liebt ihren Mann ungemein; und wie sollte es auch möglich sein, dass sie ihn nicht liebte? Jedes Kind muss ihm gut sein, und ich habe hier auch noch keinen Menschen getroffen, der ihn nicht leiden möchte; selbst die schlechten Menschen mögen ihn gern. Nur von einem gewissen Lovell habe ich hier unter der Hand manches gehört, der sein unversöhnlicher Feind sein soll, dieser muss dann gewiss ein äusserst schlechter Mensch sein. Er ist aus Italien hiehergekommen, und hat hier die italienische Mode mit Vergiften einführen wollen, aber das geht in unserm England nicht so, wie er vielleicht gedacht hat, und darum hat er auch heimlich wieder abreisen müssen. Man sagt, er sei in der Fremde gestorben, und ein solcher Mensch verdient auch nicht, dass er lebt, denn er wendet sein Leben nur zum Schaden und zur Ärgernis seiner Nebenchristen an, und das ist auf keinen Fall recht und löblich. – Ich habe diesen ganzen Brief meiner Tochter diktiert, weil sie schneller und fertiger schreibt, als ich. Leben Sie recht wohl und glücklich; ich nenne mich
Ihren aufrichtigen Freund Ralph Blackstone.
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Betty an Amalie
Bondly.
Wie befinden Sie sich, teuerste Amalie? Wenn Sie ebensoviel an mich denken, wie ich an Sie, so denken Sie recht oft an mich; doch das darf ich nicht hoffen. Sie sind immer so gut und Ihre Briefe sind so gut, dass ich glaube, ich könnte auf Erden keine bessere Freundin finden. Nach Eduard liebe ich Sie und meinen alten lieben Vater am meisten, der zwar zuweilen etwas viel spricht, es aber doch immer herzlich gut meint. Manche Leute haben ihm daraus zuweilen einen Vorwurf gemacht, aber man lasse doch den alten Mann, wenn es ihm nur Vergnügen macht. sehen Sie, in seinem Elende konnte er sich manchmal recht gut trösten, wenn er selbst lange Reden über das Unglück, oder über seine Standhaftigkeit hielt; er sagte selbst, dass im Sprechen eine grosse Erleichterung stekke. Freilich wird mein Vater keinem andern Menschen so liebenswürdig vorkommen, wie ich ihn sehe, indessen wird ihn doch gewiss jeder für einen guten und rechtschaffenen Mann halten, und das ist für mich weit mehr, als die Liebenswürdigkeit. Mich freut es da er wieder Bedienten befehlen und ausreiten, und Anordnungen über die Jagd treffen kann, und Eduard tut ihm alles Ersinnliche zu Gefallen.
Mir ist oft recht sonderbar zumute, wenn ich jetzt unter Eduards Büchern manche wiederfinde, die ich in meiner unglücklichen Lage las, und die mich oft trösteten; ich habe sie von neuem und mit einer unbeschreiblichen sehnsucht durchgelesen, sie haben mich wieder gerührt und ich halte sie in grossen Ehren. Von je hab ich unsern armen Otway recht innig bemitleidet, der so grossen Mangel litt, um den sich niemand kümmerte, und aus dem doch so oft ein recht himmlischer Engel schreibt: wie konnten die Menschen so wenig für ihn sorgen! Sie verdienen es gar nicht, dass sie ihn lesen dürfen. – Ich möchte alle jene Bücher wieder zurückhaben, mit denen ich im trüben Wetter so vertraut ward, die ich mit verweinten Augen und mit einem mattklopfenden Herzen las: ich kann mich in manchen Stunden so in jene Zeit zurückfühlen, dass ich noch jetzt über manche Vorfälle von neuem weinen muss, und wenn ich dann meine Tränen auf den Wangen fühle, so ist mir oft plötzlich, als wäre alles noch ebenso, als wären alle bisherigen Freuden nur ein leichter Schlummer gewesen. Wenn man erst über das Unglück hinüber ist, so erinnert man sich seiner mit einer gewissen stillen und unbeschreiblichen Freude.
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William Lovell an Rosa
Aus den piemontesischen Bergen.
"Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals." Hierhin und dortin werde ich gestossen; wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle hände. – Ich weiss noch nicht, wie Sie diesen Brief erhalten werden, aber ich muss mich zerstreuen, ich muss mich beschäftigen, und darum schreibe ich Ihnen. – Ich bin nun hier in einer ganz neuen Situation, ich kann nicht fort und möchte doch nicht gerne bleiben: doch, ich will Ihnen ruhig erzählen, wie ich hiehergekommen bin.
Ich reisete mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus; mein Herz war ziemlich leicht, mein Gemüt zuweilen heiter gestimmt, die ganze Welt kam mir vor wie eine grosse Räuberhöhle, in der alles gemeinschaftliches Gut ist, und wo jedermann so viel an sich reisst, als er bekommen kann; kaum besitzt er es, so wird es ihm von neuem entrissen, um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genusse zu dienen. Ich vergab Burton, ich vergab mir selbst, denn jedermann tut nur, was er vermöge seiner Bestimmung tun muss; wir sind von natur eigennützig, und durch diese Einrichgelüstet, mit Gewalt oder mit Schlauheit zu bemächtigen suchen. Dies ist der Grundsatz der Politik im Grossen und Kleinen, es gibt keine andre Philosophie wie diese, und es kann keine andre geben, denn jedes System nähert sich dieser Klugheit mehr oder weniger, sie ist mehr oder weniger darin versteckt, alle Spitzfindigkeiten des Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus. Warum sollen wir also nicht gleich lieber den einfachen Satz annehmen, vor dem jedermann zurückzuschrecken affektiert, und an den doch jeder glaubt?
Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden, das heisst eigentlich, ich betrachte die Ideen kälter, die ich bis jetzt nur ahndete, und deren dunkles Vorgefühl mich in eine Art von