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nein, ich habe dies in allen Stimmungen empfunden, selbst im Wahnsinne der Trunkenheit schwebte diese Überzeugung fürchterlich deutlich vor meinen Augen, nur habe ich sie mir selber abgeleugnet; ich kann jetzt mit diesen Lügen nicht weiterkommen, ein unbestechlicher, unsichtbarer Genius verdammt mich von innen heraus, und was mich am meisten zu Boden wirft, ist, dass ich mir nicht als ein Ungeheuer, sondern als ein verächtlicher, gemeiner Mensch erscheine. Wäre das erstere der Fall, so läge in der Vorstellung selbst ein Stolz und also auch ein Trost. – Oh, Sie glauben es nicht, wie abgeschmackt ich mir vorkomme, wenn ich irgendeinen Schluss machen, oder etwas Gescheites sagen will; alles erscheint mir dann so ohne Zusammenhang mit mir selber, so aus der Luft gerissen, so im Widerspruche mit dem jämmerlichen Lovell, dass ich wie ein Schulknabe erröten möchte.

Sie sehen, Rosa, ich muss zurück und Andrea muss mich von mir selbst erlösen.

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Ralph Blackstone an Mortimer

Bondly.

Es geht alles glücklich und über die massen wohl mit den Verbesserungen: ich halte es für meine Schuldigkeit, Ihnen einige summarische Nachrichten davon zu geben, weil Sie sich für den hiesigen Garten vorzüglich interessierten. Die alten Linden, die vertrocknet waren, sind abgehauen und ausgegraben, es fand sich der Name Ihrer Gemahlin in der einen, neben ihr stand Lovell eingeschnitten; man hat junge Birken dort gesetzt; der Teich ist ausgetrocknet, weil der Garten doch an wasser Überfluss hat: einiges Nadelholz am Abhange des berges ist fortgeschafft, weil es oben die schöne, herrliche Aussicht einschränkte. Manche kleine Verbesserungen werden Sie noch antreffen, wenn Sie sich wieder selbst einmal herbemühen wollen; der Garten kann sich nun bald vor jedem Kenner sehen lassen; manches freilich könnte besser sein, aber man muss nicht alles in der Welt auf die beste Art haben wollen, sonst bleibt es am Ende ganz schlecht. An mir liegt freilich nicht die Schuld, sondern immer nur an dem Gärtner Tomas, von dem ich ihm hätte; ein Mensch, der seinen wahren und echten Geschmack gar nicht ausgebildet hat, und der nun doch immer in allen Sachen recht haben will. Nun ist das eine sehr grosse und fast unausstehliche Prätension, selbst von einem sehr gescheiten Menschen, und nun vollends von einem mann, der nicht drei vernünftige Gärten zeit seines ganzen Lebens gesehen hat. Aber es ist ein schlimmer Umstand bei diesem mann, er wird sehr gekränkt, wenn man ihm zu sehr widerspricht, oder ganz gegen seinen Willen handelt, er hat eine Art von empfindsamem Eigensinn, den man gar nicht brechen kann, ohne ihm selber das Herz zu brechen. Er war neulich heftig gerührt, als ich ein Blumenbeet angebracht hatte, von dem er nichts wusste. Er hielt mir das Unrecht, das ich ihm, als einem so alten mann, tue, dass ich seinen Respekt bei den Gartenknechten vermindre, recht beweglich vor, und ich alter Narr liess mich übertölpeln und wurde ordentlich mit gerührt. Seit der Zeit sind wir nun sehr gute Freunde, ich tue ihm sehr vieles zu Gefallen und er tut mir auch dagegen manches zu Gefallen: ich habe es mir überlegt, dass ich lieber den Garten und den guten Geschmack, als einen lebendigen Menschen etwas kränken will, und darum sehe ich jetzt durch die Finger, und lasse manchmal fünfe gerade sein.

Von der Jagd sind Sie ebensowenig, wie mein Schwiegersohn, ein grosser Liebhaber, und darum will ich Ihnen von ihren Fortschritten lieber nichts erzählen. Mein Schwiegersohn ist willens, das benachbarte Gut Waterhall zu kaufen, und ich glaube, dass er vernünftig daran tut, denn es ist zu einem sehr billigen Preise zu haben. – Ich empfehle mich Ihrer fernern Gewogenheit und nenne mich

Ihren ergebensten Freund Ralph Blackstone.

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William Lovell an Rosa

Nizza.

Wohin soll ich mich wenden? – Ein entsetzlicher Schreck hat mich bis hieher gejagt, und nun weiss ich nicht, ob ich hierbleiben, ob ich rückwärts oder vorwärts gehen soll.

Die Räuber waren endlich meines müssigen Lebens überdrüssig, sie forderten, dass auch ich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden sollte. Man gab mir ein Pferd, und ich musste an einem Morgen mit zwei andern ausreiten.

Wir lagen noch nicht lange am Wege, als ein Reiter in grosser Eile vorübertrabte; wir lenkten auf einen verborgenen Fusssteg ein, so dass wir ihm entgegenkamen. Er schien uns nicht zu fürchten, denn er suchte nicht auszuweichen, wir stiessen aufeinanderund o Himmel! nie werde ich diesen Augenblick vergessenKarl Wilmonts Gesicht stand vor mir, bleich und entstellt. – Kaum erkannte er mich, als in seinen Augen ein höheres Feuer aufloderte. Ich sah es, wie er nach meinem Blute lechzte, er sprach den Namen Emilie aus und stürzte wie ein wildes Tier auf mich ein. Ich unwiderstehlich zu entfliehn; ich hörte ihn hinter mir, indem er grässliche Flüche ausstiess: mein Haar stand empor, das Pferd lief mir immer noch nicht schnell genug, eine unbeschreibliche Angst drängte mich vorwärts. – Meine beiden gefährten waren weit zurück, und als ich mich nachher noch einmal umsah, war auch Wilmont verschwunden. – Wo ist er geblieben? – Soll ich nun nach Rom kommen, soll ich nach Frankreich zurückkehren? Wo bin ich vor diesem Verzweifelten sicher? Aller Mut, der mir sonst zu Gebote steht, verlässt mich, wenn ich an ihn denke. Er kommt, um mich zu suchen;