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jetzt gesund und noch ziemlich jung, aber die Zeit wird auch vorübergehn, und dann werden Sie sich ebenso wie ich nach einer Freundin umsehn. Glauben Sie mir, liebes Kind, die Einsamkeit ist unsereinem fürchterlich, man erinnert sich an tausend Sachen, die man schon längst vergessen zu haben glaubte. – Genau genommen, Laura, haben wir nicht recht gelebt; doch, das steht nun nicht mehr zu ändern.

4

Laura an Bianca

Wie ich es gleich befürchtete, liebste Freundin, Sie sind viel zu ängstlich, das verdirbt jedermann die Laune, der Sie besucht, und ich muss Ihnen aufrichtig gestehn, dass man Sie eben darum ungern besucht, denn die menschliche natur hat einen Widerwillen gegen alle Traurigkeit und Finsternis; alles in der Welt kommt einem dann gleich so klein und unbedeutend vor, und auf diese Art nutzt sich am Ende das Leben so wie ein Kleid ab. Sie nehmen auch alles gar zu genau, liebe Bianca; wer wollte es im Leben genau nehmen? Sind nicht Priester und Prälaten bei uns gewesen und haben sich mit uns gefreut? Auf sie fällt grössere Schuld, als auf uns selbst, denn sie haben uns in unserm Lebenswandel bestärkt. Beichten Sie, liebste Freundin, und sein Sie dann ausser Sorgen; gegen alles ist hülfe, nur nicht gegen den Tod, und diesen werden Sie durch Ihre Traurigkeit beschleunigen. Wenn ich Sie öfter besuchen soll, müssen Sie durchaus lustig sein. Sie sagen mir, ich werde alt werden. Ich fange wirklich selbst an, so etwas zu merken. Es ist eine schlimme Sache mit der Zeit, die immer so unmerklich weiterrückt, und die, wenn man sich dann umsieht, einen ungeheuern Weg zurückgelegt hat. Man muss aber an so etwas gar nicht denken, das ist mein Grundsatz, Bianca; es gibt ja noch tausend andre Dinge in der Welt, die unsern Verstand und unsre Phantasie beschäftigen können. Leben Sie recht wohl, und vergessen Sie nicht wieder, was ich Ihnen gesagt habe.

5

William Lovell an Rosa

Padua.

Ich komme bald, Rosa, sehr bald, ich brauche nur noch eine kleine Frist, um auf dem Wege manches zu erfahren, was ich schon seit lange gerne wissen möchte. Ich sagte es schon neulich, dass es nichts Wunderbares gibt und dass sich alles um mich her vereinigt, um mich an Seltsamkeiten zu gewöhnen.

Ich streifte gestern abends durch die Gassen der Stadt, der Mondschein und die kühle Luft lockten mich heraus. Ich wollte mich einmal wieder im Taumel der Phantasie vergessen, wie ich mich denn jetzt zuweilen mit Vorsatz in einen gewissen poetischen Rausch versetze, um alle Gegenstände anders zu sehen und zu fühlen. Einzelne Mädchen streiften in den einsamen Gassen umher, und es währte nicht lange, so folgte ich einer nach ihrer abgelegenen wohnung. Warum mich diese gerade und keine andre anzog, weiss ich nicht zu sagen.

Als in der stube ein Licht angezündet war, sah ich ein entstelltes schmutziges geschöpf vor mir, mit triefenden Augen, von mittlerer Grösse, und, wie alle wir uns genauer betrachteten, schrie sie laut auf, und ich erinnerte mich ihrer Züge dunkel. Sie befreite mich bald von meiner Ungewissheit und nannte mir ihren Namen. Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich erfuhr, dass es niemand anders, als die kleine Blondine war, die Sie von Paris mitgenommen hatten, die unter dem Namen Ferdinand Sie begleitete.

Sie wusste jetzt nicht recht, wie sie sich mit mir nehmen sollte; sie fing an, auf die unverschämteste Weise in der stube umherzuschwärmen, freche Lieder zu singen und mich dann in ihre arme zu schliessen; ich blieb ernstaft, und plötzlich brachen ihre Tränen, wie ein lange zurückgehaltener Strom, hervor, sie warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und schluchzte laut. Ich war ungewiss, ob ich bleiben sollte; ihre Stellung rührte mich, sie hatte das Gesicht mit den Händen verdeckt, es schien, als wollte sie sich aus Scham in die Mauern hineindrängen. Ich ging endlich zu ihr und richtete sie auf; sie wandte ihr Gesicht ab, sie konnte vor Zittern und heftigem Weinen sich nicht aufrecht erhalten und sank in einen kleinen Sessel. Wie von gewaltigen Krämpfen ward sie hin und her geworfen; nach diesem heftigen Sturme erlebte sie endlich einen Stillstand aller Empfindungen, und sie sah mich nun mit einem unbeschreiblich beruhigten gesicht an.

Ich musste weinen, alle Erinnerungen, alle Empfindungen drangen so lange auf mich ein, bis ich meiner Schwäche freien Lauf liess. Dadurch schien sie getröstet und aufgerichtet zu werden. Wir sprachen nun miteinander, die Erhitzung hatte ihr Gesicht angenehmer gemacht, sie sah nicht mehr so verzerrt aus.

Ich glaube, ich habe Ihnen schon ehemals erzählt, dass sie mich einst in Rom in einem Billette vor Ihrer Gesellschaft gewarnt habe, sie sagte mir jetzt die Ursache davon, sie habe einst durch einen Zufall gehört, dass Sie irgendeinen Plan auf mich hätten, der mir schädlich sein könnte. Doch diese Kinderei ist längst vergessen und ich hörte kaum darnach hin, als sie mir von neuem davon erzählte. Es kommt mir jetzt lächerlich vor, dass mich jenes kleine Billett und jener Argwohn damals so sehr erschreckten. Es ist im Laufe des Lebens etwas Läppisches, sich immer für verfolgt zu halten, die Menschen nicht zu verstehn, und sich auch keine Mühe zu geben, sie kennenzulernen, sondern statt dessen sie bloss zu fürchten. Sie