– und wenn er mich findet? – Wie vermag ich's, ihm standzuhalten? –
30
Karl Wilmont an Mortimer
Pisa.
Ich hatte ihn, bei meiner Seele, ich hatte ihn schon! Aber er ist mir wieder entkommen, der schändliche Bösewicht. – Von Räubern ward ich in den piemontesischen Alpen angefallen, und denke Dir, Mortimer, er war unter ihnen. Ich erkannte ihn sogleich, und er erkannte mich und flohe. – Mein lahmer Gaul kam nicht nach. Schon gegen mir über, dass ich ihn erreichen konnte, hatte ich ihn gehabt. Mein Pferd stürzte an einem hervorragenden Stein und brach den Schenkel, ich lag eine Weile ohne Besinnung; als ich wieder zu mir selbst kam, sah ich ihn nirgend. – Aber ich muss ihn finden! – Wüsst ich nur, wohin ich mich wenden sollte! – In welchen Schlupfwinkel hat sich der Elende jetzt vor meiner Wut verkrochen? – Aber darüber bin ich unbesorgt; endlich muss ich ihn treffen, Emiliens Geist wird meine ungewissen Schritte leiten: fand ich ihn doch da, wo ich ihn am wenigsten vermutet hatte.
Zehntes Buch
1
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
In einigen Wochen komme ich zu Ihnen, und dann will ich mit eigenen Augen die Verwandlungen in Bondly betrachten, die ich bis jetzt nur aus Beschreibungen kenne. Ihr Schwiegervater hat mir in mehreren Briefen davon geschrieben, und alles hat meine Neugierde äusserst rege gemacht. Durch gewisse Torheiten kann mich ein Mensch sehr zu seinem Vorteile einnehmen. Ich mag die Eitelkeit nicht so grimmig anfeinden, die den Menschen oft aufrecht hält, wenn ihn alles übrige verlässt; sie ist eine gutmütige Torheit, die ihn über alle seine übrigen Torheiten tröstet, sie ist der Wundarzt in der Welt des Menschen, und der Mensch leidet gewiss am meisten, wenn dieser sein Chirurgus krank darniederliegt; wenn ihn die Eitelkeit verlässt, oder er seine Eitelkeit verachtet, so durchlebt er die unglücklichsten Stunden seiner Existenz. Wenn sich nun ein Mann irgendein Spielzeug aussucht und sehr ernstaft damit umgeht, soll man ihn denn deswegen tadeln? Im grund sind überhaupt die Menschen gut, man sollte sich nicht anmassen, über die chen, denn indem mir die eine Torheit anklebt, muss ich notwendig eine andre falsch beurteilen, und durch Torheit sind doch Menschen den Menschen verwandt, man sollte daher nicht immer selbst so viel von den Familienfehlern sprechen. –
2
Tomas an den Herrn Ralph Blackstone
Waterhall.
Wohlgeborner Herr! Ich habe die Ehre Ihnen zu melden, dass ich mit den Einrichtungen des hiesigen Gartens, so zu sagen, über Hals und Kopf beschäftigt bin. Es bringt mir viele Mühe, aber ich denke immer, es soll mir auch einige Ehre bringen, und damit gebe ich mich denn über die Mühe zufrieden. Dieselben werden wissen, dass wir in dieser Welt fast gar nichts ohne Mühe haben, und obgleich die gemeinen Leute immer zu behaupten pflegen, umsonst sei der Tod, so müssen sich doch die meisten ganz ausserordentlich bemühen, ja fast quälen, ehe sie nur ans eigentliche Sterben kommen; ich meine nämlich die letzten Züge, in denen man immer zu liegen pflegt; mit dem letzten Atemholen müssen wir das bequeme Luftolen für unser ganzes Leben bezahlen.
Der Garten hier ist in einige Unordnung geraten; ich muss Ew. Wohlgeboren die Ehre haben zu versichern, dass ich hier sonst schon einmal Gärtner gewesen bin und noch jeden Busch und jeden Steg kenne; aber damals hatte ich keine freie Hand, denn die gnägeben soll, nicht sehr viel Geschmack, es war ihr nur darum zu tun, dass der Garten grün sei, und damit war dann alles gut und fertig. Dieselben aber werden wohl einsehn, dass das noch lange keinen Garten ausmacht, und wir beide wissen es am besten, was wir in Bondly für Arbeit gehabt haben, und gewiss noch haben werden. Seit unsere Eltern aus dem Paradiese getrieben sind und auf die Erde ein Fluch gelegt wurde, hängt sie ganz ausserordentlich nach dem Verwildern hin; nun muss der Mensch immer dagegen streiten und arbeiten, um nur alles in der gehörigen Ordnung zu halten; und so sind die Gärten entstanden. Die Gartenkunst ist gewiss eine grosse Kunst, und ich höre, dass man jetzt auch ordentliche gedruckte Bücher darüber hat, und das verdient sie auch ganz ohne Zweifel. Ew. Gnaden schätzen auch die Kunst nach ihren Würden und lassen sich sogar selbst mit der Arbeit ein, das muntert denn unsereinen auf, alle seine Kräfte daran zu wagen. Ich wünschte nur, ich wäre erst hier mit allem fertig, um nach unserm Bondly zurückkommen zu können. – Ich empfehle mich Ihrer fernern gnädigen Freundschaft und habe die Ehre mich zu nennen
Ew. Wohlgeboren ergebenster Freund und Diener
Tomas.
3
Bianca an Laura
Es wird mit jedem Tage schlimmer, liebe Laura; es will mir nichts mehr einen rechten Zeitvertreib machen, sondern alles kommt mir ganz gemein und verächtlich vor. Ist es nicht genug, dass ich krank bin? Muss mir auch das noch zustossen? Und kein Mensch bekümmert sich um mich, ich bin mir selber ganz überlassen; wär es ein Wunder, wenn ich jetzt melancholisch würde? – Sie besuchen mich auch fast gar nicht; ist Ihre Freundschaft nur für die frohen und gesunden Tage? Ach, wenn sie mich erst werden begraben haben, werden Sie es gewiss bereuen, und dann ist es zu spät; bedenken Sie das, liebe Laura. Sie sind freilich