in einer gewissen Verlegenheit zu erhalten, aus Ursachen, die ich freilich nicht begreifen kann. Er ist eigensinnig, sosehr er mir auch meistenteils gewogen scheint, und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges, oder nur Auffallendes gegen seine Einwilligung tun. Ich habe ihn seit lange nicht gesehen, sosehr ich ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht entdecken, und ich kann mich auch nicht verbürgen, ob er etwas oder viel für Sie zu tun imstande wäre, da ich ihm schon zur Last falle, da er Sie immer für reich gehalten hat, und da es vielleicht der Fall ist, dass Sie seine Aufträge nicht auf die glücklichste Art ausgerichtet haben. Doch wie ich Ihnen sage, alles dies kann ich nicht beurteilen, und ich hoffe, dass er sich ganz zu Ihrem Besten erklären wird, sobald ich ihn spreche.
Mich wundert nur, und es ist mir unbegreiflich, wie Sie so gänzlich unvorsichtig handeln konnten. Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht belustigt zu haben, und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht widerstehn. Sie verachten die Menschen, und dennoch haben Sie recht darnach gestrebt, sich von ihnen abhängig zu machen, weil Sie das Drückende der Abhängigkeit noch nie empfunden haben. Warum rissen Sie sich nicht aus Ihren langweiligen Zirkeln los und kamen früher zurück? Sie hätten mir, Ihrem Freunde, dadurch die Unannehmlichkeit erspart, Ihnen eine so dringende Bitte abschlagen zu müssen. Überhaupt, um aufrichtig zu reden, wie konnte der verständige Lovell in den Irrtum jener gemeinen Menschen verfallen, die morgen auf mein Eigentum Anspruch machen, weil ich gestern mit ihnen in Gesellschaft lustig gewesen bin. Das ist eben das Kennzeichen der rohern Menschen, die nicht eine Stunde vertraulich sein können, ohne auf den Gedanken zu kommen, zu borgen, sie setzen dadurch sich und den andern in eine fatale Situation. Die feinern Menschen werden immer suchen nebeneinander, statt einer durch den andern, zu leben; sie werden jeden andern Dienst eher als die Unterstützung durch das Eigentum verlangen, denn auf jeden Fall muss der andre sich derangieren, er muss sich Bequemlichkeiten versagen, die ihm vielleicht zu Bedürfnissen geworden sind. – Doch alles das, lieber Lovell, sagt ich nicht im Bezuge auf Sie, denn könnt ich Ihnen helfen, so würde ich es sogleich, ohne weitere Einleitung, tun, denn es ist mir eben ein Beweis von der Grösse Ihrer Verlegenheit, dass Sie alle diese Vorstellungen beiseite gesetzt haben; aber um so mehr bedaure ich es auch, dass ich nicht imstande bin, Ihnen zu helfen. – Leben Sie recht wohl indes, und suchen Sie bald zu uns zu kommen; ich will mit
Andrea Ihretwegen sprechen, sobald ich ihn finde.
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William Lovell an Rosa
Paris.
Es ist gut, Rosa, alles was Sie mir da schreiben, und doch auch wieder nicht gut. Sie haben recht, und doch kann ich es nicht glauben; am Ende ist alles einerlei. Nur Vorwürfe hätten Sie mir nicht machen sollen. In der Gesellschaft muss man vergessen, dass man unter Menschen lebt; und ich will es auch vergessen. O der schönen, der teuren Freundschaft! Doch lassen Sie es gut sein, Rosa, ich will nicht weiter daran denken. – Ich war ein Tor, auf hülfe zu hoffen, das sehe ich jetzt sehr deutlich ein, vergessen Sie es auch, und rechnen Sie es zu meinen übrigen Torheiten, die Sie so oft bemitleidet haben.
Und was will ich denn auch mehr? Lebe ich nicht hier noch ebenso, wie sonst? Was kann man mehr verlangen, als zu leben? Ich bin jetzt mit dem Elende der unglücklichsten Geschöpfe vertraut, keine Menschenklasse ist mir nun mehr fremd; ich habe viel erfahren und gelernt. – Ich wohne jetzt unter Bettlern und lebe in ihrer Gesellschaft, ich sehe es, wie sich die Menschheit im niedrigsten Auswurfe zeigt, wie schönsten Blüte prangen: es zerreisst mir oft das Herz, wenn ich den Anblick des Jammers genau betrachte, wie sie von allen Bedürfnissen entblösst sind und ihre Sinnlichkeit sie beherrscht, wie sie gierig verschlingen, was sie zusammengebettelt haben, und ohne Tränen für ihr eigenes Elend sind; wie sie sich verleumden und gegenseitig verachten, wie es unter ihnen selbst Prahler und Verschwender gibt.
Neulich lag ich im Sonnenschein in der Ecke eines freien Platzes. Ein altes zerlumptes Weib kam und führte ihren blinden Sohn an der Hand; sie setzten sich nicht weit von mir nieder. – Mutter, fing der Blinde an, es brennt mir so auf den Augen, die Sonne scheint gewiss, wie du immer sagst. – Ja, sagte die Mutter, liebes Kind, setze dich hier nieder und ruhe aus. – Er hob langsam den Kopf in die Höhe, als wenn er den Himmel und seinen Sonnenschein suchen wollte.
Die Alte kramte nun jetzt ihre Beute aus. Brot mit Stücken rohen Fleisches, einige kleine Würste, Kuchen, alles lag vermischt in einem schmutzigen leinenen Sacke; sie biss oft von den einzelnen Stücken mit grosser Gier etwas ab; dann gab sie dem Sohne einen Kuchen, und befahl ihm, hierzubleiben und ihre Rückkehr abzuwarten.
Der Junge betastete den Kuchen mit allen Zeichen der Freude und des Wohlbehagens: er drehte den Kopf oft nach der Sonne, als wenn er sich gewaltig anstrengte, um endlich einmal zu sehen. Ein anderer Bettelbube schlich sich indessen näher, hob plötzlich den Kuchen von der Erde auf, und lief schnell