irgendein weibliches geschöpf eine grosse Gewalt über mich haben könnte. Die probe nachher hat aber nie mit dem ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen. Ich habe schon tausend Ausnahmen von meinen Regeln gemacht, ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher wieder eingesehn, dass meine Regel doch dauerhafter sei, als ich vermutet hatte. Lieber Adriano, ich habe wunderbare Erfahrungen über meine Erfahrungen gemacht, ich habe endlich nach einem mühseligen Studium eingesehn, dass ich ein Narr bin. Das Wort ist leicht ausgesprochen, aber Sie werden es nicht glauben wollen, wenn ich Ihnen sage, dass ich zwanzig Jahre daran studiert habe, um die ganze tiefe Bedeutung dieses kleinen einsilbigen Wortes einzusehn.
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William Lovell an Rosa
Rom.
So bin ich denn wieder in Rom! Es ist Nacht; mit dem Untergange der Sonne kam ich an. Ich stieg die breite Treppe hinauf, und sah noch in der letzten Glut die Peterskirche und das Vatikan brennen, dann war unter mir in der Strasse Dampf und Nebel, Schatten wandelnd und wüstes Getöse. Ich konnte es nicht unterlassen, ich ging hinab zu den mir so bekannten Plätzen, über die Strada de' Condotti zum Korso. Da kamen mir die alten Gesichter entgegen, dieselben Bettler, dasselbe Geschrei. So näherte ich mich durch die Kreuzstrassen dem Panteon. Auch hier das Getöse der Käufer und Verkäufer, und im Hintergrund der erhaben ruhige Schatten, die edle Halle. Ich trete hinein unter wenige Betende. Die Dämmerung des Rundes, die hohe Grösse redeten erhabene Sprache. Ich weile, und der Vollmond tritt über die Öffnung der Kuppel, so wie damals, als ich in Rom angekommen war. Mein Herz war voll, weinend eile ich zum Coliseum, ich werfe mich nieder und versuche zu beten. Umsonst, aller Spott voriger Zeit kommt mir aus Alder Hand in Hand. Ja, meine Jugend, mein Leben ist verloren. Das rief mir auch mit den donnernden Wogen in der Mitternacht die Fontana Trevi zu. So möchte ich mich in Tränen ergiessen können, wie diese Brunnen weinen und schluchzen. – Ich möchte fast noch Andrea besuchen. Wie harr ich auf den ersten Klang seiner Worte! wie wohl wird sein ernstes Gesicht meinem wunden Herzen tun! – O Andrea! – er kann es nicht wissen, wie sehr ich ihn liebe, er würde mir's nicht glauben, wenn ich's ihm sagte. In ihm liegt jetzt alles versammelt, was mir sonst teuer und schätzenswürdig war. – Wie ungeduldig werde ich den morgenden Tag erwarten! – Kommen Sie, Rosa, eilen Sie, ich beschwöre Sie, noch nie hat ein Freund den Freund mit der Ungeduld erwartet, mit der ich Sie hieherwünsche.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich weiss nicht, was ich denken, ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sie kommen nicht, Rosa, und seit drei Tagen wünsch ich Andrea zu sprechen und er lässt mich immer zurückweisen. Er sei krank, lässt er mir sagen. Was soll ich beginnen? Oh, schreckliche Gedanken, vernichtende Gedanken steigen in meiner Seele auf. Warum muss er mich zurückweisen? –
Bianca habe ich gesehen, sie ist bleich und abgefallen, die Schwindsucht nimmt ihre Kräfte hinweg. Ihr Anblick hat mich erschreckt, denn er brachte ein sonderbares Bild in meinen Kopf, ich kann mich aber nicht erinnern, welches. Francesco ist kalt und zurückgezogen. Alle übrigen, die ich sonst häufig bei Andrea sah, tun, als kennten sie mich nicht. – O Himmel! welche Ursache kann es geben, dass Andrea mich nicht sprechen will! Soll dies der Schlussstein meines trüben Lebens werden? So schal und nüchtern sollte sich nun alles endigen? – O nein, es ist nicht möglich, er wird mich endlich vor sich lassen, und geschähe es auch nur, um meines Andringens loszuwerden. Ich fast ohne Bewusstsein geh ich umher. – Erbarmen Sie sich, Rosa, und kommen Sie zu mir nach Rom, dann wird alles gut werden, dann wollen wir beide Andrea mit Bitten bestürmen: kommen Sie ja.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich kann Ihnen kaum schreiben. – Warum sind Sie nicht gekommen, oder warum haben Sie mir wenigstens nicht geantwortet? – Ach, wozu diese fragen?
Ich habe Andrea gesprochen. Mit Zittern ging ich gestern wieder hin; man sagte mir, ich könne hineintreten. Nur in wenigen Momenten meines Lebens bin ich von einer Freude so ganz und gar durchdrungen gewesen, so sehr durch ein plötzliches, unerwartetes Entzücken überrascht. – O wie teuer, wie unaussprechlich teuer hab ich die kurze Freude bezahlen müssen!
Ich trat in Andreas Zimmer. Er lag auf einem Ruhebette und schrieb; er hob die Augen bei meinem Eintritte nicht empor. Er war sehr eingefallen, sein ganzes Gesicht war nur ein Skelett von seinem ehemaligen, die Augen brannten heftiger als je. Ich wagte es nicht, mich zu regen, ich vergass, dass ich sonst vertraut mit ihm gewesen war, ich stand in ehrerbietiger Entfernung. Endlich bemerkte er mich, oder er hörte vielmehr nur auf zu schreiben. – O Rosa, mit welsich meine Seele in mir furchtsam zusammenkrümmte, so entsetzlich ward ich von diesem durchschneidenden Blicke getroffen.
"Nun, Lovell?" fragte er mit einer matten stimme.
Ich wusste nichts zu antworten; ich fing an zu zittern. Alles, was ich je gedacht hatte, ging in raschen verwirrten Zügen durch meinen