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an Rosalinen nicht noch schlimmer gefrevelt?

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Ralph Blackstone an Tomas

Bondly.

Es ist hier noch immer alles beim alten, mein lieber Tomas, ausser dass im Garten wieder manche kleine Veränderungen vorgefallen sind. Ich finde doch, dass Er bei allen den Anlagen unentbehrlich ist, denn die übrigen Menschen sind dumm und es ist nichts mit ihnen anzufangen. Ich habe noch allerhand neue Projekte im kopf, die sich vielleicht mit der Zeit ausführen lassen. Er muss nur den Garten in Waterhall bald zustande zu bringen suchen, denn im grund gehören wir beide zusammen, wenn wir uns auch manchmal ein wenig gestritten haben. Vier Augen sehen immer weiter, als zwei, das ist mein Wahlspruch und ich finde es immer bestätigt, dass ich daran nicht unrecht habe. Man muss nur immer suchen, in der Welt irgend etwas zustande zu bringen, es mag auch dann sein, was es will; es ist zwar nichts Merkwürdiges eben, wenn wir den hiesigen Garten beide verschönern, es wird immer noch keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben, aber es ist doch immer sehr angenehm und sehr löblich. Wenn man im Kleinen weit es sich erstreckt, und das ist sehr viel wert; von dem Guten aber, das im Grossen geschieht, oder geschehn soll, kann man nie wissen, wie weit es gehen wird, es geht oft gar zu weit und ist nachher nicht mehr zu ändern, eben weil es gleich in der Anlage zu gross war. Er tut mir daher einen sehr grossen Gefallen, lieber Tomas, wenn Er so bald als möglich wieder zurückkommt, mit Ihm kann man reden, und Er ist ein Mann, der den Verstand da hat, wo er hingehört; das kann man nicht von allen Leuten sagen, Tomas, denn manche haben ihn in den Fusssohlen, andre im rücken, andre auf der Zunge; das sind solche Leute, die man zu gar nichts brauchen kann. Er sieht, wie hoch ich Ihn schätze, und Er wird darum machen, dass Er bald zurückkömmt. Ich nenne mich

Seinen Freund Ralph Blackstone.

7

William Lovell an Rosa

Florenz.

Es neigt sich alles zum Ende, mein Leben kommt mir vor, wie eine Tragödie, von der der fünfte Akt schon seinen Anfang genommen hat. Alle Personen treten nach und nach von der Bühne und ich bleibe allein übrig.

Ich besuchte in Padua das Mädchen am folgenden Morgen wieder. Meine Rührung hatte den ganzen Tag über fortgedauert; ich stellte mir recht lebhaft vor, wie sehr sie mir danken würde, und als ich nun hinkam, fand ich sie im hitzigen Fieber, so dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich liess das Geschenk zurück, das ich für sie bestimmt hatte. – Ich reiste ab, und ein Zufall, oder eine seltsame Laune, verschlug mich nach Genua.

Ich labte mich hier am Anblicke des grossen allmächtigen Meeres. Mein Geist ward in mir grösser, und ich fühlte mich einmal wieder über die Menschen und über die natur hinausragen. Die unübersehliche Fläche redete mich erhaben an, und ich antwortete ihr innerlich mit bestimmter Kühnheit. Alle meine Sorweggeflogen, und ich war frei und unbeängstigt. Aber Wolken stiegen am fernen Horizonte auf und mit ihnen trübe Zweifel in meiner Seele, alles stand wieder still, die Uhr zeigte wieder jene traurige, schwarze Stundeich ward mir selbst wie ein entsprungener Gefangener zurückgegeben. O über den verhassten Wechsel in unserm inneren!

Ich ging an einem Morgen durch eine einsame Strasse, und hinter einem vergitterten Fenster glaubte ich Balders Gesicht zu sehen. Ich erstaunte, ich erkundigte mich unten im haus nach ihm, man bestätigte, dass er dort wohne, und wies mir mit einem Lächeln, das ich nicht verstand, die Treppe nach seinem Zimmer. – Ich trat hinein, er war es wirklich, er erkannte mich sogleich und umarmte mich mit grosser Herzlichkeit. Er war gut gekleidet, seine Miene war ganz geändert, sein Auge schien heiter und ungetrübt. Er war ganz zu den gewöhnlichen Menschen wieder zurückgekehrt, er war froher und menschlicher, als er selbst damals war, als ich ihn in Paris zuerst kennenlernte. Mein Erstaunen war ohne Grenzen und ich konnte mich immer noch nicht überzeugen, dass jener unglückliche, wahnsinnige Balder wirklich vor mir stehe.

Wir frühstückten miteinander, und ich konnte nicht müde werden, ihn aufmerksam zu betrachten. Sein Gesicht war voller und gesunder, in seinen tiefliegenden Augen waren einige Spuren des Wahnsinns zurückgeblieben, ob sie gleich ziemlich hell und lebhaft waren. Alle seine Bewegungen waren lebendiger, er war durchaus körperlicher geworden, und deswegen kam er mir in einzelnen Momenten ganz fremd vor. Das Zimmer war ordentlich und aufgeräumt, nur an der hintern Wand lag ein grosser roter Mantel über den Boden und über Stühlen ausgebreitet.

Balder war sehr gesprächig, und wir unterhielten uns von manchen Vorfällen aus der Vergangenheit. Ich bat ihn endlich, mir zu erzählen, durch welche Zufälle er sich plötzlich so sehr verändert habe; sein Gesicht ward trauriger, indem er darüber zu reden anfing; ich will es versuchen, Rosa, Ihnen seine eigenen Worte niederzuschreiben.

Du wirst vielleicht, fing er an, meinen seltsamen Brief aus den Apenninen erhalten haben, denn dass ich dort gewohnt hatte, erfuhr ich nachher. Ich kann mich jenes Zustandes nur noch dunkel und mit Mühe erinnern. Ich weiss, dass mich ein unaufhörlicher, wunderbarer Traum umgab. Mein Bewusstsein lag gleichsam fernab in mir verborgen, die äussere natur