hatten den Plan mich klüger zu machen, und es ist nachher auch geschehn; freilich mag das wohl etwas Unerlaubtes sein, etwas, das die meisten Menschen fürchten, und dem sie aus dem Wege gehen. Klüger zu werden ist das grösste Verbrechen, das man sich in der Welt nur immer erlauben kann, dadurch empört man alle Menschen gegen sich, es heisst die Ordnung der Dinge umstossen und sich gegen die gesetz der natur auflehnen, nach denen der Mensch mit jedem Jahre mehr zusammenschrumpfen und in eine immer engere Einfalt hineinkriechen muss. Die sich von dieser notwendigkeit losmachen, werden daher von allen übrigen Bürgern dieser Erde verfolgt, die auf Recht und Ordnung halten.
Als wir uns beide etwas getröstet und beruhigt hatten, fragte ich sie um ihre geschichte, die mir in diesem Augenblick unendlich interessant war. Es waren ihr aus einem ehemaligen Leben so viele schöne Fragmente von Unschuld übriggeblieben, dass ich mich innig sehnte zu hören, wie sie gerade so tief und immer tiefer gesunken sei. Sie sah mich lange mit einem aufmerksamen Blicke an, dann sagte sie, dass sie meine Neugier befriedigen wolle.
Ich bin noch jetzt gerührt, und ich will versuchen, Ihnen die eigenen Worte des Mädchens herzusetzen, soviel ich mich noch ihrer erinnern kann.
Ich bin, fing sie an, in einer Vorstadt von Paris geboren. Das erste, was ich von der menschlichen Sprache verstand, war, dass ich keine Mutter mehr hatte; die erste Empfindung, die ich kennenlernte, war der Hunger. Mein alter Vater sass, das ist meine frühste Erinnerung, vor meinem Bette und weinte, indem er eine Laute in den Händen hielt, auf der er ein wunderbares Lied spielte. Als ich nur sprechen konnte, suchte er mich mit diesem Instrumente bekannt zu machen und mir die Kunst, es zu spielen und mit Gesang zu begleiten, beizubringen, soviel es in seiner Gewalt stand. Alle meine Erinnerungen aus der Kindheit ruhen auf Lautentönen aus, alle meine Empfindungen, mein ganzes Leben ist aus diesen Tönen herausgeflossen; sie umschliessen wie ein unübersehliches, melodisches Meer die Grenze meiner Erinnerung und meiner Kindheit. Fromme Ahndungen und Gefühle schweben leise von dort herüber und ziehen langsam meinem Herzen vorbei, es ist, als wenn mich einer ruft, dessen stimme ich nicht kenne, den ich nicht verstehe. – Ach! wenn ich jetzt manchmal in der tiefen einsamen Nacht Lautentöne höre – zuweilen dieselben Lieder, die ich sonst spielte – o Lovell, mein Herz wollen diese Töne aus mir herausreissen. –
Als ich etwas grösser geworden war, musste ich meinen Vater auf seinen Wanderungen durch die Stadt und in den nahgelegenen Gärten begleiten. Noch oft spät in der Nacht zogen wir durch die Strassen, indem mein Vater die Laute spielte und ich dazu sang, und bei manchen Stellen eine kleine Handpauke schlug. Wir erhielten auf die Art ein mageres Almosen, das wir am folgenden Tage verzehrten. Mein Vater fürchtete sich vor Gespenstern, und sah oft in den Ecken etwas stehen, vor dem er sich innig entsetzte; er teilte mir diese unbekannte und unbegreifliche Furcht mit. Bei Tage sassen wir oft unter einer grossen und lärmenden Gesellschaft von gemeinen Leuten, und liessen unsre Lieder hören; das Getümmel, die Verschwendung, Unmässigkeit und die wenige Aufmerksamkeit auf uns rührte mich ausserordentlich; mein Vater tröstete mich dann und sagte mir, dass dies so die Weise der Menschen sei, dass daraus das menschliche Leben bestehe. – O wie lebhaft und schmerzlich fällt mir heute alles, alles wieder ein, was ich immer zu vergessen suchte.
Ein paar arme Mädchen gesellten sich zu mir und manchmal waren wir jugendlich lustig, und es kam mir dann ordentlich vor, als gehörte ich auch mit zur Welt, ich war dann in mir selber dreister. – Wenn ich aber wieder unter die andern Menschen trat, so schlug mich jeder gute Anzug nieder, jede vorbeifahrende Kutsche beschämte mich, und ich verachtete mich selbst ebenso, wie mich alle übrigen Menschen verachteten. – Die mutwilligen gespräche der Mädchen versetzten mich dann wieder in einen gewissen Rausch, den ich selbst in der Freude nur als eine Trunkenheit ansah und in denselben Augenblicken recht gut wusste, dass ich zu einer nüchternen Selbstverachtung, zu einer elenden, kriechenden Geistesdemütigung wieder erwachen würde. – Ich verachtete aber meine Freundinnen ganz von Herzen, ja ich weinte über sie, als ich bald nachher von meinem Vater hörte, dass sie sich in ein schlechtes Haus als gemeine Dirnen hingegeben hätten. – Wer hätte mir damals sagen können – oh, und doch ist es gar nicht wunderbar, es ist so begreiflich – ach! Lovell, der Mensch ist in sich nichts wert.
Unser Unglück wurde noch vergrössert; von innigem Grame, von vielen vergossenen Tränen ward mein Vater blind. Ich war ihm jetzt ganz unentbehrlich; ich war jetzt sein einziger Trost. Ich tat ihm alle Dienste gern und willig, ich liebte ihn nur um so mehr, je unglücklicher er war. Meine Phantasie hatte jetzt, bei der gänzlichen Unterdrückung von aussen, einen hohen Schwung genommen, ich war innerlich zufrieden, und ersetzte mir durch erhabene Träume den Verlust der wirklichen Welt.
Spät in der Nacht las ich oft noch die Schilderung grosser Menschen, in den Erzählungen von Richardson; mich erquickte die Welt voll erhabener Geister, die mich dann umgab, und ich war überzeugt, dass die Menschen mich nur nicht genug kennten, um sich mit mir auszusöhnen. Dann war ich über