mir löste sich auf. Ein tauber Schmerz sass in meinem Herzen und dehnte sich immer weiter und weiter aus, als wenn er das Herz und die Brust zersprengen wollte, und doch kam ich mir zugleich albern und abgeschmackt vor. Ich verachtete meine Tränen und Seufzer, ich hielt alles in mir für Affektation, alle lebendige Poesie flog weit von mir weg, alle Empfindungen zogen vorüber wie etwas Fremdes, das mir nicht zugehörte. –
Der Liebhaber kam, um sie abzuholen. Sie reiste ab, und dachte nicht daran, in welcher Einsamkeit sie mich zurückliess: ich hatte ihr noch selber alles zur Reise einpacken helfen. Die Zimmer waren ausgeleert, und in der Mitternachtstunde ging ich dem öden haus vorüber, und hörte nur noch drinnen eine Wanduhr, die ewig und langweilig ihre wiederkehrenden Schwingungen abmass. Es war mir, als hörte ich den Takt, der kalt und empfindungslos das menschliche Leben abmisst: ich ahndete im voraus den gang der Zeit und alle die trüben Veränderungen, die sich träge in der Einförmigkeit ablösen und gähnend wiederkehren.
Melancholie
Es ist, als wenn die Liebe wie ein Frühlingsschein in den Vorhof unsers Lebens hingelegt wäre, damit wir diese schöne Empfindung in uns recht lange nähren und fortsetzen, damit uns der schönste Genuss der Seele durch unser ganzes Leben begleite, und durch die blosse Erinnerung uns dies Leben teuer mache. Wenige nur wagen es, nachdem sie durch dies goldene Tor gegangen sind, das Leben und seine Freuden zu verachten. Begrüsste uns nicht die Liebe am Eingange des Lebens, so würden sich alle Menschen ohne Mühe von ihren Vorurteilen losmachen können, keiner würde sich um die Tugend kümmern und keiner über den Verlust seiner jugendlichen Gefühle Reue empfinden. Aber so wird uns ein Talisman mitgegeben, der uns beherrscht, ohne dass wir es wissen.
Ich fühlte mich jetzt von der ganzen Welt losgerissen, ohne allen Zusammenhang mit irgend etwas, das in ihr war. Oft lag ich ganze Tage hindurch im wald und weinte, mit unsichtbaren Wesen führte ich gespräche und klagte ihnen mein Leid. Oft war es, als wenn die natur und die rauschenden Bäume meinem Herzen plötzlich näherrückten, und ich streckte dann meine arme aus, um sie mit einer unnennbaren Liebe zu umfangen, aber dann fiel es wieder vor meine Seele nieder, ich war in meinem Schmerze mit mir selber nicht befreundet, und alles übrige erschien mir kalt und ohne Interesse. Menschen, die dann in der Ferne vorübergingen, beneidete ich, indem ich sie verachtete: ein verworrenes Gewühl von tausend Gestalten lag drückend in meiner Phantasie; keine konnte sich losarbeiten, um als ein einzelnes, anschauliches Bild dazustehn. – Dies sind die Empfindungen eines jungen unentwickelten Menschen, der nach etwas greift, das er selbst nicht kennt.
Das hohe Ideal der Tugend und der Vortrefflichkeit des Menschen kam jetzt in meine Seele zurück. Ich nahm mir vor, alle meine Gefühle in dieser Vorstellung zu verbinden, ich sah jetzt meine unglückliche Liebe als ein Opfer an, das ich der Tugend und der notwendigkeit gebracht hatte. Ich fand in vielen Stunden Trost in diesem Gedanken, und ich nahm mir von neuem vor, ein recht edler und vollendeter Mensch zu werden, alle die gewöhnlichen Armseligkeiten wegzuwerfen und mich ganz der hohen Vorstellung zu weihen, die mein Herz erweiterte. Dieser Vorsatz ist es eigentlich nur, der den Menschen so oft über diese Welt hinüberhebt, denn in der langsamen und weitschweifigen Ausübung geht bald aller Entusiasmus verloren. Mir ging es aber bei weitem übler. Die Menschen witterten etwas von meinen Ideen, die sie Schwärmerei nannten; um mich zu bessern, verfolgten sie mich mit falschem Witze auf die gemeinste Weise. Alles, was ich tat und sagte, war ihnen nicht recht und zu jugendlich; sie liessen mir nicht die Zeit, selbst Erfahrungen zu machen, um meine Torheiten einzusehn, sondern ich sollte in einem Treibhause klüger werden.
Es ist gewiss leicht, ein grosser Mensch zu werden und zu bleiben, wenn sich uns sogleich grosse Unglückfälle in den Weg werfen, die die Bahn zu versperren drohen. Dann nimmt der Mann alle seine Kräfte zusammen, um keinen Schritt zurückzutun. Gefängnis und Ketten, Todesgefahr und allgemeiner Hass sind nur Mittel, die seine Seele stärken und verhärten, er lebt in einem ewigen Kampfe gegen die wilden massen, die ihn umgeben, und dieser Kampf erhält ihn munter und lebendig. Eigensinn wird endlich seine Haupttugend werden, an dem sich seine übrigen Tugenden nur lehnen, er wird sich selbst verachten, wenn er fühlt, dass er innerlich nachzugeben im Begriff ist, und auf die Art wird die Spannung seiner Seele niemals nachlassen. Das Bild eines solchen Mannes ist gross, wenn man will, aber noch grösser wäre der, der seinen Vorsatz durchführt, wenn er gleich nicht bemerkt wird, dem nichts Grosses entgegengeht, sondern der in einer schalen Unbedeutenheit lebt und von allen verachtet wird; vor dem der eine Tag so wie der andere vorüberzieht, und um den sich die Zeit und das Unglück gar nicht zu kümmern scheint. Ein solcher Mensch wird seinen Wert bald aufgeben, alles wird ihm nur ein Hirngespinst scheinen, und er wird entweder zu den ganz gewöhnlichen Menschen hinabsinken, oder sich an diesen zu rächen suchen.
Wie oft ward mein guter Wille verkannt und das Beste in mir verhöhnt: wem ich mit meiner Freundschaft entgegenging, der wies mich kalt zurück, meine jugendliche Empfindung nannte man sich gemein machen. Alle Menschen waren klüger, verständiger und besser