wollen sie mich behalten. Aus einem verdorbenen Menschen wird vielleicht noch ein ganz guter Räuber. Zum Menschen bin ich verdorben, das heisst, dass ich für einen Menschen jetzt viel zu gut bin: man muss seinen Verstand und seine Gefühle nur bis auf einen gewissen Punkt aufklären, tausend Dinge muss man blindlings und auf gut Glück annehmen, um ein Mensch zu bleiben. – Leben Sie wohl, ich will in diesem Briefe bei gelegenheit fortfahren, ob ich gleich noch nicht einsehe, auf welche Art Sie ihn bekommen sollen. Es ist Nacht, und ich muss jetzt schreiben, weil ich meine Gesellschafter nicht gerne diesen Brief sehen lassen möchte. Ich habe eigentlich nichts zu schreiben, aber ich bin nicht ruhig genug, um einzuschlafen. Es liegen einige erbeutete französische Tragödien da, die mich aber anekeln: ich ärgre mich, dass ich nichts von Shakespeare hier habe, der mein Gefühl vielleicht noch mehr empörte, um es zu beruhigen.
Ich komme mir hier in der dunkeln einsamen Hütte wie ein vertriebener Weiser vor, der die Welt und ihre Albernheiten verlassen hat. Wenn ich mir einen solchen Eremiten recht lebendig vorstelle, so wird mir gleich recht verständig zumute. Balder sollte jetzt mit mir diese Wüste bewohnen, ich würde jetzt recht leicht mit ihm sympatisieren.
Ich möchte scherzen, um die Schauer von mir zu entfernen, die mich umgeben. Der Wind rauscht einsam über die Wälder daher, und die Sterne stehen wehmütig über Bäumen und Felsen: Mondschein schimmert herüber und dichte Schatten fallen von den Bergen herunter. Ich strecke in Gedanken die Hand aus, um der Hand eines Freundes zu begegnen, vorzüglich sehen ich mich nach dem alten ehrlichen Willy: ich bilde mir ein, er sitzt neben mir und ich führe ein tiefsinniges Gespräch mit ihm. Es ist, als wollten wohlbekannte Stimmen aus der Wand herausreden, und ich entsetze mich vor jedem Schalle. Wirft das Licht nicht seltsame Schatten gegen die Mauer? Wer kann wissen, was ein Schatten ist und was er zu bedeuten hat? – Schläfrige Nachtschmetterlinge sind zum offnen Fenster hereingeschlüpft, und wüst und träge summen sie jetzt durch das Gemach: in immer engeren Kreisen treiben sie sich um die Flamme des Lichtes, um sich zu versengen und zu sterben. Ein Zweig des Baumes klatscht gegen mein Fenster, er fährt auf und nieder und verdeckt mir bald die Sterne, bald zeigt er sie mir im bläulicht grünen Luftraume. Ich weiss nicht, warum mich alles erschreckt, warum der Himmel mit seinen Sternen so wehmütig über mir steht. – In der Einsamkeit liegt eine Bangigkeit, die unsre ganze Seele zusammenzieht; wir entsetzen uns vor der grossen, ungeheuren natur, wenn kein Sonnenschein die grosse Szene beleuchtet und unsern blick und unsre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Partien richtet, sondern die Finsternis alles zu einem unübersehlichen Chaos vereinigt. Dann gehen wir völlig im wilden, ungeheuern Meere unter, wo Wogen sich auf Wogen wälzen und alles gestaltlos und ohne Regel durcheinanderflutet. Nirgends kann man sich festalten; unsre Welt sieht dann aus wie eine ehemalige Erde, die soeben in der Zertrümmerung begriffen ist – und wir werden unbemerkt mit verschlungen.
Ich wünsche in Rom zu sein und Andrea zu sehen und zu sprechen. – Das Leben hier missfällt mir seiner Einförmigkeit wegen, mein Geist muss jetzt einen andern Schwung nehmen, oder ich gebe mich selbst verloren. Eine grössere Seele muss mich jetzt beschützen, oder ein Elend, wie es vielleicht noch keinem Menschen zuteil ward, ist mein Los. –
Wer ist das, der unter unsern Wipfeln hinweggeht? so scheinen mir die Bäume nachzurufen: jede Wolke und jeder Berg macht eine drohende Gebärde – ach, und die Menschen um mich her! sie demütigen mich am meisten. Auf eine betrübte Art sind sie sich selbst genug, ihre Trägheit und einen jämmerlichen Leichtsinn halten sie für Stärke der Seele; sie bemerken die Leere in ihrem geist nicht, die Anlage im verstand, die ohne die mindeste Vollendung liegenblieb. Sie sind nichts als redende Bilder, die den Menschen und mich verachten, weil sie sich selbst nicht achten können.
Sie sprechen oft viel von einem Rudolpho und Pietro, die sich immer durch ihre Bravheit ausgezeichnet hätten, und die bei einem Überfalle umgekommen wären. Sie wissen es nicht, Rosa, dass sie durch mich und durch Ihren Ferdinand umkamen; sie würden mich sogleich ermorden; wenn ich es ihnen entdeckte. – Ich habe ihre Leichensteine besuchen müssen, die ihnen die ganze Gesellschaft gesetzt hat; sie dienen diesen Menschen zur Kirche. –
Warum könnt ich nicht nächstens Rosalinen, oder meinen Vater wiederfinden? – In dieser seltsamen Welt ist nichts unmöglich. –
Der Morgen bricht an, der Mondschein wird bleicher, ich will mich niederlegen, um noch einige Stunden zu schlafen. – Jetzt habe ich vor dem Schaudern Ruhe: die Gespensterzeit ist vorüber. – Sie lachen vielleicht, Rosa – leben Sie wohl.
Ich durchsuche heute meine Brieftasche und finde noch ein altes, uraltes Blatt darin; es ist ein Gedicht, das ich einst auf Amaliens Geburtstag machte. Das Papier ist schon gelb und abgerieben, die Worte kaum noch zu lesen: darin lag ihre Silhouette, die ich im Garten in Bondly an einem schönen Nachmittage schnitt. Mein ganzes Herz hat sich bei diesen Entdekkungen umgewandt. Alles Ehemalige, Längstverflossene und Längstvergessene kommt mir zurück, ich sehe sie vor mir stehen, ich höre die Bäume im Garten von Bondly rauschen, die ganze Landschaft zaubert sich vor meine