1795_Tieck_095_155.txt

eigne geschichte und meine Empfindungen über mich und die Menschen niederzuschreiben. Wenn ich mich so mancher Bücher erinnere, die ich ehedem gelesen habe, und in denen uns die tugendhaften Menschen so viele Langeweile machen, indes die Lasterhaften wie Vogelscheuchen dastehn, um die Leser scharenweise, wie Sperlinge, von der Bahn des Bösen zurückzuschreckenund mir dann einfällt, dass irgendein eingebildeter Dummkopf sich hinsetzen könnte, um meine geschichte, die er stückweise durch die dritte oder vierte Hand erfahren hat, bedächtig aufzuschreiben: so möchte ich lachen, und selbst die Feder nehmen, nicht zu meiner Rechtfertigung, denn diese brauche ich nicht, sondern bloss um zu zeigen, wie ich bin und wie ich denke. Meilenweit stehen jene Armseligen, die in drei Büchern die Menschen studiert haben und die sie nun schildern wollen, von der Menschheit zurück. Sie haben nichts erfahren und nichts geduldet, sie sind nur von den kleinlichsten Leidenschaften gestreift, kein Sturm ist an ihrem Herzen vorübergefahren, und voll Vertrauen setzen sie sich nieder und massen sich an, die Herzen der Menschen zu richten und ihre Gefühle darzustellen. Wie jämmerlich würde ich mich in einem solchen buch ausnehmen! Wie würde der Verfasser unaufhörlich meine guten Anlagen bedauern und über die Verderbteit meiner natur jammern, und gar nicht ahnden, dass alles ein und eben dasselbe ist, dass ich von je so war, wie ich bin, dass von je alles berechnet war, dass ich so sein musste.

Jetzt will und kann ich zu Ihnen zurückkehren; ich bin schon auf dem Wege. Ich habe alles vergessen, Rosa, und Sie dürfen mir ohne Scheu oder Zurückhaltung näherkommen; ich hoffe, auch Sie haben alles das von mir vergessen, was mich in Ihrer Gesellschaft in Verlegenheit setzen könnte: für vernünftige Menschen muss nie eine Verlegenheit entstehen können, denn das Höchste, was sie tun können, ist, dass sie gestehn, dass sie irgendeinmal Narren waren, und das versteht sich ja immer von selbst, und sie sind von neuem Narren, indem sie es gestehen, Also können wir beide darüber ganz ruhig sein. – Grüssen Sie vor allen Dingen Andrea; er wird doch nicht krank sein, da Sie ihn damals so lange nicht gesehen hatten? – Leben Sie wohl, bald sehe ich Sie wieder. –

25

Ralph Blackstone an Mortimer

Bondly.

Wie befinden Sie sich, lieber Freund, wenn ich Sie so nennen darf? – Doch, warum sollte ich es nicht dürfen? Sie sind ja mein bester und mein aufrichtiger Freund; ohne Ihre hülfe wäre ich ja damals schon mit meiner Tochter Todes verblichen. Ach, ich glaubte damals nicht, unter den Menschen noch hülfe und Erbarmen anzutreffen, und da kamen Sie gerade und fanden mich durch einen glücklichen Zufall. Was wäre aus mir geworden, wenn Sie mich nicht angetroffen hätten? Ich kann es immer noch nicht vergessen. Manche Menschen wissen gar nicht, was Elend heisst, sie können sich daher die grosse menschliche Not, aber auch die menschliche Dankbarkeit nicht vorstellen, und es ist ihnen nicht zu verargen, wenn sie glauben, es gäbe gar keine dankbare Menschen. Es gibt auch viele undankbare Leute in der Welt, aber ich denke, dass ich nicht zu diesen gehöre; nachher gibt es solche, die, wenn sie aus der Armut in einen gewissen Wohlstand versetzt sind, sich nachher ihrer ehemaligen Armut schämen, und wünschen, dass alle sen möchten, die sie ihnen in schlimmern zeiten erwiesen haben, ja sie suchen sie sogar selbst zu vergessen, und daraus entsteht wieder eine andre Art von Undankbarkeit, die aus einer falschen Scham herrührt; man kann nicht sagen, dass die Ursache ganz schlecht sei, aber der Erfolg davon wird oft recht niederträchtig. Ich glaube, dass der Mensch auf recht verschiedenen Wegen schlimm werden kann, aber dafür hat der Mensch auch seinen Verstand, um sich vor solchen Abwegen zu hüten. Nehmen Sie mir mein weitläuftiges Geschwätz nicht übel, denn es kommt wirklich aus dem Herzen. – Ich lebe hier sehr froh und vergnügt, wie ein Vogel in den Lüften und in den grünen Baumzweigen. Ich suche, soviel es mir in meinem Alter noch möglich ist, meinem Schwiegersohne auf irgendeine Art nützlich zu sein, ich führe daher eine fleissige Aufsicht über den Garten, und mit meinen Augen bessert es sich täglich und zusehends, so dass ich diesem Geschäfte mit Bequemlichkeit vorstehen kann. Mit dem Gärtner, der ein etwas eigensinniger, aber sonst ganz guter Mann ist, habe ich manchen Streit, er bildet sich ein, einen gewissen guten Geschmack zu haben, und will mir den Garten immer viel zu künstlich machen. Man muss aber bei einem mann eine Schwäche übersehn, wenn er sonst gute und lobenswürdige Eigenschaften hat, und die kann man wirklich dem alten Tomas nicht so ganz und geradezu abstreiten: nur hat er ein Unglück, welches vielen ältern Leuten begegnet, dass er sich für klüger hält, als er wirklich ist, er macht mir daher oft mit seinen langwierigen Gesprächen eine ziemliche Langeweile. Er wurde neulich sehr böse, als er manches, was er eingerichtet hatte, wieder einreissen musste, aber die Ordnung machte es nötig. Die Jagd hatte mein Schwiegersohn und sein seliger Vater fast ganz eingehn lassen, aber ich denke sie noch mit Gottes hülfe wieder in Flor zu bringen. Es wäre sonst wirklich um das schöne und herrliche Revier schade.

Meine Tochter ist immer munter und vergnügt, dabei ist sie ausserordentlich gesund, und