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Kopf. Ich wusste mich nicht zu fassen.

"Was willst du?" fragte er mit einer eisigen Winterkälte, mit einem verdammlichen, schändlichen Tone, als wenn er mich necken und unsrer ehemaligen Vertraulichkeit spotten wollte.

Ich konnte mich nicht länger halten: ich musste laut weinen. "Andrea!" rief ich, aber er konnte nur mein Schluchzen hören, so sehr erstickte der Ton in sich selber.

"Du weinst?" fragte er lächelnd.

"Soll ich das nicht?" rief ich aus; "bin ich nicht ganz elend?" –

"Elend?" – Und – o Rosa! hören Sie's, fühlen Sie's, wenn es eine andre Menschenbrust, so wie ich, fühlen kann – o Rosa, nun fing er an so laut und so grässlich zu lachen, dass es mir durch Mark und Bein drang, dass sich mir die Haare aufrichteten. – Hab ich mich wohl schon je in der Welt so fremd gefühlt, als in diesem Augenblicke? Ich wusste nicht, ob ich rasete, ob Andrea wahnsinnig sei; er lachte noch immer fort, und so eifrig, als wenn er mit diesem lachen der Menschheit den Kauf aufkündigen wollte. – Mein Entsetzen war ihm ein Spass, meine tödliche Todesblässe ein lustiges Spiel.

Wie ich zur tür wieder hinausgekommen bin, weiss ich jetzt nicht, aber ich stand plötzlich draussen, dann war ich auf der Strasse und fremde Menschengesichter rannten vor mir vorüber, und alle waren mir lieber und verwandter, als Andreas blick.

Wo ist nun alles hin, was ich hoffte und wünschte? Zukunft und Vergangenheit sind erloschen und die Spuren von beiden gleich unsichtbar. – Kann ich jetzt etwas anders tun, als sterben? – Doch, auch dazu gehört Ruhe.

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Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Dass Sie glücklich, dass Sie zufrieden sind, erfahre ich aus jedem Ihrer Briefe; dasselbe muss ich Ihnen antworten, wenn ich aufrichtig sein will, und dass nur der glücklich sein kann, der vom Leben nicht zu grosse Erwartungen hegt, und in seinen Forderungen davon und in seinen Vorstellungen von sich bescheiden ist. Dies letztere werden Sie mir vielleicht nur zum teil zugeben wollen, aber wer hat doch schon etwas Rechtes gefunden, der recht weit ausholte? Nur der arme Sünder soll recht in sich gehen, um sich zu bessern: der Stolze, auf sein Genie Vermessene, der sich recht in sein Gemüt vertiefen will, um die Grösse seiner Schätze kennenzulernen, kommt immer verunglückt und bettelarm zurück. Also, mein Freund, bekenne ich mich hiermit zu dem grossen, vielfach verachteten Orden der Mittelmässigen, der Ruhigen, der Dürftigen. Im Mässigsein, im Resignieren liegt jenes, was die Entusiasten nicht Glück nennen wollen, und dem ich doch keinen andern Namen zu geben weiss. Das Schwelgen an den Kräften des Gemütes ist die unerVerderbteiten. Freilich wohl ist nun alles was ich erlebt und erfahren habe, ein Negatives; und wenn ich mich manchmal vor den Spiegel stelle und zu mir sage: da siehst du nun den vortrefflichen Herrn Mortimer, der so viele Länder gesehen und Menschen gekannt, der so manches Kluge gedacht und gelernt hatso muss ich über mein Bild im Spiegel und über mich selber lachen. Ich erinnere mich dann der unzählichen Entwürfe und Vorsätze, der so schön berechneten Plane für mein Leben, der mannigfachen Bemerkungen, die ich über den Menschen in meiner Seele niedergeschrieben und wieder ausgestrichen habe. Unser Leben ist nichts, als ein ewiger Kampf der neuen Eindrücke mit der eigentümlichen Bildung unsers Geistes: wir glauben oft, dass unser Charakter auf immer eine neue Wendung nimmt, und plötzlich sind wir dann wieder ebenso, wie wir ehedem waren. Ich habe mich über alle Heiraten lustig gemacht, bis ich selbst heiratete; nun glaubte ich, gäbe es nichts Ernstafteres in der Welt, und jetzt wäre es mir doch wieder möglich, in die unschuldigen Scherze mit einzustimmen. Es gibt eine Urverfassung in uns selbst, die nichts zerstören kann, sie wird plötzlich wieder dasein, ohne dass wir es selbst begreifen können, wie wir uns so schnell in einen alten fast vergessenen Menschen wieder haben umändern können. Dass wir aber mit einem gewissen neuen und bessern verstand zu dieser alten Verfassung zurückkehren, glaube ich selbst, denn sonst müsste man bei diesem zirkelmässigen Leben in Verzweiflung fallen; aber so liegt in diesem Wiederkehren ein grosser Trost, der, dass wir uns innerlich nie aus den Augen verlieren können, soviel wir uns auch manchmal äusserlich bemühen, es zu tun.

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William Lovell an Rosa

Rom.

So ist es denn nun aus? völlig aus? – Ich weiss mich noch immer nicht zu fassen. Ich möchte laut schreien und klagen, ich möchte es in die ganze weite natur hineinheulen, wie elend ich bin. – O wie unbeschreiblich nüchtern und armselig endigt sich alles, was mich einst in so hohe Begeisterung setzte, was mir eine so selige Zukunft aufschloss. – O eine wilde, blinde Wut ergreift mich, wenn ich daran denke, wenn ich mir alles und jeden Umstand von neuem in die Seele zurückrufe: eine Raserei erschöpft nicht alles, was ich fühle, es gibt keine Äusserung dafür, die menschliche natur könnte sie nicht aushalten, so wie ich meinen Schmerz und Verlust darstellen müsste.

Und warum das? werden Sie fragen. – Ach, Rosa, bei Ihnen ist es blosse Neugier, die so fragt.