alles Ungemach getröstet, dann war ich über alle Leiden beruhigt, die mich einst noch treffen könnten. Welchen Eindruck machten aber dann wieder die gemeinen Gesichter auf mich, von denen ich durch meinen Gesang ein Almosen erbetteln musste: ihre plumpen Spässe, ihre groben Zweideutigkeiten, die ich ertragen musste. Ich war gezwungen, einer kleinen Münze wegen jede Demütigung zu erleiden.
Ach, Lovell, was mögen Sie von mir denken, dass ich jetzt noch so sprechen kann? – Nicht wahr, Sie möchten lächeln? Die Zeit geht grausam mit dem armen Menschen um; erst stellt sie ihn als ein schönes und liebenswürdiges Kunstwerk hin, und dann arbeitet sie so lange an ihm, bis er endlich selbst eine Satire auf seinen ehemaligen Zustand wird.
Jetzt kam eine Zeit, die ich nie vergessen werde, die mir immer ein Rätsel bleiben wird. So widrig mir anfangs die elenden Witzeleien, die unausstehlichen Liebkosungen dieser gemeinen Menschen gewesen waren, so gewöhnte ich mich doch am Ende daran, ja sie gefielen mir sogar. Ich horchte während dem Singen auf ihren unzüchtigen Witz, und wiederholte mir in Gedanken die Einfälle, die ich gehört hatte. Mein Blut war in einer beständigen Erhitzung, ich lebte wie in einer unaufhörlichen Trunkenheit. Meine Bücher waren mir jetzt zuwider, sie kamen mir lächerlich vor: die schöne natur zog meine Blicke und meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich, sie kam mir vor wie eine strenge, langweilige Sittenpredigerin. Meine Phantasie ward in gemeinen und unangenehmen Bildern einheimisch, alle meine ehemaligen Vorstellungen erschienen mir albern und unwürdig. – Zuweilen war es dann wieder, als wenn ich aus meinem Schlafe erwachte; dann erinnerte ich mich meiner vorigen schönen Empfindungen, ich bekam dann einen Abscheu vor mir selber, mein Leben kam mir in diesen Augenblicken wüste und dunkel vor, ich beschloss, mich zu meinem sonstigen Zustande zurückzuretten – aber dann trat es mir wieder wie ein steiler Berg entgegen, mein gemeiner Sinn ergötzte sich wider meinen Willen an schändlichen Vorstellungen, und das schöne Land der kindlichen Unschuld lag wieder weit zurück und wie von einem schwarzen Nebel verfinstert. Um diese Zeit sah mich Rosa, ich gefiel ihm, er kam mir entgegen und ich machte die andre Hälfte des Weges, er lehrte mich das Laster kennen, und ohne Besinnung, ohne einen Gedanken verliess ich meinen armen, unglücklichen, blinden Vater, und folgte ihm. – Ach, er wird nun wohl schon gestorben sein; aber ich bin bestraft, sein Fluch ist mir nachgefolgt. – – –
Sie hielt hier ein und weinte von neuem. Ich erinnerte mich jetzt eines alten blinden Bettlers, den ich in Paris gekannt und der mir selbst einmal von einer undankbaren, entlaufenen Tochter erzählt hatte. Er ist ganz ohne Zweifel derselbe. An manchen Tagen war er wahnsinnig und sang wilde und prophetische Lieder, indem er dazu auf seiner Laute phantasierte: dann liefen ihm die Jungen in den Gassen nach, um ihn zu verspotten.
Sie hatte sich jetzt wieder erholt und fuhr in ihrer Erzählung fort:
Es erwachte jetzt ein ganz neues Leben in mir, ich sah mich zum ersten Male geschätzt und geliebt, in guten Kleidern, vertraut mit einem Menschen, den ich noch vor wenigen Tagen als ein fremdartiges Wesen, als einen Gott verehrt hatte. Ich kaufte jetzt alle Zuversicht, allen Genuss zurück, die ich bis dahin entbehrt hatte. Meine Munterkeit wurde zur Frechheit, denn ich hielt mich für eines der vorzüglichsten Geschöpfe in der Welt, ich hatte den Unterschied unter den Menschen nie gelernt, ich kannte jetzt nur die reichern und ärmern, mir fehlte jetzt zu einem angenehmen Leben nichts, und ich verachtete alle Menschen, die nicht so gut leben konnten wie ich. – In diesem Zustande sah ich Sie, Lovell, und ein Gefühl, wie ich noch nie gekannt hatte, bemächtigte sich meiner. Es war die Liebe, die mir bis dahin fremd geblieben war. Ohne zu wissen, was ich tat, rettete ich Ihr Leben bei jenem Überfalle der Räuber. Meine Zuneigung wuchs mit jedem Tage, aber ich bemerkte, dass Rosa eifersüchtig wurde. Von jetzt lebt ich ein schweres Leben, denn alle meine Empfindungen lagen im Kampfe miteinander, meine Gefühle waren so rein und schön, und eben durch sie erhielt ich einen Aufschluss über meine eigene Verächtlichkeit. – Sie wissen, wie ich Sie bat, zu mir zu kommen; Rosa überraschte uns. Seit der Zeit war ich ihm zuwider, ja er hasste mich endlich und überliess mich meinem Schicksale. – Ich konnte von Ihnen damals nichts weiter erfahren, als dass Sie mit einer gewissen Rosaline lebten: als ich dies hörte, wagte ich es nicht, zu Ihnen zu kommen, ich fürchtete mich auch vor Rosa. – Es fanden sich einige Menschen, die mich einer nach dem andern unterhielten, denn ich war einmal an diese Lebensart gewöhnt und hatte viele Bedürfnisse. – Ich sank immer tiefer, ich verliess Rom und zog von einer Stadt zur andern – und nun, Lovell – Reue im Herzen, ohne Geld, mit den gemeinsten Geschöpfen verschwistert, krank – – –
Sie konnte nicht weitersprechen. Ich war erschüttert, ich gab ihr alles Geld, das ich bei mir hatte, und verliess sie. – Ich will sie heute besuchen und sie mit mehrerem Gelde versorgen, damit sie wenigstens ihre Gesundheit wiederherstellen kann.
Sie hätten sie nicht so ganz verlassen sollen, Sie haben nicht recht getan. – Doch, habe ich