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besitzen wir diese Kunst.

Sie haben doch auch den Vorsatz, sich bei Ihrem kind nicht auf eine sogenannte gute oder feine Erziezumachen, die schon die Kinderseelen im achten Jahre mit Eitelkeit füllen und sie durch diese verderben. Ich habe beschlossen, meinen Georg ganz einfach aufwachsen zu lassen, ich hoffe, er soll auf die Art am ersten ein guter und einfacher Mensch werden; Kinder merken nichts leichter, als wenn sie mit einer gewissen Wichtigkeit behandelt werden; dies ist die Ursache, warum viele sich schon früh selbst sehr wichtig vorkommen, jede Art von Affektation wird dadurch bei ihnen erzeugt, sie halten sich für Genies und ausserordentliche Menschen, und denken nie daran, sich und der Welt Beweise davon zu geben. Ich bin überzeugt, dass Lovell von seinem Vater mit zu vieler Sorgfalt erzogen wurde, und dass dies die erste Quelle seiner Torheit und seines Unglücks war. Die Liebe der Eltern artet gar zu leicht in etwas aus, das keine Liebe mehr ist, sondern an lächerliche Ziererei und Weichlichkeit grenzt, besonders wenn sie nur ein einziges Kind haben: dies soll dann mit allen Vortrefflichkeiten überladen werden, es darf sich nicht der kleinsten Zugluft des gemeineren Lebens aussetzen, die doch so oft dazu dient, unsern Geist abzuhärten und ihn männlich zu machen, und daher kommt es denn, dass wir an diesen Sonntagsgeschöpfen meistenteils so wenig Energie und Kraft bemerken; ein Mensch, der Geschwister hat, ist schon deswegen glücklicher. Ich wurde offenbar nur deswegen besser als meine gestorbenen Brüder, weil mich meine Eltern vernachlässigten, ja fast verachteten; sie glaubten, ihre Sorgfalt sei an mir doch verloren, und daher gaben sie mir die Erlaubnis, mich selbst erziehn zu dürfen: ich erzog mich freilich durch Ungezogenheiten, aber immer noch besser, als ganz verzogen zu werden. Ich ward häufiger gedemütigt, als meine Brüder, und eben dadurch stolzer; ein gewisser Stolz ist die Feder, die den Menschen in den gang bringt, die den Wunsch in ihm erzeugt, von keinen fremden Meinungen und Gesichtern abzuhängen, und die ihm die Kraft gibt, diesen Wunsch sich selber zu erfüllen.

Wenn wir nun alt sind, erleben wir vielleicht die Freude, dass unsre Kinder sich verheiraten. Doch, ich will mir das nicht in den Kopf setzen, wenn diese Kinder nicht selbst auf den Gedanken kommen sollten, wenn sie nämlich die Zeit erleben, in der der Mensch sich verlieben muss. Man sollte überhaupt keine Plane für die Zukunft machen, am wenigsten solche, deren Ausführung nicht von uns selber abhängt. – Ich bemerke aber, dass ich, seit ich Vater geworden bin, unaufhörlich in Sentenzen spreche; eine Sache, die ich sonst nie an einem andern Menschen leiden konnte, denn es ist im grund nichts weiter, als die Sucht, sich selbst immer in kleine Stücke zu zersägen und beständig Proben von unsrer Vortrefflichkeit herumzureichen: unsern Geist in vielen Silhouetten abzuzeichnen und diese dann aus dem Fenster an die Vorübergehenden auszuteilen. Dies ist die Schwäche, wodurch manche Menschen so unausstehlich werden, als ein moralischer Schriftsteller im Umgange nur sein kann, der uns immer seine längstvergessenen Bücher repetiert.

Jetzt will ich auf Ihren Vorschlag kommen. Der Gedanke ist mir gewiss ebenso erfreulich, als er Ihnen nur immer sein kann; denn ich wäre beinahe schon bei dem Verkaufe von Waterhall so unverschämt gewesen, Sie zu überbieten, doch es ist besser, dass es nicht geschehn ist, denn ich kann es jetzt auf eine ehrlichere Art bekommen. Roger Place kann ich gerade jetzt unter sehr vorteilhaften Bedingungen verkaufen, und alles vereinigt sich, um mich zu bewegen, nach Waterhall zu ziehen. Amalie hat sich zwar an den hiesigen Aufentalt sehr gewöhnt und sie liebt ihn gewiss ausserordentlich, indessen hat sie mir doch schon ihre Einwilligung gegeben: sie freut sich ebenfalls sehr, Ihrer liebenswürdigen Gattin näher zu kommen. – Kurz, ich reise morgen ab, um Sie zu besuchen, Waterhall zu sehen, und mich mit Ihnen über die Bedingungen zu vereinigen: ich denke aber daran, dass ich eben deswegen diesen Brief hier abbrechen kann.

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Tomas an den Herrn Ralph Blackstone

Waterhall.

Gnädiger Herr, Der Garten wäre nun hier in so weit fertig und es fehlt im grund nichts weiter, als dass ich noch auf den Befehl warte, nach Bondly zurückzureisen. Ich hätte selbst im Anfange nicht gedacht, dass man aus der hiesigen Wildnis noch so viel zu machen imstande sei: doch Gottes Segen und fleissige Arbeit kann beinahe Wunderwerke hervorbringen, das bin ich hier gewahr geworden. Wie würde sich die alte gnädige verstorbene Frau wundern, wenn sie jetzt wieder aus dem grab auferstehn sollte! Sie würde gar nicht glauben wollen, dass es dasselbe Gut sei, und sie würde es sogar schlechter finden als vorher, denn darin kenne ich sie, sie war, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, ein wenig eigensinnig, wie es denn im grund alle alten Frauen sind, besonders aber die vornehmen: sie haben dann nur noch an dem Befehlen in der Welt ihre Freude.

Ich bin ordentlich neugierig, Ew. Gnaden und den Garten in Bondly wiederzusehn. Es mag sich unterdessen manches auf Ew. Gnaden Befehl verändert ser, als auf unserm Gute, weil es tiefer liegt, das wasser in der Nähe macht es frischer. Das Obst, das hier gezogen wird, ist offenbar schöner, als das unsrige, ich habe es selber gegessen, und kann daher recht gut darüber urteilen. –