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Augen hin. – Ich will Ihnen die Phantasie hiehersetzen, die mich so innig gerührt hat.

Erster Genius

Wo find ich wohl den Bruder?

Schwärmt er im Regenbogen?

Schwebt er auf jener Wolke?

Bald müssen wir uns finden,

Die Sonne sinkt schon unter.

Zweiter Genius

Hier bring ich Tau von Blumen,

Den Duft von jungen Rosen,

Und aus der Abendröte

Die kleinen goldnen Punkte;

Nun lass uns fürder eilen

Und holden Abendschimmer

Ihr auf die Wangen streuen,

Den Mund ihr röter färben,

Mit lichter Äterbläue

Die sanften Augen tränken,

Und in die blonden Locken

Die goldnen Lichter streuen,

Die wir vom Regenbogen,

Vom Abendschein erbeutet.

Beide

Wir schweben auf Blumen,

Wir tanzen auf Wolken

vorüber dem Mond.

Es leuchten uns freundlich

Zum nächtlichen Tanze

Die Stern' und der Mond.

Dann sammeln wir Blumen,

Dann suchen wir Kräuter,

Von uns nur gekannt,

Und kehren zum Schutze

Der glücklichsten Menschen

Vom Wandern zurück.

Der Dichter

Schützende Genien, wenn ihr zu ihr flieget

Und die Schönste mit neuer Schönheit schmücket,

O so hört noch, höret die fromme Bitte:

Nehmet die Seufzer, nehmt die schönsten Tränen,

Tragt das treueste Herz als Gabe zu ihr,

Dann ach! wird sie meiner gewiss gedenken! –

Diese Verse sind schlecht und die ganze idee ist gesucht, aber ich schrieb es damals mit der wärmsten Empfindung nieder; meine Spannung erlaubte mir es nicht, mich in die Schranken einer natürlichen und einfachen Empfindung zu halten. Jedes Wort dieses Gedichts bringt mir tausend süsse und schmerzliche Erinnerungen zurück, die Vergangenheit zieht mir schadenfroh durch das Herz, noch schöner vielleicht, als sie damals war. –

Seid mir gegrüsst, ihr frohen goldnen Jahre,

Sosehr ihr auch mein Herz mit Wehmut füllt!

Ach! damals! damals! – immer strebt mein Geist

zurück

In jenes schöne Land, das einst die Heimat war.

Das goldne, tiefgesenkte Abendrot,

Des Mondes zarter Schimmer, der Gesang

Der Nachtigallen, jede Schönheit gab

Mir freundlich stillen Gruss, es labte sich

Mein Geist an allen wechselnden Gestalten

Und sah im Spiegel frischer Phantasie

Die Schönheit schöner: Willig fand die Anmut

Zum Ungeheuren sich, und alles band sich stets

In reine Harmonie zusammen. – Doch

Entschwunden ist die Zeit, das ehrne Alter

Des Mannes trat in alle seine Rechte.

Mich kennt kein zartes, kindliches Gefühl,

Zerrissen alle Harmonie, das Chaos

Verwirrter Zweifel streckt sich vor mir aus.

Von jäher Felsenspitze schau ich schwindelnd

In schwarze, wüste, wildzerrissne Klüfte.

Ein wilder Reigen dreht sich grässlich unten,

Ein freches Hohngelächter schallt herauf,

Und bleiche fackeln zittern hin und her.

Dämonen, fürchterliche Larven feiern

Mit raschem Schwung ein nächtlich Lustgelage.

Wer ist der schwarze Riese unter ihnen? –

Er nennt sich Tod und streckt den bleichen Arm

Nach mir herauf! – hinweg du Grässlicher! –

Was rührt sich in den Bäumen? – Ist's mein Vater?

Er will zu mir! er kommt mit Rosalinen

Und langsam geht Pietro hinter ihm,

Auch Willys Kopf streckt sich aus feuchtem

grab! –

hinweg! – ich kenn euch nicht! – zur Höll

hinab!! –

Doch laut und immer lauter rauscht die Waldung,

Es braust das Meer und schilt mit allen Wogen

Und in mir klopft ein ängstlich feiges Herz. –

Ihr alle richtet mich? verdammt mich alle? –

Du selbst bist gegen dich? – O Tor, lass ja

Den Geist in dir, den frechen Dämon nie

Gebändigt werden! Lass das Schicksal zürnen,

Lass Lieb und Freundschaft zu Verrätern werden,

Lass alles treulos von dir fallen: ha! was kümmern

Dich Luftgestalten? – sei dir selbst genug!

Was meinen Sie? – Wenn ich über mich selbst ein Trauerspiel machte, müsste sich da diese Tirade nicht am Schlusse des vierten Akts ganz gut ausnehmen? Die Räuber verachten mich von Herzen, weil sie sehen, dass ich zu ihrem Gewerbe ganz unbrauchbar bin. Sie gehen aus und lassen mich meistenteils zurück, um die Wohnungen zu bewachen. Einer von ihnen ist erschossen. Ich bin zuweilen der Zeuge der niederschlagendsten Szenen, ich möchte mir oft selber entfliehen. – Ich bin wieder allein und schwarze Gewitterwolken bedecken den ganzen Horizont. – Wie wüste und verlassen ist alles um mich her! – Der Blitz zuckt durch den schwarzen Wolkenvorhang und ein Donnerschlag läuft krachend durch die Gebürge. Ein wildes Gebrause von Regen und Hagel stürzt herab, alle Bäume wanken bis in ihre Wurzeln

Ich erinnere mich meines Aufentaltes in Paris. – Wie ist es möglich, dass manche Menschen, die ich dort kannte, noch den Wunsch nach dem Leben haben können? – Von allem, was das Leben teuer und angenehm macht, waren sie entblösst, sie mussten sich unter Schimpf und Verfolgung von einem Tage zum andern hinüberbetteln, sie wurden von Not und Mangel erdrückt, und dennoch sahen sie dem näherschreitenden tod mit einer bleichen Wange entgegen. – Ich kann es nicht begreifen und würde es in einer Erzählung nicht glauben. Nein, ich muss mir vor mir selber endlich Ruhe schaffen. – Soll mir alles nur dräuen und kein Wesen liebevoll die Hand nach mir ausstrecken? Ist für mich der Name Freundschaft und Wohlwollen tot? – Und wenn der Himmel noch lauter zürnte, so will ich mich dennoch nicht entsetzen. In einer noch höhern Wildheit, im stürmendsten Wahnsinne will ich einen Zufluchtsort suchen und mich dort gegen alles verschanzen! Ich will so lange trinken, bis mir