herz näher an, als der andre.
Ich erhielt bald in vielen Häusern Zutritt, weil ich, ich weiss nicht durch welchen Zufall, den Namen eines witzigen Kopfes bekommen hatte. Man ist sehr oft in der Welt witzig, wenn man auf eine gewisse Art einfältig ist, wenn man jeden Einfall und Gedanken wagt, ohne an alle die Rücksichten zu denken, die der klügere Mensch nie aus den Augen verlieren wird. Ich sprach alles, was mir in den Sinn kam, und machte mich besonders durch abgeschmackte Anekdoten sehr beliebt; der wahre Witz wird in Gesellschaften selten geachtet und verstanden, die meisten Leute haben immer nur die Vorstädte des Verstandes und des