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neuen Krankheit erholt habe, die nicht ohne Gefahren war. Jetzt ist mir besser, nur leid ich von einer Schwermut, in welcher ich oft den trüben Gedanken nicht loswerden kann, dass ich Dich bei Deiner Abreise zum letzten Male gesehen habe. Ich rufe mir dann lebhaft Dein Bild zurück, und gäbe alles hin, um Dich in einem solchen Augenblicke zu sehen; ich bin schon oft im Begriffe gewesen, Dir zu schreiben, dass Du in der möglichsten Eile zurückkommen möchtest; aber nein, bleibe dort, wo Du Dich vergnügst und unterrichtest, lerne Menschen kennen und bilde Dich aus; ich will meine ganze Kraft aufbieten, dem tod zu trotzen, dann will ich den geliebten Sohn desto inniger an mein Herz drücken, dann will ich mich am Anblicke seines Glückes laben und ruhig sterben. – Alle Freuden sind mir abtrünnig geworden, aber die Vaterfreuden werden bei mir aushalten. Dein Glück ist jetzt die einzige Hoffnung, die mich an diese Welt fesselt, in ihrer Erfüllung will ich am Abende meiner Tage von ruhen. Ich habe viel erlitten, oh, William; lerne die Menschen kennen, wenn sie Dich nicht elend machen sollen: begegne nicht jedem mit Deiner heissesten Liebe, um nicht einst das ganze Geschlecht zu hassen; sei sparsam mit Deinem Vertrauen, um nicht einst in einem ewigen Misstrauen zu verschmachten. Solltest Du in der itzigen Glut Deiner Phantasie solche Erfahrungen machen, wie ich aushalten musstewo wolltest Du jetzt die Stärke hernehmen, um Deine Moralität, Deine Menschheit nicht untergehn zu lassen? Das Auflodernde in Deinen Gefühlen hat mich oft um Dich besorgt gemacht; ohne zu untersuchen, traust Du jedem Wesen, das Dir nicht missfällt, alle Deine Gefühle zu, und findest sie auch in fremden Seelen wieder; aber wenn Du Dich nun in drei Freunden irrst, so wirst Du allen Glauben an Freundschaft verlieren; den edelsten Menschen kannst Du leicht missverstehn, wenn jene aufleuchtende Flamme, an welcher Du jetzt den fühlenden Menschen vom kalten, den Guten vom Unwürdigen unterscheiden willst, zu einer stillen inneren Glut zurückgesunken ist: unbesonnen vertraust Du Dich dem nichtigen Entusiasmus eines andern, und findest Dich endlich in einer dunkeln, einsamen Gruft verirrt, in der Du ängstlich nach der Öffnung tappst. Charaktere wie Du können am leichtesten um die Freuden ihres Lebens betrogen werden, sie sind Maschinen in der Hand eines jeden Menschenkenners. – In meiner Krankheit hab ich mich in manche Szenen meines Lebens zurückgeträumt: vielleicht schick ich Dir nächstens kleine Bruchstücke aus meiner geschichte, vielleicht lernst Du aus Beispielen mehr, als aus den bloss hingestellten Resultaten meiner teuer erkauften Erfahrungen. Ich war oft einem allgemeinen Menschenhasse nahe, allentalben ward meine Liebe verraten; Menschen, die ich für hohe Seelen gehalten hatte, eröffneten mir plötzlich einen blick in ihr Innres, und ich sah mit Schrecken elenden, verächtlichen Eigennutz auf demselben Trone sitzen, auf welchem ich Wohlwollen und Liebe erwartete: ich war schon im Begriffe, an meinem eignen Werte zu verzweifeln, aber ich rettete noch die Verehrung der Menschheit und die achtung meiner selbst. –

Was mir jetzt noch mehr als meine Krankheit unangenehm wird, ist, dass ich in einen weitläufigen Prozess mit dem Baron Burton geraten werde. Du weisst, dass einer meiner Vorfahren die Güter von einem Ahnen Burtons kaufte; er zweifelt jetzt, dass die Summen ausgezahlt und die Kontrakte vollzogen sind, so wie sie damals geschlossen wurden; der Prozess ist schon eingeleitet und er wird mir vielleicht viele sorge, wenigstens viele Mühe machen. Ich habe schon Advokaten angenommen, welche behaupten, kein vernünftiger Mensch könne an der Rechtmässigkeit meiner Sache zweifeln. Es tut mir weh, mich auch noch jetzt von ihm verfolgt zu sehen, da er einst, in den glücklichsten Tagen meiner Jugend, mein Freund war; es ist eine traurige Empfindung, wenn ich mit meinem Gedächtnisse jene zeiten zurückrufe, und sie mit den gegenwärtigen vergleiche. Die Aussicht Deiner künftigen, gewiss festen Freundschaft mit Eduard Burton tröstet mich etwas. Eduard ist ein edler Jüngling, er hängt fest an Dir, ihm darfst Du Dich ungescheut vertrauen, oder ich kenne auch noch jetzt die Menschen nicht. –

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Louise Blainville an Rosa

Paris.

Welche Ursache in der Welt kann es geben, dass ich Sie so lange nicht gesehen habe? Sie fangen ja an, so kalt gegen mich zu werden, wie es sich mein verstorbener Mann kaum erlaubte; wenn ich nun zur Strafe meine Neigung auf den jungen reizenden Engländer würfe und Sie völlig verabschiedete? Oder sind Sie vielleicht gar schon eifersüchtig auf ihn? – Wenn dies der Fall wäre, so würden Sie sich unnötige Mühe machen, denn es scheint mir, als hielte eine langweilige Duegna von erster Liebe unerbittliche Wache vor seinem Herzen. Der alte Graf Melun muss irgendeinen Anschlag im Schilde führen, er hat vielleicht gar die idee, mich von neuem zu einer Heirat zu beredenund zwarso glaube ich wenigstens, und Sie werden gewiss mit mir lachenzu einer Verbindung mit ihm selbst! – Doch davon mündlich, nur machen Sie, dass ich Sie bald sehe, sonst sollen Sie zur Strafe von diesen Vorfällen nichts erfahren. – Adieu. –

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Rosa an die Comtesse Blainville

Paris.

Wenn ich einen Hang zur Eifersucht hätte, so würde ihn Ihr Brief wahrlich nicht vermindern; ich bemerkte schon neulich, dass Ihnen Lovell nicht missfiel. Dochwarum ich Sie so lange nicht besucht habe? – Eine Unpässlichkeiteine Bekanntschaft