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Zustand tierischer Wildheit ist kein menschlicher Zustand mehr. Darum sind uns alle grossen Erinnerungen alter zeiten so wert, weil sie an sich selbst schon unser Gemüt erheben, und zugleich in uns den Vor- und Rückblick, die Ahndung einer wundersamen aber notwendigen Verkettung der Dinge, kurz, eine wahre Geistergeschichte zum Licht erheben. Darum wirst Du auch, wie die meisten Reigenannten Mittel-Alters nicht gleichgültig aus dem Wege gehen, denn alles was die Neueren echte Kunst und Poesie nennen dürfen, scheint mir doch nur als die letzte Verwandelung dieser noch ziemlich unbekannten und unerkannten Jahrhunderte uns anzuglänzen. Den Griechen und Römern haben die Künste schwerlich so viel zu danken, als sie sich selbst immer schmeicheln möchten, und vielleicht ist in diese mehr Missverständnis als Verständnis aus den klassischen Autoren gekommen. Mit der Philosophie und Wissenschaft ist es freilich ein ganz anderer Fall, und insoferne keine Zeit eine Kunst besitzen kann, die von der Wissenschaft keinen Einfluss erführe, haben Poesie und ihre Geschwister auch gewiss viel Gutes, aber aus der zweiten Hand, von jenen Alten bekommen.

Ich lebe hier im einsamen Bondly einförmig und ohne Freund. Am schlimmsten ist es, dass ich mich oft innerlich härme und quäle, wenn ich die menschenfeindliche Stimmung meines Vaters und jene traurige Verzweiflung in ihm wahrnehme, welche er Menschenkenntnis nennt.

Deine Tante in Waterhall ist gestorben, ihr Gut ist an Dich gefallenWilliamdarf ich mir eine schöne Zukunft denken, in welcher Du dort wohnst, so nahe bei mir? Ich verweise alle meine Wünsche in jene Zeit, aber eine boshafte Ahndung will es mir manchmal ableugnen, dass sie sich je erfüllen werden. –

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William Lovell an Amalie Wilmont

Paris.

Oh, Amalie, dürft ich mit diesem Briefe zugleich nach meinem vaterland eilen, in Ihre arme fliegen, o könnt ich Tage zurückzaubern und alle Seligkeiten von der Vergangenheit wiederfordern! Ich sitze nun hier und wünsche und sinne, und fühle so innig die Schmerzen der Trennung. Oh, wie dank ich dir, glücklicher Genius, der du zuerst das Mittel erfandest, Gedanken und Gefühle einer toten Masse mitzuteilen und so bis in ferne Länder zu sprechen; gewiss war es ein Liebender, ein Geliebter, der zuerst diese Zeichen zusammensetzte und so die Trennung hinterging. Aber doch, was kann ich Ihnen sagen? dass nur Sie mein Gedanke im Wachen, meine Traumgestalt im Schlafe sind? Dass sich meine Phantasie oft so sehr täuscht, dass ich Sie in fremden Gestalten wahrzunehmen glaube? dass ich zittre, wenn auch das fremdeste Wesen von ungefähr den Namen: "Amalie" nennt? Mit welchen Worten soll ich die Gefühle ausdrücken, die mein Herz erweitern und zusammenziehn? Kein Zeichen entspricht der lebendigen Glut in meinem Insuchte und Worte fandich kann, ich mag Ihnen nichts vorschwatzennur ein Wunsch, nur eine Bitte: vergessen Sie nicht Ihren aufrichtigen, zärtlichen William, der Sie ewig nicht vergessen kann.

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Amalie Wilmont an William Lovell

London.

Mit einer innigen Wehmut setz ich mich nieder, um Ihnen zu schreiben; ich hätte Ihnen so manches zu sagen, so manche Antwort von Ihnen zu erbitten, und doch bin ich in Verlegenheit, wie ich es Ihnen sagen soll. So unerwartet ich Sie in London wiedersah, ebenso plötzlich sind Sie nun wieder abgereist; alle meine Empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen Traum, in welchem ich keinen Begriff, kein Gefühl fesseln, nachdenken und empfinden kann. Ach, William, in der kurzen Zeit, in welcher ich Sie kannte, hatte ich mich so frei, so kühn, und (ich weiss nicht, wie ich es nennen soll) so gross gefühlt, dass ich der Zukunft froh und ohne Scheu entgegensahaber jetzt beklemmt eine unnennbare Bangigkeit meine Brust, mein Mut verlässt mich, ich fühle mich einsam und verlassen, ich bin wieder ein Kind, wie ich vorher war. Ich weiss selbst nicht, was ich von mir will, die Zukunft und die ganze Welt liegt in einer finstern Ausdehnung vor mir, ich ahnde, dass die Freuden dieses Lebens vielleicht die zartesten Blumen sind; wehe ein einziger wiederkehrender Wintertag lässt alle Blüten ersterben, dann ruft sie kein Sonnenschein ins Leben zurück, keine herabfallende Träne erquickt sie wieder. William, wenn dieser ewige Winter meiner wartete? – Doch, lassen Sie uns abbrechen, wir können dem Schicksale nicht gebieten, aber Wünsche sind verzeihlich.

Ihr Vater ist von neuem unpässlich geworden, er sieht sehr bleich aus, ich habe ihn neulich in London gesehen; doch sein Sie nicht betrübt darüber, etwas ist er indes schon besser geworden. Mit welcher Freude sprach er von Ihnen! Oh, wie liebt ich ihn um dieser Liebe willen! Ich fühlte mich in Ihrem Lobe so geehrtundich weiss nicht, ob ich weiterschreiben sollach, Williamund da sprach er von seinen Planen mit Ihnen, von gewissen Verbindungen, die so gut wie geschlossen wären, er nannte mehrmals den Namen der jungen Bentinkich konnte ihn nicht mehr lieben, alle Freundlichkeit seines Gesichts ward für mich plötzlich ein furchtbarer Ernst.

Leben Sie wohl. Weiss ich doch, dass ich in Bondly mein schönstes Leben gefühlt und gelebt habe; diese Erinnerung bleibt mir ewig, und sie wird mein Glück sein, wenn ich in Zukunft vielleicht einmal alles verloren habe.

8

Der alte Lovell an seinen Sohn

London.

Ich schreibe Dir, indem ich mich eben von einer