– Sie sind ein glücklicher Mensch. Ich kann mein Unglück an den Gefühlen keines andern Wesens ermessen. – So hören Sie dann: – Andrea ist tot. –
Ich sah ihn sterben. – Nie habe ich einen Menschen in seiner letzten Stunde so gesehen. Er lachte und verTod und seine Zuckungen als ein lächerliches Possenspiel anzusehn, das keine Aufmerksamkeit verdiente: er verbarg und unterdrückte sein Zittern, er schien die Angst des Todes zu besiegen. – Über mein zerrissnes Herz, über meine zermalmte Glückseligkeit lachte er immer wieder von neuem und sagte, das alles käme mir nur so vor, weil ich ein Narr sei. Dann stöhnte er wieder dazwischen, und nannte den Namen Gottes mit bebenden Lippen, und schlug dann wieder ein helles Gelächter auf. Ich konnte mich am Ende nicht mehr finden, wo ich war, in einem Wahnsinnstaumel war ich von der Erde und aus mir selber hinausgerückt, ich konnte zuletzt mit kaltem, starrem Auge die Todeszuckungen Andreas betrachten, sein pochendes Herz, seine schwer arbeitende Brust. – Als wenn ein fremdes, unbekanntes Wesen in ihm hämmerte und zum Tageslichte herauswollte, so lag er mit seinen Krämpfen vor mir da, und ich lachte am Ende selbst über die seltsamen Verzerrungen seines alten Gesichts. – Und nun war er tot. – Kein Atemzug, kein Pulsschlag mehr in ihm: es graute mir nicht, ich entsetzte mich nicht vor dem Leichnam, und doch stürzte ich mit bebendem Knie zum Zimmer hinaus.
Und nun fühlte ich's mit aller Gewalt des ganzen schrecklichen Gefühls – dass nun alles aus sei – keine Wiederkehr einer Empfindung, kein Zittern und Zagen, sondern alles eine dumpfe, nüchterne Gewissheit; alles in ein jämmerliches Grab hineingesunken, was einst mein war und mein werden sollte. – Fühlen Sie's, Rosa? – Nein, es ist nicht möglich.
O ich könnte – – ach, was? – wahnsinnig werden! sterben! – sonst sehe ich nichts. – Ich drohe mir selber, um vor mir selber zu zittern, ich fühle mich bis in mein innerstes Wesen hinein vernichtet, bis in die letzte Tiefe meiner Gedanken zerstört.
Wollen Sie mich besuchen? – Sie werden es nicht tun, weil ich Sie nicht unterhalten kann. – Ich weiss nicht mehr, was ich empfinden soll: alles in der Welt kommt mir gleich armselig vor, und so ist es auch. Aber warum es gerade so kommen musste? So, wie ich es am wenigsten erwartete? –
O Rosa, wie herzerhebend müsste jetzt das Gefühl sein, sich als einen recht grossen Bösewicht zu kennen; sich selbst zu fürchten und zu achten: dies Glück war mir nicht gegönnt. –
Wollen wir in Gesellschaft sterben?
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Meine Betty hat mir eine Tochter geboren, die wir Amalie genannt haben. Das Leben tut sich bei mir immer enger zusammen, ich habe alle Reisen und alle meine jugendlichen Plane aufgegeben, jedem glänzenden Glücke entsagt, aber eben dadurch eröffnet sich mir eine immer hellere Ebene, die Aussicht der Zukunft wird lichter und erfreulicher. Unglück und Schmerz sind wie ein heftiger Regen, der zwar die Pflanzen niederschlägt, sie aber nachher nur desto frischer wieder aufrichtet: so ist es auch vielleicht mit mir und mit meinen Empfindungen gewesen. Lovells Schicksal wird mir immer wie ein Gewicht in meiner Seele liegen und so die Spannung derselben erhalten. Ich habe von ihm viel gelernt, ich habe gesehen, wie leicht blosser Eigensinn und die Sucht, etwas Besonderes zu sein, den Menschen viel weiter locken können, als er anfangs gedacht hat, ich bin dadurch gegen die Unglücklichen toleranter geworden, die wir oft zu schnell und zu strenge Bösewichter nennen, da wir ihnen nur den Namen der Toren beilegen sollten. Mortimer, um uns öfter zu sehen; wie wär es, wenn Sie das nahgelegene Waterhall von mir zu einem billigen Preise kauften und Ihr Roger Place einem andern überliessen? Dann wären wir ganz nahe Nachbarn, dann könnte ich Sie recht geniessen. Je mehr ich darüber nachdenke, je fester wird der Gedanke bei mir, so dass es mir sehr wehe tun würde, wenn er Ihnen missfiele. Ich habe das Gut in einen bessern Stand setzen lassen, der Garten, der sonst ganz verwildert war, ist wieder eingerichtet, die Gegend um Waterhall ist bei weitem schöner und interessanter, als die um Roger Place: kurz, Sie sehen wohl ein, ich möchte Sie gerne überreden. Antworten Sie, lieber Freund, was Sie über meinen Vorschlag denken.
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Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich wünsche Ihnen Glück und zwar recht von Herzen. Wir können jetzt ein recht schönes Parallelleben führen, und so langsam und unvermerkt in das Alter hineinkriechen. Es gibt eine Periode im Leben, in der der Mensch plötzlich alt und reif wird; bei manchen Menschen bleibt diese Periode freilich ganz aus, sie bleiben immer nur Subalternen in der grossen Armee, ihnen ist es nie vergönnt, den Plan und die Absicht des Ganzen zu übersehn, sondern sie müssen sich unter elenden Mutmassungen und lächerlichen Hypotesen abquälen; sie werden immer fortgetrieben, ohne dass sie wissen, wohin sie kommen: ich glaube, dass wir beide uns freier umsehn können und jetzt in den Zufällen selbst das Notwendige entdecken, die Rechenschaft von ihnen zu fordern verstehn, warum sie so und nicht anders eintreten. Insofern die Kunst, glücklich zu sein, die Kunst ist, zu leben, insofern