, welches in einem von euern Zimmern hängt.
Ich habe schon seit lange darauf gedacht, meine geschichte kurz niederzuschreiben, nur habe ich noch nie eine gelegene Zeit dazu finden können: jetzt, da ich nichts zu tun habe, da alle meine Bekannten mich verlassen, will ich mir die Vergangenheit zurückrufen, um mit ihr und mit mir selber zu tändeln, so wie ich bisher mit den Menschen spielte. –
Mein Vater war ein rauher und strenger Mann, ich war sein einziges Kind. Er hatte sein Vermögen in der englischen Revolution verloren, er lebte daher auf dem land äusserst sparsam und eingezogen, die Eitelkeit und die Pracht der Welt kannte ich nur vom Hörensagen. In einem einsamen Tale wuchs ich auf, und fast immer mir selbst überlassen, entwickelten sich in meiner Seele wunderbare Träume, die ich für die Wirklichkeit ansah. Frömmigkeit erfüllte mein Herz, ich war in einem beständigen andächtigen Taumel, es verging alles vor meinen Sinnen und Gedanken, wenn ich mir Gott und die Unsterblichkeit vorzustellen suchte. Heilige Stimmen liefen oft durch den Wald, wenn ich allein dort lag, alle Wipfel vereinigten sich dann zu einem leise brausenden Chor, und der Gesang der Vögel erschallte munter dazwischen, wie ein Weltgesang der weltlichen Freuden mit dem Segen des himmels. Ich schlummerte oft ein und fasste dann die grössten und frömmsten Entschliessungen: dann hob ich meine hände kindlich zum Himmel empor, und alle Gefühle zerrannen in meinem Herzen und vereinigten sich in einen Punkt. Tränen stürzten dann aus meinen Augen und endigten so meinen hohen Taumel. Ich hatte von der grossen Liebe Gottes zu den Menschen gehört, und dies Gefühl hielt ich für diese Liebe, denn es war, als wenn mein Herz ein magnetischer Mittelpunkt wäre, der vom Himmel unwiderstehlich angezogen würde und den die körperliche Hülle kaum noch auf der Erde zurückhielte. Mein Vater war selbst im Alter fromm geworden, und seine gespräche dienten sehr dazu, meine Phantasie noch mehr zu erhitzen. Ich kann sagen, dass ich in den überirdischen Regionen so einheimisch wurde, wie in unserm Garten, dass mir die seltsamsten Träumereien so geläufig wurden, wie meine Kinderspiele, und dass ich mich mit der ruhigsten Sicherheit für die frömmste und auserwählte Seele hielt, die dem höchsten Engel nur die Hand bieten durfte, um gleich mit ihm in Brüderschaft zu treten.
Entusiasmus
Ich hielt mich in meinem Sinne, wenn ich die geschichte, oder andre Bücher über Menschen las, für einen ganz vorzüglichen Geist. Ich traute keiner andern Brust die Empfindungen zu, die wie eine sanftwechselnde Musik in meinem Herzen auf- und niederstiegen. Diese Vorstellungen hoben mich über die ganze Welt hinaus, ich vergass alle Dürftigkeiten des Lebens und war nur in reinen Strahlen einheimisch.
Fast jeden Menschen beherrscht in der Zeit, wenn er vom kind zum Jünglinge übergeht, ein hoher Entusiasmus; der ist glücklich, der sehr schnell den Zirkel aller täuschenden Empfindungen durchläuft, um endlich, wenn er die Runde gemacht hat, sich selber anzutreffen. Die hohe Reizbarkeit dient dazu, uns in tausend Torheiten zu verwickeln, aber auch, uns über diese Torheiten zu belehren; je feinere Sinnlichkeit ein Mensch besitzt, um so eher ist es ihm möglich, recht früh klug zu werden.
Ich möchte den jugendlichen Entusiasmus, so wie manches andre im Menschen, nichts als eine Anlage nennen, die sich zur Geschicklichkeit ausbilden lässt. Es ist eine Kunst, die man sich durch Übung erwirbt, keine von den Armseligkeiten zu erblicken, die uns in der spätern Zeit oft zurück und auf der Erde festalten, wenn uns eben ein fliegender Taumel ergreifen will; wir stellen in der Jugend alles in einen dunkeln Hintergrund, was vor uns hin die schöne Aussicht verdecken könnte. Man nimmt sich nur vor, ein grosser Mensch zu werden, solange man die Menschen und sich selber nicht kennt: es ist ein Spiel, das uns erhaben vorkömmt, weil wir uns so lange zwingen, bis wir es so finden. Dem kälteren Menschen erscheint der Entusiasmus gerade so, wie derjenige, der kein Spiel versteht, denen zusieht, die sich mit vieler Aufmerksamkeit mit einem scharfsinnigen Kartenspiele beschäftigen.
Der Entusiast meint, die ganze Welt sei nur darum da, um seine Entwürfe darin auszuführen, die Welt sei nur darum so sonderbar aus Übeln und Vortrefflichkeiten zusammengesetzt, damit er durch die Überwindung der Schwierigkeiten ein desto grösseres Verdienst erringe. Er würde nicht mehr gut sein wollen, wenn es leicht wäre, gut zu sein, und wenn es alle Menschen mit ihm zugleich wären.
Liebe
Bei den meisten Menschen ist der Entusiasmus für das Grosse und die Tugend nur eine Vorbereitung zur Liebe, es ist derselbe Trieb, der sich in die Allgemeinheit verliert und Ideen sucht, weil er keinen Gegenstand vor sich hat: die Liebe verarbeitet die Menschen eine Zeitlang und führt sie nachher zur Sinnlichkeit, einem Wege, auf dem sie verständiger, aber auch weit grössere Toren als vorher werden können. Es ist der Kreuzweg, auf dem die meisten sich in verwickelten Irrgängen verlieren und umzukehren glauben, wenn sie immer tiefer in die Wildnis hineinrennen.
Mein Vater starb, als ich sechszehn Jahr alt war, ein tauber Schmerz erdrückte und verfinsterte meinen Geist, ich glaubte alles verloren zu haben; ein Irrtum, den jeder Mensch beim ersten Verluste begeht, weil er noch nicht in den Wechsel des Lebens eingelernt ist. – Ich trieb mich lange in der Einsamkeit herum, um meinem Schmerze nachzuhängen und aus ihm nach der ersten Betäubung eine