Art von Kunstwerk zu bilden, in welchem ich mir wieder gefiel. Ich zog nach und nach meine vorigen Ideen in meinen jetzigen Zustand hinein, und so war es, als wenn sich ein sanfter Mondschimmer über mir bildete, in dessen melancholischer Dämmerung ich gerne wandelte.
Ich lernte eine Familie in der Nachbarschaft kennen, oder vielmehr, ich besuchte sie nur fleissig, weil mein Vormund mich dort eingeführt hatte. Antonie, die einzige Tochter des Hauses, lenkte nach kurzer Zeit alle meine Aufmerksamkeit auf sich; die Dämmerung um mich her ward immer traulicher, und ich hatte am Ende meinen Schmerz vergessen, indem ich immer noch sehr unglücklich zu sein glaubte.
Mein ganzes Leben bekam einen neuen Schwung und es ward mir auf eine andere Art lieb. Alle meine grossen Entwürfe fielen zusammen, meine grosse heroische Biographie kroch in einen Seufzer ein, ein einziger holdseliger blick erfüllte alle meine Wünsche.
In dieser Zeit ist man von allen Frauenzimmern gern gesehen, weil man sie verehrt und für göttliche Wesen hält; sie sind immer in der Gesellschaft eines jungen unerfahrnen Menschen glücklich und unbefangen; je blöder, je verlegener er sich nimmt, je lieber ist er ihnen, wenn sie ihn öffentlich auch noch so sehr verspotten. Als ich in mehrern Familien bekannt ward, war ich bei allen Frauenzimmern eine ordentliche Modeware; alle bildeten sich ein, dass sie mich erziehn wollten, um mich zu einem ganz vorzüglichen Menschen zu machen, jede entdeckte in mir Talente, die sich unter ihrem hohen Schutze gewiss vortrefflich in mir entwickeln würden. Es ward nun an mir so fein erzogen, dass ich es sogar in meiner damaligen Verstandesblödigkeit bemerkte, man wandte alles an, um mich eitel und verkehrt zu machen, meine Erzieher arbeiteten recht mühsam dahin, dass ich sie verachten musste, weil sie eine noch höhere Verehrung von mir erzwingen wollten.
Antonie war das einzige Mädchen, das sich nicht um mich zu kümmern schien. Ich hörte so oft mit Verachtung von ihr sprechen, dass ich mir selbst am Ende einbildete, sie wäre mir verächtlich; man sagte von ihr, dass sie keinen Verstand besitze, und so schien es auch, denn sie sprach nur selten und sehr furchtsam mit, wenn die übrigen ihre feinen Gedanken auf eine glänzende Art entwickelten. Wenn ich allein bei ihr war, fühlte ich mich aber auf eine unbegreifliche Art zu ihr hingezogen, im einfältigen, fast kindischen gespräche wurde mir dann der Verstand aller übrigen weit zurückgerückt, sie interessierten mich dann nicht, ich konnte sie selbst in der Erinnerung nicht achten. Ich wunderte mich oft über diese seltsamen Widersprüche, ich überlegte in der Einsamkeit, wodurch ich so wunderbar gestimmt werden könne, dass ich immer die entgegengesetzte Seite fände und sie jedesmal für die wahre hielte. In kurzer Zeit ward dieser Widerspruch in mir gehoben, denn ich gab mich gegen meine Überzeugung Antonien ganz hin, die Gesellschaft aller übrigen Menschen war mir schal und ermüdend, ich lebte nur für sie, ich dachte nur sie, ich träumte nur von ihr. – Selbst jetzt in der Erinnerung könnt ich mir, ein achtzigjähriger Greis, jene schöne Zeit zurückwünschen.
Meinem Ohre gab die ganze natur jetzt nur einen einzigen Ton an, es war als wenn die Poesie mit himmelbreiten Flügeln über die Welt hinrauschte, und Sonne, Mond und Sterne anrührte, dass sie tönten: alles Volk stand unten und staunte aufwärts, vom neuen Glanz, von der nie gehörten Harmonie betäubt und verzaubert.
Ohne dass ich oft vernahm, was sie sagte, konnte mich der blosse Ton ihrer stimme in Entzücken versetzen, alle meine Gedanken schliefen gleichsam in Blumen und in süssen Tönen, meine Seele ruhte in der ihrigen aus, und in einem Elemente, das für den Menschen zu fein ist, schwamm und spielte ich umher.
Meine übrigen Freundinnen sahen nun mit Hohngelächter auf mich hinab; sie gaben mich verloren und meinten, ich werde nun ebenso einfältig bleiben, als es meine Geliebte sei.
Ich wünschte tausendmal, für Antonien sterben zu können, für sie irgendein Verdienst zu erringen. Ich wünschte sie arm und in Unglück, um sie zu retten, in Todesgefahr, ich flehte, dass wenn sie mich nicht lieben könne, so wie ich sie liebte, der Himmel sie möchte sterben lassen, damit ich dann Ruhe hätte, damit ich auf ihrem Grabhügel so lange weinen könnte, bis ich ihr nachstürbe. – Der Mensch kann nie in irgend etwas gross sein, ohne zugleich ein Tor zu sein.
Ich bemerkte nur zu bald, dass sie mich nicht liebte; sie war zwar immer freundlich gegen mich und mehr, wie gegen manchen andern, allein sie war mit mir nie in Verlegenheit: sie erriet mich und doch kam sie mir nicht entgegen, in jedem Worte, das sie sprach, fühlte ich es innig, dass sie mich nicht liebe. Alle meine Empfindungen peinigten mich mit Folterschmerzen, ich wusste nicht, was ich wollte, ich begriff nicht, was ich dachte, alles war im Widerspruche mit sich selber, die natur umher ward wieder stumm, die dürre Wirklichkeit kroch wieder langsam und träge aus ihrem Winkel hervor, in den sie sich versteckt hatte: es war, als würde das Instrument mit allen seinen klingenden saiten in tausend Stücken geschlagen.
In einer recht vertraulichen Stunde gestand sie mir nun selbst, dass sie mich nicht lieben könne, weil sie schon an einen reichen jungen Menschen versprochen sei, dem sie ihr ganzes Herz hingegeben habe.
Alles in