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Erschütterung setzte. Ich habe jene Gutmütigkeit abgelegt, die mich vor andern oft so lächerlich und mich selbst so unruhig machte. Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen Geduld. Stundenlang konnte ich einem zuhören, der sich für einen unglücklichen oder verfolgten Tugendhaften hielt, ohne eine Miene zu verziehen. Welche Unverschämteit besitzen diese Menschen, alle ihre Lehrsätze, alle ihre niedrige Heuchelei einem Wesen vorzutragen, das vor ihnen steht und an dem sie doch einen Kopf gewahr werden! Kann man sie besser bestrafen, als wenn man ihnen zeigt, wie sehr man sie verachtet, wenn man sie dadurch bewegt, sich selbst auf eine Stunde zu verachten? Ich tat es jetzt, und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter verschrieen: jene jämmerlichen Wesen sprachen mir das menschliche Gefühl ab, weil ich mit ihren kläglichen, zusammengeflickten Leiden nicht sympatisieren wollte. Bosheit ist nichts, als ein Wort; es gibt keine Bosheit; diesen Satz will ich gegen die ganze Welt verteidigen.

Aber ich wollte Ihnen ja meine geschichte erzählen. Von Chambery machte ich die Reise zu Pferde. Es war ein wunderbarer Weg, und ich verirrte mich, ich hatte die grosse Strasse ganz verlassen und befand mich nun auf Nebenwegen, die bald ausgingen, bald dahin zurückzukehren schienen, woher ich kam. Ich fand nur einzelne Hütten, in denen ich einkehren konnte, und die Kohlenbrenner oder Holzhauer, die ich dort traf, wussten den Weg selber nicht, den ich suchte. An einem Morgen, als ich einen steilen Hügel hinaufritt, befiel mich eine seltsame Beklemmung so gewaltig, als wenn sie mein Herz zerdrücken wollte; alles um mich her war mir plötzlich so bekannt, keine dunkle, sondern eine ganz deutliche Erinnerung trat mir entgegen, dass ich an diesem platz schon gewesen sei. Ein wüster Rauch lag auf den fernen Bergen, und eine grauenvolle Dämmerung machte die tiefen Abgründe noch furchtbarer. Mit gewaltigem Schrekken ergriff mich das Gefühl der Einsamkeit, es war, als wenn mich die Gebirge umher mit entsetzlichen Tönen anredeten; ich ward scheu, als ich die grossen und wilden Wolkenmassen so frech am Himmel über mir hängen sah. Ich hielt mein Pferd an, um über meinen eigenen Zustand nachzusinnen: jetzt brach ein Sonnenstrahl herein und ich erkannte plötzlich mich und die Gegend. – Es war dieselbe, Rosa, Sie werden sich ihrer noch erinnern, in der ich von Räubern angefallen wurde, als ich mit Ihnen zuerst nach Italien reiste: es war derselbe Ort, an welchem mich Ihre verkleidete Geliebte so tapfer verteidigte. Die Spitzen der fernen Bergen hoben sich wieder, wie damals, golden aus dem Nebel heraus, das tiefe Tal flimmerte in tausend bunten Sonnenstreifen: ein Wagen fuhr den grossen Weg mühsam den Berg herauf. – Ich bildete mir ein, dass Sie mit Balder darin sässen, Willy vorne auf dem Bock: ich sah genauer hin und es war mir sogar, als könnte ich die Gesichtszüge des alten Willy erkennen. Ich folgte dem Wagen mit den Augen und konnte mich immer noch nicht von meinen Träumereien losreissen, als ein Schuss, der mein Pferd zu Boden streckte, mich aus meiner Betäubung aufriss. Vier Menschen stürzten aus dem Gebüsche auf mich zu: alles war mir wie ein wiederholtes Possenspiel und ich sah mich kalt nach dem blonden Ferdinand um, dass er mir mit seinem Hirschfänger zu hülfe eilen solle. Aber er kam nicht, er war nicht da, und ich gab mich ohne Gegenwehr gefangen; ich übergab den Räubern selbst alles Geld, das ich bei mir hatte: sie schienen über meine Kaltblütigkeit erstaunt. – Man schleppte mich auf geheimen Wegen zu ihrer wohnung. Ich wusste immer noch nichts von mir selbst, nicht aus Verzweiflung, sondern weil ich ungewiss war, ob ich schliefe, oder wachte; ich glaubte, ich dürfte mir nur recht ernstaft Mühe geben, aufzuwachen, und es würde auch geschehen, das heisst, ich würde sterben.

Als ich einige Stunden so zugebracht hatte, schlug mir ein ansehnlicher Mann vor, ein Mitglied ihrer Gesellschaft zu werden. Sie erraten es vielleicht, Rosa, dass ich ohne alles Bedenken diesen Vorschlag annahm. Dieser lächerlich wunderbare Umstand fehlte meinem Leben noch bis jetzt, er schloss sich so herrlich an alles Vorhergehende, er bestärkte mich so in meinem Traume, ich war so überzeugt, dass ich hier sein müsse und nicht anderswo sein könne, dass ich den Räubern, als sie mich kaum gefragt hatten, schon mein Jawort gab. – Und sagen Sie selbst, was kann unser Leben anders sein, als ein leeres groteskes Traumbild? Wir halten es immer für etwas so Ernstaftes, und es ist eine plumpe, unzusammenhängende Farce, der nüchterne, verdorbene Abhub einer alten, bessern Existenz, eine Kinderkomödie ex tempore, eine schlechte Nachäffung eines eigentlichen Lebens.

Jetzt sitze ich nun hier in einer tiefen Einsamkeit, denn alle meine gefährten sind ausgegangen. Der Wind pfeift durch die gewundenen Felsen, die Zweige knarren laut, und die tote Stille wiederholt jeden Schall. Nichts als Felsen, Bäume und ferne Gebirge sieht mein Auge, das Geschrei des Wildes tönt durch die feierliche Ruhe. Einzelne Wolken ziehen schwer durch die Gebirge; der Sonnenschein geht und kommt wieder. – Warum sitz ich nun hier und denke und schreibe an Sie? – Was soll ich hier? – Und doch kann ich nicht fort: die Räuber haben aus meinem Äussern geschlossen, ich könnte ein tüchtiges Mitglied ihrer Bande werden, und darum