schimmerte nur dunkel in mich hinein, mein Auge starrte vorwärts und die Gegenstände veränderten sich dem stieren, angestrengten Blicke. Zu allen meinen Empfindungen und Ideen führten gleichsam keine Tasten mehr, die sie anschlagen konnten, sondern eine unbekannte Hand fuhr über den Resonanzboden auf den gespannten saiten umher und gab nur dunkle, verworrene und einsilbige Töne an. Wie in Bergwerken eine Leuchte oft hin und wider geht und das Licht an den Quarzwänden und dem nassen Gestein wundersam zurückschimmert, so erschien mir der gang meiner Vorstellungen in mir selber.
Plötzlich ergriff mich wieder, so wie in meinen gesunden Tagen, das Gefühl einer heftigen Unruhe, ich fand mich in mir selber unzufrieden. Das fernstehende prosaische Leben kam wieder näher auf mich zu und eine unbeschreibliche sehnsucht zog mich nach sich. Ich kam zu mir selbst zurück und fand mich wie sonst eingeengt und gepresst, ich wünschte und wusste nicht was: in der Ferne, in einer andern Heimat schien alles zu liegen, und ich verliess endlich den Ort, wo ich so lange gewohnt hatte.
Andre Gegenden begrüssten mich wieder mit denselben Empfindungen, die ich sonst gehabt hatte, die Zirkel und das Getümmel des menschlichen Lebens ergriffen mich von neuem, ich legte meine seltsame Kleidung ab und beschloss nach Deutschland, nach meiner Heimat, zurückzureisen. Es war als wenn sich die verschlungenen Gegenstände mehr voneinander absonderten; was zusammengehörte, flog zusammen, und ich stand in der Mitte der natur. Die Postörner nahmen nun wieder über Berge und Seen nach fernen Gegenden meine Seele mit sich, der Trieb zur Tätigkeit erwachte wieder und das dumpfe, unverständliche Geräusch, das mich bisher innerlich betäubt hatte, verlor sich immer ferner und ferner.
Ich hatte noch einiges Geld übrigbehalten und mit diesem kam ich in Genua an. – O Freund, ich wusste nicht, dass ich hier meine frühste Jugend wiederfinden sollte, ein neues Leben, um es nachher noch einmal zu verlieren. – Ich lernte hier ein Mädchen kennen – o Lovell, du lächelst und verachtest mich – nein, ich kann dir nicht sagen, wer sie war, du kannst es nicht begreifen. Ich hatte schon einst vor langer Zeit meine Henriette begraben, ich hatte viel auf ihrem grab geweint, und hier fand ich sie nun ganz und gar wieder und sie hiess Leonore. – Ach, wie glücklich war ich, als sie mich wiederliebte, als sie meine Göttin ward.
Ich weiss nicht, wie es geschah, aber jetzt verliess mich alle meine Schwermut, ich konnte selbst nicht mehr an meinen ehemaligen Zustand glauben. Mein Leben war ein glückliches, gewöhnliches Menschenleben, und keiner meiner Gedanken verlor sich auf jener wüsten Heide, auf der bis dahin meine Seele rastlos umhergestreift war. Ich liess mir mein Vermögen aus Deutschland überschicken, die Familie meiner Gattin war reich, es fehlte meinem Glücke nichts weiter, als dass mich das Schicksal in Ruhe liess. – – –
Er hielt hier ein und fing an zu weinen. Ist dies derselbe Mensch, sagte ich zu mir, der sonst das Leben mit allen seinen Menschen so innig verachtete? der von jeder Menschenfreude auf ewig losgerissen war? Ein Weib also konnte jene entsetzlichen Phantasieen verscheuchen, die ihn belagert hielten? – Dabei ergriff mich ein Schauder, dass eben der Balder, den ich im heftigsten Wahnsinne gesehen hatte, jetzt als ein ganz gewöhnlicher Mensch vor mir stand.
Er fiel in meine arme und fing von neuem an zu sprechen: – Ach Lovell! rief er aus, auch diese hat mir der Tod entrissen. Und ich darf den Kirchhof, ich darf ihr Grab nicht besuchen! Wie sehen ich mich oft nach meiner einsamen wohnung in den Apenninen zurück! – –
Ich wollte ihn trösten; ich liess einige Worte über den gewöhnlichen gang des menschlichen Lebens fallen.
Recht! rief er mit grosser Bitterkeit, das Leben würde kein Leben sein, wenn es nicht nach dieser tyrannischen Vorschrift geführt würde. Wir sind nur darum auf kleine armselige Augenblicke glücklich, um unser Unglück nachher desto schärfer zu fühlen. Es ist der alte Fluch, Glück muss mit Unglück wechseln, und eben darin besteht unser Leben und unser Elend.
Er war heftig erschüttert und ich ging im Zimmer auf und ab; ich näherte mich dem Mantel und wollte ihn in Gedanken aufheben. Halt! rief mir Balder plötzlich zu, um Gottes willen halt ein! – Seine stimme war ganz unkenntlich, ich stand erschrocken still und sah ihn befremdet an. – Da unten, sagte er mit zitterndem Tone, liegen die Denkmäler, die man Henrietten gesetzt hat. – Neugierig hob ich den Mantel auf – und wie entsetzte ich mich, als ich einen dicken Pfahl und starke Ketten erblickte. Einige Glieder der Kette fielen rasselnd herunter und Balder tobte nun wie ein wildes Gespenst im Zimmer auf und ab, er rannte mit dem kopf gegen die Wände, er schrie und zerfleischte sich das Gesicht, er warf sich laut lachend auf den Boden nieder.
Bösewichter! schrie er mit einer grässlichen stimme, so geht ihr mit mir um? – Das ist also der Mensch? – Gebt sie mir zurück und nehmt diese Ketten wieder! –
Die Raserei erstickte bald seine Sprache. Sein Gesicht war jetzt blau und aufgetrieben, alle Glieder seines Körpers bewegten sich mit einer unglaublichen Schnelligkeit, in seinen grässlichen Bewegungen lag etwas Niedriges und Komisches, das mein Entsetzen noch vermehrte. Jetzt sprang er auf mich zu und warf mich mit einem gewaltigen Stosse gegen die Wand,