davon. Der Blinde suchte nun seine Nahrung, auf die er sich gefreuet hatte, und fand sie nicht; schwermütig senkte er den Kopf nieder, und wie an alle Leiden gewöhnt und auf alle mögliche Unglücksfälle vorbereitet, legte er sich hin und schlief ein. Sein Schlaf war wie ein Ausruhn in einer bessern Welt. – Ich schlich mich davon, um nicht, wenn die Mutter zurückkäme, für den Dieb angesehn zu werden.
Dies ist das Bild der Menschheit! Oh, wie ist meine Phantasie mit Schmutz und ekelhaften Bildern angefüllt! – Wie oft leid ich hier in der grössten Versammlung der Menschen heimlichen Hunger, und keiner weiss es und keiner fragt darnach. – O Amalie, wenn Du es wüsstest, gewiss, Du würdest mir helfen. – Doch nein, nein, auch Du gehörst den Menschen an; Du würdest Dir eine Bequemlichkeit versagen müssen, die Dir vielleicht zum Bedürfnisse geworden ist. – Ich würde Dich nicht darum bitten, wenn ich Dich auch vor dem Lager meines Elends vorübergehen sähe. – Es soll aber anders werden! Es muss sich ändern! Es gibt keine Liebe und ich kann bei dieser keine hülfe suchen; ich muss mir durch mich selber helfen. Ist es nicht schändlich, dass ich hier liege und in meiner Trägheit jede gelegenheit vorbeischlüpfen lasse? – Es ist endlich Zeit, dass ich mich zusammenraffe. Sie werden mich nicht tadeln, Rosa, und Sie haben auch kein Recht dazu. – Leben Sie wohl, bis Sie einen bessern Brief von mir erhalten.
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William Lovell an Rosa
Chambery.
Es ist gelungen, Rosa, es ist gelungen, und ich bin wieder mutiger. Ich Tor! dass ich nun schon seit lange die Menschen kenne, und diese Kenntnis doch noch nicht benutzte! Nein, ich will nicht mehr ruhig neben ihnen, sondern durch sie leben; Sie haben unrecht, Rosa, offenbar unrecht, denn unser Verstand, die notwendigkeit, alles fordert uns dazu auf. Sie haben mir müssen standhalten, das Glück hat mir gehorchen müssen, und alles ist nun wieder gut.
Schon seit lange waren mir durch eine zufällige Bekanntschaft einige Spielerkniffe geläufig geworden, die ich albern genug war, niemals anzuwenden. Ich Narr sass immer mit meinen ehrlichen Händen da, und hob tölpisch und unbeholfen die Karten ab, indes mein Geld und mit ihm die achtung der Menschen, aller Lebensgenuss, jede Freude von meiner Seite schwanden. Wenn ich mir jetzt nicht als der grösste Dummkopf vorkomme, Rosa, so sollen Sie mich nie wieder Ihren Freund nennen: ich tat in meiner Einfalt mehr, als je die berühmtesten Philosophen, zusamschlimmsten Situation meines Lebens, ich verschenkte mein Geld, wenn ich gewonnen hatte, und war die Grossmut selbst, ich übte die grösste Selbstverleugnung aus, indem ich beim verdrüsslichsten Verluste, der mich elend machte, kalt blieb, und ganz vergass, dass ich ein Betrüger sein konnte. O der dummen, ungehirnten Ehrlichkeit! nachher lag ich mit meiner Ehrlichkeit auf den Marktplätzen und bettelte, statt zu morden, ich flehte das Wohlwollen der Menschen an, statt ihnen ihr Eigentum mit Gewalt zu entreissen; o Himmel! es waren oft dieselben Menschen, die durch mich waren reich geworden und die nun so kalt und mit so vieler Verachtung an mir vorübergingen, als wenn ich der unbekannteste und verworfenste Gegenstand wäre! Und doch hatten sie mich wahrscheinlich, ja gewiss, um mein Geld betrogen, und sie fuhren jetzt durch ihren Diebstahl in Kutschen, und ich lag mit meiner Ehrlichkeit am Wege und bettelte! – Das empört jeden Menschen, und auch mein Blut ward endlich erhitzt. Ich schwur mir selbst, dass es anders werden sollte, und wahrhaftig, es ist nun auch anders geworden. Ich tat nichts weiter, als dass auch ich meinen Beitrag zum allgemeinen Betruge lieferte, dass ich die Künste spielen liess, die in meiner Gewalt waren. – Warum gab es Narren, die sich mit mir einliessen? Sie haben mir nur meine verlorne Zeit und die Niederträchtigkeit ihrer Brüder bezahlt: jetzt ist nun alles wieder von allen Seiten richtig; ich bin sogar mit den Menschen auf eine gewisse Art wieder ausgesöhnt, soviel man sich mit ihnen wieder aussöhnen kann, wenn man sie einmal gekannt hat, und wär es auch nur in dem kleinen raum einer Stunde.
Ich spielte anfangs nur niedrig, und nach und nach höher und immer höher. Sie hätten sehen sollen, Rosa, wie alle die Menschen sich wieder um mich versammelten, und mir schmeichelten, und herzlich gegen mich waren, die mich noch vor wenigen Tagen auf der Strasse hatten liegen und hungern lassen. Ihrer aller Leben, aller Vermögen stand mir zu Gebote; man bewunderte die seltsame Laune des kühnen Engländers, der sich so gut habe verstellen können, um sich auf einige Zeit mit dem Elende der menschlichen natur recht bekannt zu machen. Ich hätte jedem ein Pistol vor den Kopf schiessen mögen, wenn ich nicht gehofft hätte, von ihnen zu gewinnen und mich so zu rächen. Es geschah; mein eigenes schönes Geld floss in meine Börse zurück, und je reicher ich wurde, je mehr Freunde bekam ich wieder. Die ganze Welt mit allen ihren Freuden war mir nun wieder aufgeschlossen. – O Gold! allmächtiges Gold! Ich will deinen Besitz künftig nicht wieder so gutmütig fahrenlassen, ich habe dich nun erst kennen und schätzen gelernt, ich verehre deine Allmacht! –
Ich möchte in manchen Stunden anfangen, meine